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26.03.2019

18:29

Kommentar

Die Abkehr vom Fernsehen ist kaum noch zu stoppen

Von: Hans-Peter Siebenhaar

Streaming-Anbieter wie Apple, Netflix und Amazon bringen die klassische TV-Branche in Bedrängnis. Sie gerät immer stärker unter Legitimationsdruck.

Der Streamingdienst macht der klassischen TV-Branche ernsthafte Konkurrenz. Reuters

Netflix-Logo

Der Streamingdienst macht der klassischen TV-Branche ernsthafte Konkurrenz.

Der Gigant aus dem Silicon Valley hat lange mit einem eigenen Videostreamingangebot gewartet. Doch Apple konnte angesichts des kometenhaften Aufstiegs von Netflix nicht länger im Abseits stehen. Schon heute besitzt Netflix fast 150 Millionen Abonnenten, Tendenz weiter stark steigend. Die Marktkapitalisierung beträgt deutlich über 140 Milliarden Dollar.

Dem hatte Apple bisher wenig entgegenzusetzen. Nun will der Konzern mit dem Dienst TV+ Terrain gewinnen. Seine Ambitionen hat Apple bei der Vorstellung am Montagabend unterstrichen, indem auf der Bühne jede Menge Hollywoodprominenz aufgefahren wurde. Ob Steven Spielberg oder Reese Witherspoon – sie werden künftig auch für den iPhone-Hersteller arbeiten.

Zunächst ist Apple TV+ aber nur ein weiterer Anbieter in einem rasant wachsenden und hart umkämpften Geschäft. Im zweiten Halbjahr wollen die Medienkonzerne Disney und Warner – Letzterer mittlerweile im Besitz des Telekomanbieters AT&T – mit Konkurrenzangeboten um Abonnenten buhlen. Bereits im vergangenen Jahr stieg die Zahl der Abonnenten von Netflix, Amazon und weiterer Plattformen laut Branchenverband Motion Picture Association of America auf über 613 Millionen.

Für den Boom der Online-Filmportale gibt es gute Gründe. Immer mehr Zuschauer wollen ihr eigener Programmdirektor sein. Sie lieben es, Filme, Serien und Dokumentationen nach Belieben abzurufen. Hinzu kommen noch die originären und hochqualitativen Inhalte der Streamingdienste.

Es ist kein Zufall, dass Netflix mit der Eigenproduktion „Roma“ zuletzt gleich drei Oscars abräumte. Allein im vergangenen Jahr investierte der Konzern aus dem kalifornischen Los Gatos zwölf Milliarden Dollar in eigene Produktionen. In Europa hat Netflix bereits für 8000 Kinofilme die Rechte gekauft.

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Diese Entwicklung hat Folgen: Filmportale werden für die Fernsehkonzerne RTL und Pro Sieben Sat 1, aber auch für die öffentlich-rechtliche Konkurrenz von ARD und ZDF zur größten strategischen Herausforderung der nächsten Jahre.

Die Warnsignale sind bereits deutlich erkennbar: In Deutschland geht der tägliche Fernsehkonsum der Zuschauer unter 25 Jahren im zweistelligen Bereich zurück. Auf die Abwanderung der Jungen zu den Streamingdiensten haben die mit Werbung und/oder Gebühren finanzierten Sender noch keine Antwort gefunden.

Bisher setzen die deutschen Marktteilnehmer auf Insellösungen. Jeder betreibt sein eigenes Abrufportal im Internet. Damit geraten die deutschen Fernsehsender aber zunehmend ins Hintertreffen. Eine gemeinsame Medienplattform mit mehr attraktiven Inhalten hat das Bundeskartellamt bisher verhindert – zur Freude der amerikanischen Konkurrenz.

Das Bedrohliche für die alte TV-Welt ist: Apple, Netflix oder Disney geht es am Ende darum, den Fernsehmarkt mit allen Stufen der Verwertungskette zu erobern und zu besetzen. Sie wollen allein über die direkten Kundenbeziehungen und damit über die Daten herrschen.

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Mit ihren Produktionen nehmen sie durchaus auf lokale und regionale Geschmäcker in den Ländermärkten Rücksicht und setzen den klassischen Fernsehsendern so immer stärker zu. Deutschland, der größte Medienmarkt in Europa, spielt in dieser Expansionsstrategie der Amerikaner eine Schlüsselrolle.

Noch reagieren die hiesigen Fernsehkonzerne allerdings hilflos. Pro Sieben Sat 1 hat sich mit Discovery für eine senderübergreifende Digitalplattform verbündet. Die Bertelsmann-Tochter RTL Group, Europas größter Fernsehkonzern, setzt auf die eigenen Kräfte.

Sie hatte zuletzt angekündigt, in den nächsten drei Jahren die Summe von mindestens 350 Millionen Euro in Streamingdienste investieren zu wollen. Davon sollen mindestens 300 Millionen Euro in eigene Serien und Filme fließen. Im Vergleich zu Netflix oder Apple sind das freilich bescheidene Budgets.

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Die Abkehr vom Fernsehen, wie wir es seit Jahrzehnten gewohnt sind, ist kaum noch zu stoppen. Damit wächst von Jahr zu Jahr das strategische Zukunftsproblem für RTL und Pro Sieben Sat 1, die noch immer ihren Hauptumsatz aus dem Werbegeschäft mit Sendern mit fest vorgesetztem Programm machen. Doch auch für ARD und ZDF wird es zunehmend enger.

Denn sie geraten angesichts von rund acht Milliarden Euro an Rundfunkgebühren immer stärker unter Legitimationsdruck. Die Bereitschaft, lebenslang eine Haushaltsgebühr an die öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten unabhängig von der Nutzung der Inhalte zu zahlen, wird vielen Konsumenten durch die steigende Nutzung von Streamingdiensten bald wie ein Relikt aus dem untergegangenen analogen Medienzeitalter erscheinen.

Mehr: Silicon-Valley-Korrespondentin Britta Weddeling erklärt, wie nun auch Apple zur Konkurrenz von Netflix und Amazon werden will.

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