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01.04.2019

17:57

Kommentar

Die doppelte Widerspruchslösung bei der Organspende ist zumutbar

Von: Gregor Waschinski

Eine Pflicht zur Organspende darf es in Deutschland nicht geben. Jeder sollte sich aber dazu verpflichtet fühlen, sich mit dem Thema zu beschäftigen.

Ein Styropor-Behälter zum Transport von zur Transplantation vorgesehenen Organen wird am Eingang eines OP-Saales vorbeigetragen. dpa

Organspende

Ein Styropor-Behälter zum Transport von zur Transplantation vorgesehenen Organen wird am Eingang eines OP-Saales vorbeigetragen.

Die Zahlen zeigen ein eindeutiges Bild: Fast 10.000 Schwerkranke warten in Deutschland auf eine Niere, eine Leber, ein Herz. Im Schnitt sterben jeden Tag drei Menschen, weil sie nicht rechtzeitig ein Spenderorgan bekommen. Zugleich hat die Bundesrepublik so wenige Organspender wie kaum ein anderes europäisches Land. Vergangenes Jahr wurden bei 955 Menschen nach dem Hirntod Organe für eine Transplantation entnommen.

Immerhin ein Anstieg um 20 Prozent im Vergleich zu 2017, als der niedrigste Stand seit zwei Jahrzehnten verzeichnet wurde. Aber noch immer gilt: Auf der Warteliste hoffen zehn Mal so viele Menschen auf ein lebensrettendes Organ, wie es Spender gibt. Nun darf die Debatte um eine Neuregelung der Organspende nicht auf nackte Zahlen reduziert werden.

Die Frage, wann jemand zum Organspender wird, kann nur unter voller Berücksichtigung der ethischen Dimension beantwortet werden. Es geht um die Würde des Menschen, die Selbstbestimmung über den eigenen Körper, den Schutz der Persönlichkeitsrechte über den Tod hinaus. Einen Zwang zur Organspende darf es nicht geben, auch wenn damit vom Tode bedrohten Menschen geholfen wird.

Aber es gibt die Verpflichtung, sich mit dem oft verdrängten Thema auseinanderzusetzen. Die von einer Gruppe von Bundestagsabgeordneten um Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) und SPD-Fraktionsvize Karl Lauterbach angestrebte doppelte Widerspruchslösung fordert den Menschen ab, sich ernsthaft Gedanken zu machen. Wenn es jemand vorzieht, keine Entscheidung zu treffen, gilt er automatisch als Organspender.

Im Zweifel können Angehörige nach dem Tod noch ein Veto einlegen, wenn sie glaubhaft erklären, dass der Verstorbene nicht spenden wollte. Diese Regelung ist zumutbar und in der Mehrzahl der Länder in Europa bereits Praxis. Die Entscheidung über eine Änderung der Organspendepraxis liegt beim Bundestag. Noch in diesem Jahr sollen die Abgeordneten ohne Fraktionszwang abstimmen.

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Bislang kann jeder Mensch entscheiden, ob er Organspender werden will – das könnte sich künftig ändern. Doch die Neuregelung der Organspende ist umstritten.

Gegner der doppelten Widerspruchslösung haben einen Alternativvorschlag vorgelegt, bei dem die Bürger regelmäßig und verbindlich zu ihrer Spendebereitschaft befragt werden. Krankenkassen und Ärzte sollen über die Organspende informieren, auch beim Abholen eines Ausweises oder Führerscheins könnten die Bürger mit dem Thema konfrontiert werden. Ihre Erklärung soll in ein zentrales Organspenderegister eingetragen werden.

Der zentrale Unterschied zur Widerspruchslösung ist: Wer sich nicht entscheidet oder entscheiden will, wird nach dem Tod auch nicht Organspender. Welche Richtung das Parlament auch einschlagen wird, eine Verbesserung gegenüber der geltenden Rechtslage wird es auf jeden Fall geben. Bislang sind Organentnahmen in Deutschland nur möglich, wenn die ausdrückliche Zustimmung in einem Organspendeausweis festgehalten ist.

Die Hürde, sich aktiv um den Ausweis zu bemühen, überwinden viele potenzielle Spender nicht. Wenn sich die Frage der Organentnahme im Krankenhaus stellt, ist das Dokument oft nicht auffindbar. Das muss sich ändern.

Spahns Verdienst ist, dass er im vergangenen Sommer eine Debatte über die Organspende angestoßen hat. Mit einem am 1. April in Kraft getretenen Gesetz hat er bereits organisatorische Hindernisse für Organspenden in deutschen Krankenhäusern ausgeräumt. Kliniken erhalten für das Organspendeverfahren mehr Geld und mehr Personal, mobile Expertenteams sollen vor allem kleinere Krankenhäuser unterstützen. Wenn die Zahl der Organspender in Deutschland spürbar steigen soll, dann muss sich die Politik aber auch die Grundsatzfrage stellen.

Der Vorteil der doppelten Widerspruchslösung ist, dass der Anreiz für die Menschen viel größer ist, ihren Willen beim Thema Organspende wirklich zu bekunden. Die Kluft zwischen abstrakter und konkreter Spendebereitschaft ist in Deutschland groß. Laut einer aktuellen Umfrage der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung haben 84 Prozent der Deutschen eine positive Haltung zur Organspende.

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Merkel unterstützte Spahns Vorstoß, einer automatischen Einwilligung in zur Organspende. Bislang bedarf es einer ausdrücklichen Einwilligung.

Einen Organspendeausweis besitzen dagegen nur 36 Prozent der Deutschen. Bei einem einfachen Ausbau der Entscheidungslösung bleibt die Möglichkeit, die unbequeme Frage vor sich herzuschieben. Mit einer ausführlichen Informationskampagne und mehrfachen persönlichen Anschreiben sollen die Bundesbürger nach dem Willen der Gruppe um Spahn und Lauterbach über die Änderung bei der Organspende aufgeklärt werden.

Wer nicht widerspricht, kommt automatisch auf eine zentrale Spenderliste. Die Entscheidung kann dabei jederzeit geändert werden. Menschen, denen zum Beispiel wegen einer geistigen Behinderung oder Demenz die Tragweite nicht bewusst sein könnte, sind ausdrücklich ausgenommen.

In dem Gesetzentwurf zur Widerspruchslösung bleibt die Verhältnismäßigkeit gewahrt. Niemand wird zur Organspende gezwungen. Zugleich dürfte wohl jeder auf ein Spenderorgan hoffen, wenn er selbst auf der Warteliste stünde.

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