MenüZurück
Wird geladen.

23.04.2019

16:28

Kommentar

Der VW-Aufsichtsrat muss seinen peinlichen Freispruch für Winterkorn kassieren

Von: Dieter Fockenbrock

Martin Winterkorn muss sich im Dieselskandal verantworten. Der Aufsichtsrat sollte jetzt die Chance nutzen, die Jubelarie für den Ex-Chef zurückzunehmen.

Gegen den ehemaligen Vorstandsvorsitzenden von Volkswagen läuft eine Anklage wegen schweren Betrugs. dpa

Martin Winterkorn

Gegen den ehemaligen Vorstandsvorsitzenden von Volkswagen läuft eine Anklage wegen schweren Betrugs.

Dreieinhalb Jahre nach dem Höhepunkt des Skandals um manipulierte Abgaswerte könnte das oberste Kontrollgremium des Volkswagen-Konzerns endlich die Chance nutzen, seine eigene Reputation, ja sogar den Ruf der gesamten Corporate Governance in Deutschland zu retten. Dazu muss der Aufsichtsrat allerdings über seinen eigenen Schatten springen und eine Stellungnahme aus dem Jahre 2015 revidieren. Damals war Konzernchef Martin Winterkorn vom Präsidium des Aufsichtsrats kurzerhand generalentlastet worden.

Am Dienstag kommt das Gremium zusammen. Es ist eine der letzten Gelegenheiten dafür.

Am 23. September des Jahres 2015, VW-Vorstandschef Martin Winterkorn hatte gerade per Mitteilung an den Finanzmarkt seinen Rücktritt bekanntgegeben, ließen die Mitglieder des Präsidiums verbreiten, dass nach ihrer Feststellung „Herr Professor Dr. Winterkorn keine Kenntnis hatte von der Manipulation von Abgaswerten“. Gefolgt von einer Jubelarie für den Ex-Chef: „Seine Bereitschaft, die Verantwortung zu übernehmen und damit ein deutliches Signal in das Unternehmen hinein und nach außen zu senden, wird von dem Präsidium mit größter Hochachtung zur Kenntnis genommen.“

Exakt das Gegenteil ist nun im Statement der Staatsanwaltschaft Braunschweig nachzulesen. „Dem ehemaligen Vorstandsvorsitzenden Dr. Martin Winterkorn wird tateinheitlich ein besonders schwerer Fall des Betruges, ein Verstoß gegen das Gesetz gegen den unlauteren Wettbewerb sowie eine Untreue vorgeworfen“, heißt es in der Mitteilung vom 15. April.

Winterkorn habe es „seit dem 25.5.2014 als ,Garant‘ unterlassen, nach Kenntnis der rechtswidrigen Manipulationen an Diesel-Motoren“ diese Behörden und Kunden offenzulegen und den weiteren Einbau der Schummelsoftware zu untersagen. Ergebnis: milliardenschwere Geldbußen und möglicherweise vermeidbare Vermögensschäden für VW.

Die damalige Ehrenerklärung der Kontrolleure basierte wohl eher auf Vertrauen als auf wirklichem Wissen. Dieter Fockenbrock – Handelsblatt

Natürlich gilt: Angeklagt ist nicht verurteilt, insofern müssen erst einmal die Richter richten. Doch in einer Frage dürften kaum Zweifel bestehen: Der Aufsichtsrat, beziehungsweise sein Präsidium als oberstes Lenkungsgremium mit Vertretern der Eigentümerfamilie, des Landes Niedersachsen und der Arbeitnehmer, kann so kurz nach dem Auffliegen des Skandals definitiv nicht auf einer soliden Faktenlage geurteilt haben wie die Braunschweiger Staatsanwälte nach ihren jahrelangen Ermittlungen.

