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04.02.2019

17:00

Kommentar

Deutschland hätte schon längst eine eigene Batteriezellenfabrik haben können

Von: Kathrin Witsch

Bei der Batteriezellenproduktion hat die Industrie bislang gezögert. Dabei sollte sie sich fragen: Was verliert man, wenn man es nicht macht?

Eine Batteriezellenproduktion im eigenen Land könnte zumindest etwas mehr Versorgungsautonomie gegen die vorherrschende Macht der asiatischen Hersteller bieten. dapd

Elektromobilität

Eine Batteriezellenproduktion im eigenen Land könnte zumindest etwas mehr Versorgungsautonomie gegen die vorherrschende Macht der asiatischen Hersteller bieten.

Seit Monaten trommelt eine seltene Allianz aus Gewerkschaftern, Politikern und Wissenschaftlern für den Einstieg in die Produktion von Batteriezellen. Nur die Industrie hält sich zurück. Elektroautos sind auf dem Weg in den Massenmarkt, und die Gewichte in der Autoindustrie verschieben sich dramatisch Richtung Batteriezelle. Rund ein Drittel der Wertschöpfung eines solchen Stromautos steckt in der Zelle.

Und die wichtigsten Lieferanten dieser Technik sind nicht Bosch, Siemens oder Continental. Sie heißen CATL, Samsung SDI, LG Chem und Panasonic und sitzen in China, Korea und Japan. Sie beherrschen den weltweiten Markt und bestimmen die Preise auch für Schwergewichte wie Daimler oder VW.

Das zentrale Argument der Made-in-Germany-Verfechter: Wenn Deutschland jetzt nicht endlich eine eigene Zellfabrik auf den Weg bringt, könnte nicht nur der Anschluss an einen der wichtigsten Zukunftsmärkte verloren gehen, sondern es droht die Gefahr, sich in die Abhängigkeit asiatischer Produzenten zu begeben. Deswegen seien Pläne für eine erste deutsche Batteriezellenfabrik, wie sie zurzeit in Nordrhein-Westfalen Gestalt annehmen, der einzige richtige Weg.

Aber diese Pläne müssten nun auch schleunigst in die Tat umgesetzt werden. Je schneller die gerade anziehende Nachfrage nach Elektroautos wächst, desto mehr Macht bekommen die Batterieproduzenten. Waren es früher die Autofirmen, die den Markt bestimmten, so sind es heute die Zellenhersteller.

Eine Batteriezellenproduktion im eigenen Land könnte zumindest etwas mehr Versorgungsautonomie gegen die vorherrschende Macht der asiatischen Hersteller bieten. Dafür muss Deutschland nicht einmal in der ersten Reihe der globalen Hersteller mitspielen. Die Konkurrenz ist längst viel zu mächtig. Aber ein Sicherheitsnetz, das sollte eine Autonation schon haben.

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Natürlich auch, weil es um Tausende Arbeitsplätze geht. Heute hängen laut Ifo-Institut in Deutschland rund 600.000 Jobs an der konventionellen Motorentechnik. Diese Arbeitsplätze wird niemand garantieren können, wenn der Wechsel auf Stromautos richtig Fahrt aufnimmt.

Zwar pumpen die Autohersteller Milliarden in die Fortbildung ihrer Mitarbeiter und die Umrüstung ihrer Werke, aber alle Experten sind sich einig: Der Umstieg auf die Elektromobilität wird Jobs in der Produktion kosten. In der Zellenproduktion werden neue entstehen.

Der Industrie fehlt es an Mut und Risikobereitschaft

So findet man einige gute Gründe, warum Deutschland seine eigene Zellfabrik braucht. Doch die Industrie zögerte bislang. Zu kapitalintensiv, zu riskant sei das Investment.

Beispielsweise hat der schwäbische Technologiekonzern Bosch das Thema nach langem Zögern vor einem Jahr abgehakt. Mindestens 20 Milliarden Euro hätten die Stuttgarter investieren müssen, um im Weltmarkt mitspielen zu können. Deshalb wurde der Einstieg in die Zellproduktion als „nicht vertretbar“ abgebrochen.

Elektromobilität: Erste deutsche Batteriezellenfabrik könnte nach NRW kommen

Elektromobilität

Erste deutsche Batteriezellenfabrik könnte nach NRW kommen

Pläne für die erste deutsche Zellfabrik nehmen Gestalt an – und ein Standort ist auch schon in Sicht: Nordrhein-Westfalen. VW und Ford bestätigten, dass es Gespräche über eine mögliche Kooperation gebe.

Auch Daimler hatte die bereits aufgebaute Zellproduktion bei Li-Tec im sächsischen Kamenz 2015 eingestellt. Auf absehbare Zeit sei die Fertigung der Batteriezellen für Elektro- und Hybridautos nicht wirtschaftlich, hieß es.

Dieselben Argumente gelten heute noch. Die Herstellung von Zellen ist sehr kostenintensiv, und das Geschäft braucht einen sehr langen Anlauf, bis es endlich rentabel wird. Und dann heißt es auch noch, dass man nicht viel Geld mit Batterien verdienen könne. Aber die richtige Frage lautet doch, was man verliert, wenn man es nicht macht.

