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17.01.2020

18:30

Kommentar

Die Brandrede von VW-Chef Diess war überfällig

Von: Sven Afhüppe

In drastischer Klarheit stellt Herbert Diess die Existenzfrage für Volkswagen. Die Transformation des traditionsreichen Autokonzerns läuft zu langsam.

Der VW-Chef, der für sein hohes Veränderungstempo bekannt ist, hat offensichtlich die Geduld mit seiner Mannschaft verloren. dpa

Herbert Diess

Der VW-Chef, der für sein hohes Veränderungstempo bekannt ist, hat offensichtlich die Geduld mit seiner Mannschaft verloren.

Selten hat ein deutscher Konzernlenker seiner Führungsmannschaft so die Leviten gelesen wie VW-Boss Herbert Diess. Der Befund des Konzernchefs ist so niederschmetternd, dass Diess mit Blick auf die notwendige Transformation des traditionsreichen Autokonzerns nicht weniger als die Existenzfrage stellt.

Bei allen Veränderungen, die mit der politischen Forderung nach emissionsfreier Mobilität und dem wachsenden Einsatz neuer Technologien im Auto verbunden sind, hat diese Frage bisher kein Vorstandschef eines Autokonzerns so offen gestellt. Diess‘ Brandrede vor seinen weltweiten Führungskräften lässt nur erahnen, wie groß die internen Widerstände gegen die notwendigen Veränderungen im VW-Reich immer noch sind.

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Die Tatsache, dass der Wolfsburger Konzern Diess‘ Rede öffentlich machte, zeigt, wie ernst die Lage ist. Ganz offensichtlich hat der VW-Chef, der für sein hohes Veränderungstempo bekannt ist, die Geduld mit seiner Mannschaft verloren.

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    Die Kritik an mangelnder Schnelligkeit und fehlendem Mut zu kraftvollem und radikalem Umsteuern richtet sich nicht nur an das Management, sondern an jeden der mehr als 600.000 Mitarbeiter - und sicher auch an die mächtigen Betriebsräte.

    Bisher hatte VW-Boss Diess vor einem so düsteren Zukunftsszenario zurückgeschreckt. Der Blick nach vorne fiel vergleichsweise zuversichtlich aus, etwa mit der Prophezeiung, dass die Chancen, den Kampf um die Mobilität der Zukunft zu gewinnen, bei „50:50“ lägen.

    An die Stelle dieses Befunds ist nun eine fast apokalyptische Analyse getreten, mit dem nüchternen Hinweis, dass es sehr eng für den Autokonzern werde, „wenn wir in unserem jetzigen Tempo weitermachen“. Die Umwandlung von Volkswagen in einen digitalen Tech-Konzern nannte er eine gigantische Aufgabe. 2020 werde sich zeigen, wie wetterfest, agil und reaktionsfähig VW geworden sei. „Der Sturm geht jetzt erst richtig los“, mahnte Diess.

    Von diesem Sturm spüren viele VW-Mitarbeiter offenbar noch nichts oder nicht genug – was nicht verwundert. Anders als die Traditionskonzerne Thyssen-Krupp, Commerzbank oder Deutsche Bank steht der Wolfsburger Autokonzern glänzend da. Das Geschäftsmodell mit dem Verkauf von Verbrennungsmotoren funktioniert trotz Dieselaffäre. Jahr für Jahr verdient VW einen zweistelligen Milliardenbetrag.

    Bei einem solchen ökonomischen Erfolg ist die Einsicht in radikale Veränderungsprozessen nicht gerade ausgeprägt. Entsprechend hoch sind die Beharrungskräfte, die so lange wie möglich am Altbewährten festhalten. Diess muss es gelingen, aus diesen Besitzstandswahrern mutige Reformantreiber zu machen, die das Unternehmen und auch sich selbst verändern.

    Spätes Erwachen im VW-Reich

    Der VW-Chef hat Recht, wenn er VW vor dem Nokia-Schicksal warnt. Der erfolgreiche Telefonhersteller hat sich zu lange auf der sicheren Seite gewähnt und größere Innovationen für unnötig gehalten. Die Tage von Nokia waren schnell gezählt, als Apple das internetverbundene iPhone auf den Markt brachte.

    Das Risiko, dass VW trotz prächtiger Gewinne an der eigenen Selbstzufriedenheit scheitern könnte, ist vielleicht nicht so hoch wie damals bei Nokia, aber es ist nicht zu unterschätzen. Immerhin ist die Marktkapitalisierung von Tesla mittlerweile fast auf dem Niveau von VW.

    Die Wette, ob der amerikanische Tech-Konzern das Rennen um die Mobilität der Zukunft gewinnt oder der Autokonzern aus Wolfsburg, ist damit weiter völlig offen. Trotz immer wiederkehrender Probleme in der Produktion vertrauen die Anleger ungebrochen auf die Innovationskraft von Tesla. Dieser Befund muss jeden bei VW beunruhigen.

    Das Erwachen im VW-Reich kommt vor diesem Hintergrund reichlich spät, hoffentlich nicht zu spät. Sollte der weltgrößte Autokonzern an der Transformation scheitern, bleibt das nicht folgenlos für den Wirtschaftsstandort Deutschland. Die Autoindustrie ist und bleibt die wichtigste Branche des Landes.

    Man kann nur hoffen, dass Diess‘ Brandrede die VW-Belegschaft nachhaltig wachgerüttelt hat und das eingeforderte Umdenken endlich stattfindet. Gleichwohl wird die Transformation schmerzhaft. Und bei allem Verständnis für die notwendigen Veränderungen wird es Widerstände geben – vor allem vom mächtigen Betriebsrat gegen einen massenhaften Jobabbau.

    Ob Diess mit seinen Umbauplänen Erfolg hat oder scheitert, hängt zudem ganz entscheidend vom Land Niedersachsen ab, das mit einem Anteil von 20 Prozent erheblichen Einfluss auf die Geschicke des Autokonzerns hat. VW wird nur überleben, wenn Management, Belegschaft, Gewerkschaft und Politik an einem Strang ziehen. Es steht viel auf dem Spiel.

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