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12.06.2019

16:55

Kommentar

Der Staat darf die Verlierer der Digitalisierung nicht abschreiben

Von: Frank Specht

Der Einfluss des Staates auf den digitalen Wandel ist begrenzt. Doch er muss ihn nutzen, um Arbeitnehmer zu schützen. Die Anreize des Marktes reichen nicht aus.

In vielen Branchen gibt es akuten Fachkräftemangel. obs

Fortbildung on in München

In vielen Branchen gibt es akuten Fachkräftemangel.

Es gab eine Regierung in einem Teil Deutschlands, die genau zu wissen glaubte, was ihre Bürger brauchten: Wie viel Toilettenpapier sie verwenden würden, wie viele Konserven kaufen, wie viele Schuhe. Diese Planwirtschaft ist mit dem real gescheiterten Sozialismus der DDR untergegangen.

Nun kann man der schwarz-roten Bundesregierung vieles vorwerfen, aber unter Sozialismusverdacht steht sie sicher nicht. Und doch steht die Nationale Weiterbildungsstrategie, die am Mittwoch vorgestellt wurde, für das fast verzweifelte Bemühen des Staats, die Zukunft zu planen.

Dabei lässt sich das Ausmaß der Veränderungen in der Arbeitswelt durch Digitalisierung, Mobilitätswende und Globalisierung mindestens genauso schwer vorhersagen wie der Klopapier- oder Konservenkonsum der DDR-Bürger.

Nun sind die Sorgen des Staats über den Zustand der Weiterbildung hierzulande durchaus berechtigt. Vielleicht umso mehr, als dass sich der Arbeitsmarkt derzeit radikal wandelt. Im Mai gab es bereits das erste Warnsignal, dass der bereits seit mehr als anderthalb Dekaden andauernde Boom auf dem deutschen Arbeitsmarkt dem Ende entgegengeht.

Dynamit des Beschäftigungswachstums lässt nach

Noch gehen die Experten zwar von weiter wachsender Beschäftigung aus, aber die Dynamik lässt nach. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis die Zahl der Arbeitslosen wieder stärker steigt als die der Erwerbstätigen. Auch die Tatsache, dass Firmen sich bei der Arbeitsagentur wieder verstärkt über Kurzarbeit informieren, deutet diese Wende an.

Steigende Arbeitslosigkeit in einzelnen Branchen wird künftig mit wachsendem Fachkräftebedarf in anderen einhergehen. Diese Gleichzeitigkeit macht die Entwicklung so schwer beherrschbar. In der Autoindustrie, bei Banken und Versicherungen oder im Handel werden voraussichtlich Jobs wegfallen, in der Pflege, in Kitas und Schulen oder im Handwerk werden händeringend Arbeitskräfte gesucht.

Auch die beste Weiterbildungsstrategie wird aber aus der Versicherungskauffrau nicht automatisch eine Pflegefachkraft machen. Hier stößt der gute Wille des Staates schnell an praktische Grenzen. Was also tun? Einfach alles den Marktkräften überlassen, bis sich Angebot und Nachfrage auf dem Arbeitsmarkt irgendwann einpendeln? Dies würde bedeuten, Digitalisierungsverlierer in Büros und Fabrikhallen einfach abzuschreiben.

Dass sich selbst namhafte Manager für das bedingungslose Grundeinkommen ausgesprochen haben, zeigt, dass sie viele ihrer ehemaligen Leistungsträger nur noch auf dem Abstellgleis sehen. Auf der anderen Seite wäre so ja noch keine einzige helfende Hand gewonnen, die in Pflegeheimen oder Kitas dringend benötigt wird. Diese Arbeitskräfte müssten dann mühsam aus dem Ausland angeworben werden.

Eine steigende Arbeitslosigkeit bei gleichzeitig wachsendem Fachkräftebedarf würde Deutschland, das sich an den jahrelangen Boom auf dem Arbeitsmarkt gewöhnt hat, hart treffen. Denn unser Wachstum, unsere Steuereinnahmen und unser Sozialsystem – und damit unser Wohlstand – hängen entscheidend am Faktor Arbeit, eine Tatsache, die die Apologeten des bedingungslosen Grundeinkommens gerne unterschätzen.

Staat sollte Kultur der zweiten Chance fördern

Allerdings ist die Lenkungsfunktion des Staates hier begrenzt. Über den Numerus clausus kann er das Studium ein wenig am Arbeitsmarktbedarf ausrichten, dann hört es aber schon fast auf. Weder kann er verhindern, dass junge Frauen eine Frisörlehre anfangen, obwohl Ingenieurinnen und Technikerinnen gebraucht werden.

Noch kann er von Unternehmen erwarten, Beschäftigte für Tätigkeiten zu qualifizieren, die im Betrieb gar nicht gefragt sind. Dagegen sprechen die vom Grundgesetz geschützte freie Berufswahl und die unternehmerische Freiheit.

Umso wichtiger ist, eine Kultur der zweiten oder dritten Chance zu etablieren. Die Weiterbildung im Betrieb kann der Staat getrost weiter den Unternehmen überlassen. Seine Unterstützung ist bei gänzlicher Neuorientierung gefragt. In der disruptiven Phase, in der sich der Arbeitsmarkt gerade befindet, wird Qualifizierung beim alten Arbeitgeber in vielen Fällen nicht ausreichen.

Beschäftigte müssen die Chance haben, einen ganz anderen Beruf zu ergreifen – auch noch im fortgeschrittenen Alter. Und ohne dabei in der Umschulungsphase zum Sozialfall zu werden. Modelle wie Langzeitkonten oder Bildungssparen liegen auf dem Tisch, werden aber zu wenig genutzt.

Stärker fördern könnte der Staat auch die räumliche Mobilität, weil zum „Mismatch“ bei der Qualifikation oft der geografische Faktor hinzukommt. Die Fähigkeiten des Beschäftigten sind vielleicht durchaus noch gefragt – nur eben nicht da, wo er wohnt.

Nach dem Ende der Planwirtschaft fanden viele DDR-Beschäftigte keinen Anschluss mehr im neuen Wirtschaftssystem, was sich an den Wahlergebnissen der Rechtspopulisten im Osten zeigt. Das sollte in der digitalen Zeitenwende kein zweites Mal passieren: Wer die Verlierer des neuen Strukturwandels sich selbst überlassen will, gießt Wasser auf die Mühlen der AfD.

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