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14.11.2022

22:45

Kommentar

Der Kollaps der Börse FTX zeigt: Die Kryptobranche ist auf Sand gebaut

Von: Astrid Dörner

Die Pleite von FTX markiert das Ende der Krypto-Welt wie wir sie kennen. Sie muss sich neu erfinden. Das geht nur mit starker Regulierung.

Die Krypto-Börse ist binnen weniger Tage pleite gegangen. Reuters

FTX

Die Krypto-Börse ist binnen weniger Tage pleite gegangen.

Da ist er also, der Moment, vor dem viele Skeptiker immer gewarnt haben. Die Kryptowelt befindet sich in einer Abwärtsspirale, ausgelöst durch die Pleite der einst zweitgrößten Handelsplattform FTX.

An der Wall Street wird darüber diskutiert, ob dies eher vergleichbar ist mit dem Kollaps der Investmentbank Lehman Brothers im Jahr 2008, die sich mit riskanten Wetten im US-Hypothekenmarkt verspekuliert hatte. Oder ähnelt der Fall FTX eher mit der Pleite des Energiekonzerns Enron aus dem Jahr 2001, bei dem es um Bilanzbetrug ging? In diesem Fall ist es vermutlich eine Mischung aus beidem. Doch die Antwort ist letztlich egal.

Fest steht: Die einst so erfolgreiche Kryptowelt wird durch die Pleite von FTX nicht mehr so sein wie zuvor. Krypto nach FTX könnte ähnlich aussehen wie die Wall Street nach Lehman Brothers: Reguliert, ohne massive Kursausschläge nach oben und nach unten, langweilig.

Das wird für Profi-Investoren wie für Kleinanleger, Programmierer und Unternehmer eine schmerzhafte Umstellung werden. Doch es ist der einzige Ausweg aus dieser beispiellosen Krise. Sie zeigt: Die schöne neue Welt der Blockchains und digitalen Währungen ist auf Sand gebaut. Alle Initiativen zur Selbstregulierung in der Kryptowelt sind gescheitert.

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    Selbst renommierte Risikokapitalgeber haben offenbar nicht in die Bücher geschaut, bevor sie in die schnell wachsende Kryptobörse investiert haben. Zu verlockend war die Aussicht auf hohe Renditen und zu große die Angst, etwas zu verpassen. Risikokapitalgeber Sequoia, bekannt durch frühe Beteiligungen an Google und Paypal, investierte 210 Millionen Dollar in FTX. Das Private-Equity-Haus Thoma Bravo steckte 125 Millionen Dollar in das Projekt von Bankman-Fried. Für viele galt das als Gütesiegel. Die Investitionen haben sie mittlerweile komplett abgeschrieben.

    Anleger ziehen Bitcoin und Ether ab

    Derweil entfaltet sich die größte Vertrauenskrise der Krypto-Welt. Die zentrale Frage: Wenn die zweitgrößte Börse binnen weniger Tage Pleite gehen kann – wer ist dann noch sicher? Anleger haben in der vergangenen Woche Bitcoin im Wert von 3,7 Milliarden Dollar und Ether, die zweitgrößte digitale Währung, im Wert von 2,5 Milliarden Dollar von großen Börsen abgezogen, wie aus Daten des Analysehauses CryptoQuant hervor geht.

    „Gemini basiert auf Vertrauen, Sicherheit und Compliance“ heißt der Betreff einer Email, die die von den Winklevoss-Zwillingen gegründete Börse am Montag an ihre Nutzer verschickte, um sie zu beruhigen. Zuvor hatte sich auch Coinbase, der Marktführer in den USA mit einer ähnlichen Mail an seine Nutzer gewandt.

    Doch ausgerechnet das börsennotierte Unternehmen meldete vergangene Woche, als die Preise einbrachen, einen Ausfall, der mehrere Stunden anhielt. Die Nutzer kamen also nicht an ihr Geld, genau dann, wenn sie es am dringendsten wollten.
    Kris Marszalek, der CEO der Börse crypto.com stellte sich am Sonntag spontan für eine Frage-und-Antwort-Runde auf Twitter bereit, um seine Nutzer zu beruhigen. „Abhebungen funktionieren wie gewohnt“, betonte er erneut am Montag, es gebe keinen Grund in Panik zu verfallen.

    Analysten stellen sich dennoch auf weitere Domino-Effekte ein. Die Kryptobranche ist zu verwoben, als dass die Pleite eines der größten Spieler keine weiteren Nachwehen mit sich ziehen könnte. Eine Reihe von Hedgefonds haben in den vergangenen Tagen bereits eingeräumt, dass große Teile ihrer Assets nun auf FTX feststecken.

    Die Häme in der klassischen Finanzwelt ist groß. „Die Kryptobranche hat all die Fehler, die die klassische Finanzwelt über Jahrhunderte gemacht hat, in einen Zeitraum von gut zehn Jahren gequetscht“, resümiert das „Wall Street Journal“. Star-Investor Warren Buffett und seine rechte Hand, Charlie Munger, werden in diesen Tagen oft zitiert. „Bitcoin ist dumm und gefährlich“, attestierte Munger bereits 2018. Für Buffett war die Kryptowährung damals schon „Rattengift hoch zwei“.

    Das große Manko: In der Welt von Coins und Blockchains gibt es keine Zentralbanken, die Branche wollte schließlich ganz bewusst unabhängig von Regierungen sein. Die Nutzer, Investoren und Mitarbeiter der Kryptowelt haben das akzeptiert, bisweilen sogar zelebriert.

    Doch sie müssen nun feststellen, dass eine Vertrauenskrise ohne Mechanismen für den Ernstfall kaum zu stoppen ist. Die größte Kryptobörse, Binance, brachte nun eine Art Rettungsschirm ins Spiel, für Projekte die „ansonsten stark“ seien, doch sich akut in einer Liquiditätskrise befinden, wie CEO Changpeng Zhao ankündete. Das ist ein erster Schritt, doch es wird lange nicht ausreichen, um die Regulierer zu besänftigen.

    Hier muss noch ein großer Teil der Innovation passieren, um die nächste Phase der Kryptobranche einzuleiten. Die wichtigen Spieler hätten sich darum längst kümmern müssen, am besten in den guten Zeiten. Doch das ist ausgeblieben. Nun zahlen alle den Preis dafür.

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