Kurzum: Die damalige Ehrenerklärung der Winterkorn-Kontrolleure basierte wohl eher auf Vertrauen als auf wirklichem Wissen. Bei den Staatsanwälten dürfte es genau umgekehrt sein. Nimmt der Volkswagen-Aufsichtsrat, der zum Zeitpunkt der Ehrenerklärung vom Gewerkschaftsboss Berthold Huber kommissarisch geleitet wurde, die Arbeit der staatlichen Ermittlungsorgane auch nur halbwegs ernst, müsste er seine eigene Position zum früheren Vorstandschef zumindest infrage stellen, wenn nicht gar revidieren.

Was aber nichts anderes heißt, als die eigene Erklärung zurückzunehmen und auf Basis neuer Erkenntnisse die Einschätzung des Winterkorn‘schen Wirkens zumindest zu prüfen. Mehr kann vom Aufsichtsrat des Autokonzerns, der sich nun wirklich nicht mit Ruhm in der Causa Dieselaffäre bekleckert hat, wohl nicht erwartet werden. Aber es sollte das Mindeste sein.

Ohnehin dürften im Hintergrund die Haus- und Hofjuristen des Unternehmens längst nervös geworden sein. Was, wenn Winterkorn verurteilt wird – nicht nur wegen Betrugs, sondern weil er Vermögensschäden für das Unternehmen verursacht hat, für das er so lange verantwortlich zeichnete?

Dann müssten die VW-Aufseher sogar Schadensersatzansprüche gegen Winterkorn geltend machen, so wie es das Recht verlangt. Schadensersatzansprüche gegen einen Mann, der „sich um Volkswagen unschätzbare Dienste erworben hat“, wie es das Präsidium 2015 formulierte? Das ginge nun gar nicht mehr zusammen.

Dieselskandal : Ex-VW-Chef Martin Winterkorn droht ein jahrelanger Prozess

Dieselskandal

Ex-VW-Chef Martin Winterkorn droht ein jahrelanger Prozess

Die Staatsanwaltschaft hat Anklage gegen den früheren VW-Chef erhoben. Es könnte jedoch noch lange dauern, bis Winterkorn vor Gericht gestellt wird.

Volkswagen tut sich ohnehin schwer mit der Aufarbeitung der Dieselaffäre. Doch bevor Richter eines Tages vernichtende Urteile über Vorstände fällen, sollte der Aufsichtsrat wenigstens peinliche Fehleinschätzungen der Vergangenheit abräumen. Dem amtierenden Aufsichtsratsvorsitzenden Hans Dieter Pötsch dürfte das umso leichter fallen, als er selbst damals noch Finanzchef des Konzerns war und damit auf der anderen, der operativen Seite saß.

Das hat ihm ohnehin immer wieder den Vorwurf eingehandelt, womöglich nicht unabhängig zu sein. Jetzt könnte Pötsch an der Spitze des Volkswagen- Kontrollgremiums zumindest unter Beweis stellen, dass Unabhängigkeit des Aufsichtsrats auch in Wolfsburg ein hohes Gut ist. Es würde vielleicht nicht dem Unternehmen zur Ehre gereichen, aber der Unternehmensführung in Deutschland. Sich selbst zu korrigieren erfordert hohe Souveränität.

Kommentare (2)

Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.  Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.

Herr Hans A.K. Dr. Edelmann

23.04.2019, 17:12 Uhr

Wie sagt der Volksmund über den Verlust der Glaubwürdigkeit? Das ist schmerzhaft.
Hoffnungsvoller klingt Christian Morgenstern (1871/1914) zum Thema 'Wahrheit':
Die zur Wahrheit wandern,
wandern allein,
keiner kann dem andern
Wegbruder sein.

Herr Juergen Philippi

23.04.2019, 17:56 Uhr

Ich denke eine Wirtschaftszeitung bzw. Handelszeitung sollte sich auch in Kommentaren nicht auf moralische Themen konzentrieren, sondern auf wirtschaftliche Zusammenhänge.
Das hat stark ein Geschmäckle in Richtung digitale Justiz.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×