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06.09.2019

10:22

Kommentar

Der Windkraft-Ausbau kann nicht beliebig weitergehen

Von: Klaus Stratmann

Der Flächenverbrauch für Windkraft ist erheblich, der Widerstand von Einwohnern und Naturschützern groß. Das Wachstum der Branche stößt an Grenzen.

Die Windenergiebranche steckt in einer tiefen Krise. dpa

Windenergie

Die Windenergiebranche steckt in einer tiefen Krise.

Die Krise der Windbranche ist nicht von der Hand zu weisen. Die Jahre, in denen in Deutschland Windräder mit einer Leistung von 4.000 Megawatt und mehr installiert wurden, erscheinen aus heutiger Sicht nicht wiederholbar. Im ersten Halbjahr 2019 gab es so gut wie keinen Zubau mehr. Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) hat dieses Alarmzeichen erkannt, am Donnerstag traf sich die Branche mit dem Minister zu einem Krisengipfel. Das Signal, das Altmaier aussenden will, ist klar: „Seht her, ich habe das Problem verstanden und werde alles tun, um es zu lösen.“ Doch die Erfolgsaussichten sind gering.

Dafür gibt es verschiedene Gründe. Die einen sind sehr konkret und manifestieren sich in massivem Widerstand von Naturschützern und klagefreudigen Anwohnern; die anderen wiegen noch schwerer: Es stellt sich die Frage, ob die Windkraft überhaupt jemals das wird leisten können, was ihre Verfechter in Aussicht stellen.

Die Proteste gegen fast jeden einzelnen Windpark im Land haben eine Dimension angenommen, die man noch vor wenigen Jahren für unmöglich gehalten hätte. Hinzu kommen quälend lange Genehmigungsprozeduren. Nach Angaben der Branche stecken rund 11.000 Megawatt installierter Windkraftleistung in Verfahren fest, die insgesamt drei bis fünf Jahre dauern können.

Weitere 4000 Megawatt sind der Branche zufolge blockiert durch Einwände der Flugsicherung, weitere 800 Megawatt bereits erteilter Genehmigungen werden beklagt. Belange des Vogelschutzes, als zu gering empfundene Abstände zur Wohnbebauung, Lärmbelästigung oder Schattenwurf sind die Hauptgründe für Klagen und Proteste. Hinzu kommt, dass zu wenig Flächen ausgewiesen werden oder rigide Abstandsregelungen gelten, die Ausbauvorhaben im Keim ersticken.

Die Branche hat eine Reihe von Vorschlägen gemacht, um wieder in Fahrt zu kommen. Einige davon erscheinen praktikabel, etwa die Forderung, dass Bund und Länder die Ausweisung von Flächen besser abstimmen oder der Ersatz alter Anlagen durch neue Anlagen („Repowering“) erleichtert wird. Auch der Widerstand der Branche gegen pauschale, rigide Abstandsregelungen dürfte fruchten. Die seit Jahren bestehenden Hindernisse, die sich aus den Belangen der Flugsicherung ergeben, lassen sich ebenfalls beiseite räumen.

Hohe rechtliche Hürden für den Ausbau der Windkraft

Bleibt noch das schwierigste Thema, der Naturschutz. Die Branche fordert, die Windkraft zu privilegieren. Die Frage, ob der Rotmilan mehr Wert hat als ein neues Windrad, soll möglichst zugunsten der Windbranche beantwortet werden. Die Unternehmen sprechen davon, naturschutzrechtliche Vorgaben müssten „standardisiert“ und „praktikabel“ ausgelegt werden. Sie argumentieren, der Ausbau der Windkraft diene dem Klimaschutz, der Klimaschutz wiederum dem Artenschutz. Das ist eine sehr angreifbare Logik.

Schon meldet sich das Bundesamt für Naturschutz, es untersteht dem Bundesumweltministerium, zu Wort und weist darauf hin, der Ausbau der Windkraft müsse „mehr noch als bisher an den für Naturschutz und Landschaftspflege verträglichsten Standorten erfolgen“. Artenschutz sei bei der Planung und Prüfung von Windenergie-Standorten „von Anfang an mit zu berücksichtigen“. Forderungen zur Verstetigung des Ausbaus der Windkraft dürften nicht zulasten von Natur und Landschaft gehen. Das Bundesamt mahnt sicherheitshalber gleich auch die rechtskonforme Umsetzung des europäischen und deutschen Artenschutzrechts an.

Jedem Laien erschließt sich, dass Landschafts- und Naturschutz auch in Zukunft hohe rechtliche Hürden für den Ausbau der Windkraft bedeuten werden. Der Flächenverbrauch für die Windkraft ist erheblich – die Sensibilität für den Artenschutz auch.
Hier schließt sich der Kreis. Der Ausbau der Windkraft ist bereits an Grenzen gestoßen, die sich nur teilweise werden abbauen lassen. Die Branche darf das beklagen. Die Politik allerdings muss die Realität akzeptieren und darf nicht länger so tun, als ließen sich die unbestreitbaren Erfolge der Windkraft aus den vergangenen Jahren beliebig fortsetzen.

Womit wir beim schwierigsten Teil des Themas sind: Wie viel Windkraft ist überhaupt verkraftbar und realistisch? Dazu ein kurzes Zahlenspiel: Im vergangenen Jahr lieferten die Windräder in Deutschland 113 Terawattstunden Strom. Der Nettostromverbrauch in Deutschland lag im vergangenen Jahr bei 527 Terawattstunden. Allen Prognosen und politischen Willensbekundungen zufolge wird in Deutschland künftig noch wesentlich mehr Strom verbraucht, weil Strom auch im Verkehrssektor oder zum Beheizen von Gebäuden eingesetzt werden soll, Fachleute nennen das Sektorkopplung.

In verschiedenen Studien wird eine Vervielfachung des Stromverbrauchs durch diese Sektorkopplung prognostiziert. Wer der Windkraft dabei eine noch wichtigere Rolle zubilligen will und ihren prozentualen Anteil noch steigern möchte, stößt im wahrsten Sinne an Grenzen. Dafür ist das Land eben einfach zu klein.

Mehr: Tristesse bei der Windenergie: Tausende von Arbeitsplätzen sind verloren. Der Ausstieg aus der Windkraft könnte noch schneller kommen als der aus der Kohle.

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