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04.03.2019

19:00

Kommentar

Der Kaufrausch der Pharmakonzerne ist gefährlich

Von: Siegfried Hofmann

Die Pharmariesen setzen weiter auf Milliarden-Deals, besonders im Biotech-Sektor. Auf lange Sicht sollten sie ihr Geld besser anders anlegen.

Das Top-Produkt wird in den nächsten Jahren den Patentschutz verlieren, und in der Forschung musste das US-Biotechunternehmen zuletzt einige Flops verkraften. Celgene

Forschung bei Celgene

Das Top-Produkt wird in den nächsten Jahren den Patentschutz verlieren, und in der Forschung musste das US-Biotechunternehmen zuletzt einige Flops verkraften.

Das Jahr hat für die Pharmabranche stürmisch begonnen. Gleich mehrere Milliarden-Transaktionen in den ersten beiden Monaten setzten das Signal für eine neue Übernahmewelle in der Branche – allen voran der 74 Milliarden Dollar teure Kauf von Celgene durch Bristol-Myers Squibb (BMS).

Aber inzwischen zeichnet sich ab, dass 2019 auch zum Jahr werden könnte, in dem verschärft über die Ratio dieser Deals nachgedacht wird. Bei BMS opponieren inzwischen immerhin mehrere namhafte Investoren gegen die geplante Übernahme von Celgene und wecken damit gewisse Zweifel, ob der Deal von den Aktionären am Ende wirklich abgesegnet wird.

Die Kritiker haben in diesem Falle durchaus Argumente auf ihrer Seite. Das Top-Produkt von Celgene wird in den nächsten Jahren den Patentschutz verlieren, und in der Forschung musste das US-Biotechunternehmen zuletzt einige Flops verkraften.

Auch der generelle Blick auf die Pharma-Akquisitionswelle der letzten Jahre mahnt zur Vorsicht, vor allem bei Deals, die auf schieres Größenwachstum zielten. Firmen wie Teva oder Valeant etwa handelten sich ernsthafte Probleme mit entsprechenden Zukäufen ein. Auch Übernahmen wie Hospira durch Pfizer oder Alcon durch Novartis entpuppten sich als eher enttäuschend für die beiden Pharmakonzerne.

Selbst im Bereich der kleineren und mittelgroßen Biotech-Übernahmen sind Warnsignale erkennbar, die den Akquisitionswettlauf infrage stellen könnten. Der US-Konzern Abbvie etwa musste in seinem jüngsten Abschluss gut fünf Milliarden Dollar Wertberichtigung auf die 2017 erworbene Tochterfirma Stemcentrx verbuchen, nachdem deren Krebsmittel Rova-T in klinischen Studien scheiterte.

Beachtliche finanzielle Ressourcen

Der Schweizer Pharmariese Roche hat in den letzten beiden Jahren insgesamt rund 3,5 Milliarden Dollar auf die US-Firma Intermune abgeschrieben, die er 2014 für mehr als acht Milliarden Dollar übernommen hatte. Das Top-Produkt von Intermune konnte ebenfalls nicht alle Hoffnungen erfüllen.

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Der Boom in der Forschung gibt den Konzernen bislang nur mäßig Schub. Patentabläufe und Preisdebatten begrenzen das Wachstumspotenzial.

Wirklich zügeln dürften solche Erfahrungen den Akquisitionshunger indessen kaum. Denn die Pharmariesen verfügen nach wie vor über beachtliche finanzielle Ressourcen, sie stecken operativ aber in einem Dilemma, aus dem sie sich auf preiswerte Art letztlich gar nicht befreien können.

Zum einen sind die Wachstumsraten in dem Sektor – ungeachtet optimistischer Stimmen aus vielen Chefetagen und der Klagen über steigende Medikamentenkosten vonseiten der Politik – keineswegs überragend. Die führenden 30 Arzneimittelhersteller der Welt steigerten ihre Erlöse 2018 auf Dollar-Basis in der Summe um etwa vier Prozent.

Rechnet man Währungs- und Akquisitionseffekte heraus, dürfte sich das durchschnittliche organische Wachstum in der Branche nur bei zwei bis drei Prozent bewegen. Und zumindest für das laufende Jahr ist eine Beschleunigung offenbar nicht in Sicht, trotz einer Rekordzahl an Neuzulassungen von Medikamenten.

Die große Mehrzahl der Pharmagroßkonzerne hat vielmehr für 2019 schwächere Wachstumsraten prognostiziert als im Vorjahr. Etliche wichtige Patentabläufe und auch die Preisdebatte in den USA bremsen das Geschäft. Bei vielen dürfte das Interesse an externem Wachstum hoch bleiben.

Viel Geld für die Newcomer

Zum anderen ist die Wissenschaft heftig in Bewegung. In etlichen Bereichen, so etwa in der Krebstherapie, in der Immunologie oder auch bei neuro-degenerativen Erkrankungen, zeichnet sich ein Innovationsschub ab. Neue Therapiekonzepte wie die Gentherapien oder die der RNA-basierten Wirkstoffe haben in den letzten Jahren erstmals ihre Marktreife bewiesen.

Gleichzeitig sind vor allem amerikanische Kapitalgeber nach wie vor bereit, Newcomer aus dem Biotechsektor großzügig zu finanzieren. Allein 2018 flossen mehr als 50 Milliarden Dollar an Risikokapital in den Sektor. Das heißt, es wachsen weiterhin zahlreiche neue Übernahmeobjekte oder auch potenzielle Konkurrenten heran.

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Die Fusion von Bristol-Myers Squibb und Celgene darf nicht über die Schwächen hinwegtäuschen. Die Branche ist nicht so innovativ, wie sie sich gibt.

Für Pharmafirmen ergeben sich damit neue Akquisitionsgelegenheiten, zugleich entsteht aber auch ein gewisser Druck, sich aus diesem Reservoir zu bedienen. Denn die Gefahr, links und rechts von Newcomern mit neuen Technologien und üppiger Kapitalbasis überholt zu werden, ist in den letzten Jahren gewachsen.

Um sich dagegen abzusichern, kommen die Pharmariesen kaum umhin, immer wieder neue und auch riskantere Wetten einzugehen. Die jüngsten Zukäufe der beiden Schweizer Konzerne Novartis und Roche im Bereich der Gentherapie sind dafür ein typisches Beispiel.

Umso wichtiger ist es für die Pharmakonzerne, ihre M&A-Strategien entsprechend auszurichten. Fehlinvestments werden sie dabei auch in Zukunft kaum vermeiden können. Dennoch dürfte es auf lange Sicht sowohl für die Aktionäre als auch für die Kunden wertvoller sein, wenn sie ihr Geld vor allem in neuen Technologien riskieren und nicht im Kauf von zusätzlichem Umsatz.

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