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09.10.2019

16:05

Kommentar

Der Wurstskandal zeigt: Wir brauchen endlich mehr Lebensmittelkontrolleure

Von: Katrin Terpitz

Schwarze Schafe haben es immer leichter, denn es fehlt eine schlagkräftige Lebensmittelpolizei. Und auch Verbraucher tragen eine Mitschuld.

Die Fleischindustrie muss stärker überwacht werden. dpa

Wurst im Visier

Die Fleischindustrie muss stärker überwacht werden.

Gammelfleisch, Fibronil oder Salmonellen in Eiern, Pferdefleisch in Lasagne und jetzt mindestens zwei Tote durch Listeriose-Bakterien in Wurst von Wilke – die Liste der deutschen Lebensmittelskandale ist so lang wie ekelerregend. Mitarbeiter des hessischen Herstellers haben heimlich Fotos gemacht von Würsten und Leberkäse, dick überzogen mit weißem Schimmel.

Aber offenbar hat jahrelang keiner gewagt, die Behörden zu warnen. Die Angst vor dem Verlust des Arbeitsplatzes war wohl größer als das schlechte Gewissen.

Während sich die Ernährungsbranche derzeit auf der 100. Branchenmesse Anuga in Köln feiert, kommen jeden Tag scheibchenweise neue Firmen zutage, die verseuchte Wilke-Wurst gekauft haben. Dabei zählt bei einem Rückruf in Zusammenhang mit gefährlicher Listeriose jede Stunde.

Die diversen Behörden auf Bundes-, Landes- und Gemeindeebene haben beim Rückruf und der Kontrolle ein klägliches Bild abgegeben. Gesetze zur Überwachung haben wir genug. Doch jetzt zeigt sich: Die dubiose Firma hätte wohl schon Wochen oder gar Jahre früher dichtgemacht werden können. Hier liegt klares Behördenversagen vor.

Auch wenn es nicht so wirkt: Noch nie waren unsere Lebensmittel so sicher wie heute. Doch wenn irgendwo Probleme auftreten, sind oft gleich Hunderttausende Verbraucher in mehreren Ländern betroffen. Die globalen Liefer- und Vertriebsketten sind lang und verzweigt. Lebensmittelskandale ziehen in unserer vernetzten Welt meist große Kreise.

Deshalb gibt es deutlichen Verbesserungsbedarf bei der Kontrolle. Es liegt ein klarer Interessenkonflikt vor, wenn die Kommune, die lokale Lebensmittelfirmen überwachen und notfalls schließen lassen soll, auch für die Wirtschaftsförderung der Region zuständig ist. Selbst Fleischmogul Clemens Tönnies fordert nun eine zentrale Kontrollinstanz, die neutraler prüfen und überwachen kann.

Die Zahl der untersuchten Proben sinkt

Tatsache ist: Von den rund 1,2 Millionen Lebensmittelbetrieben in Deutschland wurden 2018 gerade einmal 42 Prozent von der Lebensmittelüberwachung unangekündigt kontrolliert. Zudem sind die Behörden mit Kontrolleuren oft chronisch unterbesetzt. Die Folge: Die Zahl der untersuchten Proben sinkt seit Jahren.

Um der Personalnot beizukommen, sollen Betriebskontrollen und Proben künftig noch „risikoorientierter“ erfolgen, so lautete zumindest ein Gesetzentwurf. Vernünftiger wäre es, endlich mehr amtliche Lebensmittelkontrolleure einzustellen. Hier muss der Bund notfalls finanziell unter die Arme greifen. Schließlich hat der Staat eine Fürsorgepflicht gegenüber seinen Bürgern.

Selbst der EU-Rechnungshof mahnte im Januar, die EU-Staaten seien überfordert mit den Lebensmittelkontrollen. Das liege auch an den Regeln, die überfrachtet seien. Tausende Stoffe, vor allem schädliche Chemikalien, werden praktisch nicht kontrolliert, kritisiert der Rechnungshof.

Stattdessen sollen die Hersteller noch mehr in die Pflicht genommen werden, Proben zu nehmen und zu dokumentieren. Doch solange es zu wenige Kontrollen gibt und die Strafen lasch sind, dürfte dies Hygieneschlamper und kriminelle Geschäftemacher kaum abschrecken. Zwar hat sich die Zahl der Beanstandungen nach 2017 schlagartig halbiert. Allerdings nur, weil Fälle, die lediglich verwarnt wurden, nicht mehr in die Statistik einfließen.

Oft ist es wirtschaftliche Not, die Hersteller zu Tricksereien und schlampiger Hygiene verführt. In der Wurstbranche schreiben die meisten Firmen Verluste, viele wurden aufgekauft. Zuletzt ließ die Schweinepest in Asien die Weltmarktpreise für Schweinefleisch explodieren.

Verbraucher tragen eine Mitverantwortung

Den Herstellern ist es aber nicht gelungen, ihre höheren Kosten weiterzugeben. Die großen Handelsketten werden immer mächtiger und drücken im Einkauf gnadenlos die Preise. Wer sich als Lebensmittelproduzent nicht darauf einlässt, fliegt aus den Regalen.

Auch wir Verbraucher tragen mit unserer „Geiz ist geil“-Mentalität eine Mitverantwortung: Die Deutschen kaufen Fleisch am liebsten günstig vom Discounter. Dass etwa Hähnchenfleisch aus Massentierhaltung zum Großteil mit Keimen von Salmonellen bis Campylobacter verseucht ist, scheint dabei die wenigsten zu stören. Vom „Greta-Effekt“ ist auf unseren Tellern noch wenig zu spüren. Wer Lebensmittel aus Qualitätsanbau oder -zucht kauft, meidet Verunreinigungen. Die Verbraucher müssen aber auch bereit sein, dafür mehr zu zahlen.

Und schließlich müssten Lebensmittelpanscher und Hygienesünder endlich öffentlich beim Namen genannt werden. Grobe Hygieneverstöße von Firmen, die einzelne Verbraucher heute über Plattformen wie „Topfsecret“ im Einzelfall bei den Behörden zur Einsichtnahme rechtlich einfordern können, sollten grundsätzlich im Internet für jeden einsehbar sein.

Transparenz kann als erzieherische Maßnahme Wunder wirken und Hersteller zu sorgfältigerem Handeln animieren. Denn die Gesundheit der Bürger ist immer noch ein höheres Gut als der Imageschaden eines Unternehmens.

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