Hier fehlt es der deutschen Industrie schlicht an Mut und Risikobereitschaft. Die Autobauer wollen es sich nicht mit ihren jetzigen Lieferanten verscherzen, deren Verträge gerade erst erneuert wurden. Und Bosch, Evonik, BASF und Co. scheuen die hohen finanziellen Einstiegsschwellen ins Geschäft.

Chance statt Megarisiko

Deutschland hätte schon längst eine eigene Batteriezellenfabrik haben können. Stattdessen wird bis zur letzten Minute gewartet, um die Hand für die Fördergelder der Politik aufzuhalten. Und immer noch gibt es nur vage Pläne und grobe Überlegungen. Derweil läuft die Uhr.

Immerhin, die Hand öffnet sich nun. Die Politik hat erkannt, dass eine nationale Batteriezellenfertigung auch eine große Chance sein kann, nicht nur ein Megarisiko.

So kommt auf den letzten Metern doch noch Bewegung in das Thema. Bemerkenswert allerdings ist es, dass die bisher einzige halbwegs konkrete Zusage von einer Handvoll Unternehmen kommt, die eigentlich keiner so richtig auf dem Schirm hatte, angetrieben von dem Aachener Professor Günther Schuh. Der hat die etablierte Automobilindustrie ja schon einmal vorgeführt, indem er ein günstiges Elektroauto entwickelte und auf den Markt gebracht hat.

Ja, das Geschäft mit der Zellproduktion ist noch eine andere Nummer, milliardenschwer, hochriskant und äußerst volatil. Viel riskanter aber ist es, diese Basistechnologie anderen zu überlassen. Und das in einem Land, in dem die Elektromobilisierung als die größte Umwälzung im wichtigsten Wirtschaftszweig gilt.

Kommentare (3)

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Herr Andre Peter

04.02.2019, 18:51 Uhr

Die Automobilhersteller haben mit sehr hohen Risiken und Unsicherheiten zu kämpfen, gerade was die Abgaswerte betrifft. Heute getätigte Investitionen können morgen schon wertlos sein. Wie sollen da die deutschen Automobilhersteller in neuen Technologien wie der
Batterie investieren.

Herr Matthias Moser

04.02.2019, 18:59 Uhr

Was Herr Andre Peter schreibt ist leider wahr. Man kann sich als Unternehmer nicht mehr mittel- und langfristig auf die Politik verlassen. Das ist für große Investitionen, die meist auf viele Jahre angelegt sind, Gift. Und das läßt man dann eben im Schrank. Die deutsche Politik muß wieder verläßlich werden und darf nicht kurzfristig denken und handeln. Leider fehlt in Berlin auch großräumig der Sachverstand, was Mittelstand und Industrie angeht. Am Ende fehlt uns dann die Wirtschaftskraft, die internationale Wettbewerbsfähigkeit und die Arbeitsplätze.

Herr Alexander Kraft

05.02.2019, 14:54 Uhr

Dieser Bericht reiht sich nahtlos in eine Reihe weiterer Nachrichten ein, deren Tenor in die gleiche Richtung geht: Die deutsche Automobilindustrie hat überhaupt kein Interesse daran, eine Entwicklung zu forcieren, deren Ziel eine Umschichtung einen Großteil der Jobs in der von fossilen Brennstoffen abhängigen Automobilindustrie und deren Zulieferer zur Folge hat. Seit Jahrzehnten verschwinden Patente, die in Richtung ruckartiger Verbesserung der E-Mobilität zielen und zielten, in den Schubladen der Großkonzerne. Diese Vorgehensweise ist zum einen verständlichen, da es hier um die Umwälzung eines großen Teils der Jobs dieser Industrie geht. Wie viele genau die konsequente Umstellung von Verbrennungs- auf Elektromotoren an Arbeitsplätzen verloren gehen, ist bisher nicht offen thematisiert worden. Wenige Artikel schreiben von einigen Hunderttausend. Verschleißarme und rekuperationsfähige Elektrosysteme vs. Motoreinheiten mit Antriebssträngen, Bremssystemen und komplizierten Kupplungssystemen. Da hat man schon seit vielen Jahren die Schwachstelle ausgemacht, deren Entwicklung man Jahrzehnte im großen Stil sabotiert hat: Zu teuer, zu umweltgefährdend, zu ineffizient, zu unhandlich, zu geringe Reichweite - der AKKU. Forget it. Die Karte wird bis zum Ende gespielt. Die Lüge wird so lange es geht aufrecht erhalten. Kuwait hält einen Großteil der Stammaktien von Daimler - ein Schelm, wer böses dabei denkt. Der Wandel einer der größten deutschen Industrien braucht Zeit. Im Optimalfall hilft die natürliche Fluktuation beim Abbau der Arbeitsplätze, der Gesetzgeber hält sich mit Deadlines für Verbrennungsmotoren ob der Sprengkraft für den Arbeitsmarkt noch zurück. Die Chinesen gehen in Richtung Quoten für Elektro bzw. Hybridautos. Auf der anderen Seite läuft man mit dieser Vorgehensweise Gefahr, die Entwicklung in Kernbereichen der Elektromobilität zu verpassen, wenn man nicht parallel entwickelt....oder eines der alten Patente plötzlich wieder zum Vorschein kommt.......

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