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16.09.2022

16:41

Kommentar

Die Energiewende ist die Lösung, nicht das Problem

Von: Kathrin Witsch

In der Energiedebatte läuft einiges schief: Wind und Solar sind kein Thema mehr, stattdessen Kohle und Atomkraft. Das mag kurzfristig berechtigt sein, langfristig ist es falsch.

Die Energiewende darf nicht aus dem Blick verloren werden. dpa

Erneuerbare Energien

Die Energiewende darf nicht aus dem Blick verloren werden.

Düsseldorf Nie waren die Ziele der Energiewende schwerer erreichbarer. Ein wahrer Satz, den mein geschätzter Kollege Klaus Stratmann vor wenigen Tagen in seinem Leitartikel aufgeschrieben hat. Was er dabei nicht erwähnt hat: Nie war das Erreichen dieser Ziele wichtiger als jetzt. 

Der Krieg in der Mitte Europas verschiebt jedoch unsere Prioritäten. Bezahlbarkeit und Versorgungssicherheit sind auf einmal keine Selbstverständlichkeit mehr. Viele fordern deswegen einen Kurswechsel. Eine Rückkehr zur Atomkraft, ein späterer Kohleausstieg und sogar Erdgasförderung im eigenen Land beherrschen die Debatte. 

Die Entscheidung, wieder mehr Kohlekraftwerke ans Netz zu holen, ist richtig. Die Atomkraftwerke so lange wie möglich ins nächste Jahr hinein laufen zu lassen ist ebenfalls notwendig. Aber das reicht einigen nicht. 

Sie fordern eine jahrelange Laufzeitverlängerung für Atomkraftwerke und Erdgasförderung im eigenen Land. Manche reden gar davon, den Kohleausstieg zu verschieben. Und hier ist nicht die Rede von 2030, sondern von dem gesetzlich festgeschriebenen Jahr 2038. 

Auf einmal ist selbst der ehemalige Finanzmanager und heutige Unionspolitiker Friedrich Merz ein ultimativer Energieexperte. Horrorszenarien von landesweiten Blackouts (mehrtägigen Stromausfällen) werden in Talkshows mit Millionenpublikum bemüht, um politische Grabenkämpfe auf dem Rücken angsterfüllter Bürger auszutragen.

Die Tatsache, dass wirkliche Stromnetzexperten Blackouts auch in diesem Jahr für nicht wahrscheinlich halten, wird ignoriert. Ein kurzzeitiger und kontrollierter regionaler Lastabwurf, um das Netz (aber auch das nur im Worst-Case-Szenario) stabil zu halten, ist eben etwas ganz anderes als das Doomsday-Szenario eines mehrere Tage andauernden bundesweiten Stromausfalls. Die ideologisch aufgeladene Debatte auf beiden Seiten verstellt dabei die Sicht auf das tatsächliche Problem. 

Ein reales Problem ist die Stromlücke, in die wir mit steigendem Stromverbrauch in den nächsten zehn Jahren laufen. Wie also ist diese Lücke nun auch ohne eingeplantes russisches Erdgas zu schließen? Die einfachste Lösung wären mehr Kohle, mehr Atom und Fracking. Versorgungssicherheit ist damit gewonnen. Allerdings würde kein gesundes Unternehmen ein solches Projekt in der aktuell unvorhersehbaren Marktlage eigenverantwortlich auf den Weg bringen. Es bräuchte also Milliarden staatlich finanzierter Mittel, um diesen Weg einzuschlagen. Geld, das wiederum für den Ausbau Erneuerbarer fehlen würde. Für Energie, die uns in einer trügerischen Sicherheit wiegt. 

Was passiert, wenn der Umstieg von fossiler auf erneuerbare Energie ohne eine gewisse Notwendigkeit nebenherläuft, haben wir die letzten 20 Jahre gesehen. Zu wenig. An dieser stoischen Grundhaltung der Gesellschaft, die am liebsten alles so lassen will, wie es ist oder war, dürften Dürren, Fluten und Hitze wenig ändern. Die schlimmsten Auswirkungen des Klimawandels bekommen schließlich nicht wir hier in Mitteleuropa zu spüren. Auch wenn das eigentlich Ansporn genug sein müsste.

Verloren gibt man damit aber den Kampf gegen den Klimawandel nicht nur mit Blick auf Kohle und Fracking, sondern auch mit Blick auf die Bezahlbarkeit von Energie. Die günstigste Art, Strom zu erzeugen, sind heute erneuerbare Energien. Das kann jeder selbst kontrollieren. In den Stunden, in denen unser Bedarf durch über 70 Prozent Ökostrom gedeckt wird, gehen die Börsenstrompreise rapide nach unten. An diesem Fakt kommt niemand vorbei. Je mehr Erneuerbare also am Netz sind, desto günstiger wird in Zukunft auch wieder der Strom. 

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Der kritischere Punkt ist das Thema Versorgungssicherheit. Biogas und Wasserkraft können diese Lücke allein nicht schließen. Dafür war Erdgas gedacht. Nun fällt unser größter Lieferant aus. Natürlich könnte man jetzt Milliarden in Fracking investieren. Wir importieren schließlich auch Fracking-Erdgas in Form von LNG aus den USA. 

Gasmarktexperten gehen davon aus, dass diese Importe in zwei Jahren den größten Teil der ausfallenden russischen Mengen ersetzen können. Das gilt aber nur unter einer Voraussetzung: Der Gasverbrauch muss sinken. Die Industrie macht gerade vor, dass das geht. 

Vieles ist in Deutschland auf einmal machbar, wenn es darauf ankommt. Das haben die vergangenen zwei Coronajahre bewiesen, und das zeigt uns auch der Krieg. Es gibt nicht die eine Lösung, aber viele kleine. Jetzt kommt es drauf an, Energie zu sparen, wo es geht, nicht nur in Krisenzeiten. Und den Ausbau der Erneuerbaren voranzutreiben. Von Wind, Solar, Bioenergie, Geothermie, grünem Wasserstoff bis zu Speichern. Nicht nur im eigenen Land, sondern grenzübergreifend mit unseren europäischen Nachbarn. Niemand hat gesagt, dass die Energiewende ein Ein-Land-Projekt ist.

Wer heute fordert, dass innerhalb von drei Jahren wieder gefrackt oder der Atomausstieg rückgängig gemacht wird, kann auf der anderen Seite nicht behaupten, dass es unmöglich ist, den Ausbau von Wind- und Solarenergie zu vervierfachen. Deutschland steht an einem Wendepunkt. Die Frage ist nur: In welche Richtung geht es?

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