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25.06.2019

19:29

Kommentar

Deutschland sollte nicht einseitig auf Elektromobilität setzen

Von: Dieter Fockenbrock

Verkehrswende und Klimawende stellen das Land vor enorme Herausforderungen. Es geht um mehr als das Geschäftsmodell von VW, Daimler und BMW.

Diesel und Benziner gegen Elektro eins zu eins auszutauschen wird den Verkehrsinfarkt nicht verhindern, ihn vielleicht sogar beschleunigen. dpa

Ladesäulen für Elektroautos

Diesel und Benziner gegen Elektro eins zu eins auszutauschen wird den Verkehrsinfarkt nicht verhindern, ihn vielleicht sogar beschleunigen.

Es geht jetzt nicht darum, offene Rechnungen wegen Abgasbetrugs zu begleichen oder gegenseitige Ressentiments zu pflegen. Dafür ist die Lage zu ernst. Die Autoindustrie hat einen dramatischen Wandel vor sich beim Umstieg auf emissionsfreie Antriebe. Auf der Politik lastet die Klimadebatte. Und gemeinsam müssen wir alles unternehmen, um den Verkehrsinfarkt zu verhindern.

Jedes dieser Probleme allein reichte schon aus, die Welt aus den Angeln zu heben. Jetzt aber müssen die Probleme gleichzeitig gelöst werden. Zu lange haben alle in Staat und Wirtschaft weggeschaut, gezögert, keiner hat sich getraut, frühzeitig umzusteuern, den Mitarbeitern zu sagen, dass harte Zeiten kommen werden, den Bürgern zu erklären, dass Klimaschutz und Mobilität ihren Wohlstandspreis haben.

So ist das Dilemma nun weitaus größer, als es hätte sein müssen. Die Automobilbauer haben viel zu spät damit begonnen, sich mit einem umweltfreundlichen Nachfolger für den Verbrennungsmotor zu beschäftigen. Die Regierenden haben viel zu spät Grenzen für Emissionen gesetzt, und wenn es Grenzen gab, wurde viel zu wenig unternommen, um diese selbst gesetzten Ziele auch zu erreichen. Jetzt kann nur noch gehandelt werden – und zwar schnell. Und das gemeinsam.

Regierung und Autoindustrie müssen an einem Strang ziehen. Auch wenn nach den frisierten Abgaswerten Vertrauen und Wertschätzung derzeit eher am Tiefpunkt sind. Am Montagabend haben die Kontrahenten den Schulterschluss dann auch auf dem sogenannten Autogipfel geprobt – ein Treffen im Rahmen der von der Bundesregierung ausgerufenen „Konzertierten Aktion Mobilität“.

Herausgekommen ist die Verabredung, einen „Masterplan“ für ein Elektro-Ladenetz zu entwickeln. So richtig konkret ist das alles nicht, aber um starke Vokabeln scheint schon mal keiner verlegen zu sein.

Schließlich gilt es ja, große Probleme zu lösen. Aber es besteht die Gefahr, dass es nur die Probleme von BMW, Daimler und Volkswagen sind. Eigentlich müssten die Autokonzerne ihr Geschäftsmodell infrage stellen. Brauchen wir künftig noch Massenhersteller, die jedes Jahr Millionen von Neuwagen auf den Markt werfen? Die Unternehmen tun gerade so, als ginge es nur darum, den Verbrennungsmotor durch einen Elektroantrieb auszutauschen, schon wäre alles gut.

Vor allem Volkswagen setzt auf die Batterietechnik, Daimler und BMW sind zum Glück offener für andere Antriebstechnologien. Aber auch das erfasst das Thema nicht so ganz. Die Frage ist doch: Wie reduzieren, wie optimieren wir Verkehr trotz steigender Mobilität der Menschen?

Diesel und Benziner gegen Elektro eins zu eins auszutauschen wird den Verkehrsinfarkt nicht verhindern, ihn vielleicht sogar beschleunigen. Denn alle wären dann ja mit einem umweltverträglichen Automobil unterwegs. Das motiviert erst, eines zu kaufen.

Einseitige Diskussion

Auch das am Montag verabredete Ladenetz erweckt den Eindruck, als gäbe es gerade nichts Dringenderes, als Tausende Tankstellen für Elektroautos mit Batterie im ganzen Land zu errichten. Und das auch noch mit staatlicher Hilfe.

Die Regierung sollte sich zurückhalten und nicht vor den Karren der Autobosse spannen lassen. Seit wann sind Tankstellen (ob für Kraftstoffe oder Strom) Staatsangelegenheit? Das wäre ein Novum in Deutschland. Niemand hätte die Autobauer, Mineralölkonzerne oder Stromversorger in den vergangenen Jahren daran gehindert, ein Netz für Stromer aufzubauen.

Wie einseitig derzeit die Diskussion geführt wird, zeigt auch eine Idee der IG Metall. Die Gewerkschaft will schwächelnden Autozulieferern beim Wechsel in die Elektromobilität unter die Arme greifen. Dazu sollten auf dem Autogipfel im Kanzleramt Stützungsmaßnahmen in zweistelliger Milliardenhöhe vorgeschlagen werden.

So etwas traut sich nur einer, der das Gewicht von 800.000 Beschäftigten hinter sich weiß. Aber kann es Aufgabe des Staates sein, Strukturwandel aufzufangen, den Unternehmen selbst verpasst haben?

Und: Sind mit Batterien versorgte Elektroautos tatsächlich die Lösung? Japan zeigt uns gerade, dass Wasserstoff auch eine Option sein kann, und das nicht erst in fernen Zeiten.

Bernhard Mattes, Cheflobbyist der heimischen Autoindustrie, drängelt dagegen: Mit Blick auf die Klimaschutzziele 2030 müsse man sich auf den „größten Hebel“ konzentrieren. Und das sei die Elektromobilität. In der Tat ist die Elektromobilität in Deutschland trotz staatlicher Absatzförderung nicht in Fahrt gekommen. Von 47 Millionen angemeldeten Pkws sind gerade mal 83.000 Stromer.

Doch die Klimawende würde sogar mit 47 Millionen Elektro-Pkws nicht geschafft. Die reichen dann vielleicht der Autoindustrie, ihre CO2-Quote zu unterbieten. Eine echte Klimawende gibt’s nur im Doppelpack mit der Verkehrswende. Die wird alle treffen, Industrie, Arbeitnehmer wie jeden Autofahrer. Am Ende werden aber auch alle davon profitieren.

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