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13.08.2019

08:55

Kommentar

Die EZB ist nicht für jedes wirtschaftliche Problem verantwortlich

Von: Martin Greive

Nicht der EZB-Chef ist schuld daran, dass sich junge Familien kein Eigentum leisten können. Viel mehr sind es die Nebenkosten – und die damit verbundene Politik.

Viele junge Familien in Deutschland können sich kein Eigentum mehr leisten. dpa

Einfamilienhaus

Viele junge Familien in Deutschland können sich kein Eigentum mehr leisten.

Zum Abschluss eines jeden Kölner Karnevals wird der „Nubbel“ zur Rechenschaft gezogen. Auf die Frage, wer schuld ist an der ganzen Fremdgeherei, der Sauferei und Völlerei der vergangenen Tage, rufen die Jecken jedes Mal: „Der Nubbel war’s!“ Am Ende landet der arme Nubbel, in der Regel eine Strohpuppe, brennend auf dem Scheiterhaufen.

Mario Draghi muss sich in diesen Tagen vorkommen wie der Nubbel. Der Chef der Europäischen Zentralbank wird langsam für so jedes wirtschaftliche Problem in Deutschland verantwortlich gemacht. Die Politik ruht sich auf der expansiven Geldpolitik aus? Draghis Schuld! Der deutsche Sparer kriegt keine Zinsen mehr? Der Draghi war’s!

Und jetzt soll der Notenbankchef auch noch schuld daran sein, dass junge Familien sich kein Eigentum mehr leisten können, weil wegen der niedrigen Zinsen die Immobilienpreise so gestiegen sind. Das ist nicht nur eine falsche, sondern auch heuchlerische Kritik. Denn dass sich Familien kein Eigentum leisten können, ist nicht Draghis Schuld, sondern die der Politik.

Ja, die Immobilienpreise sind wegen der Niedrigzinsen gestiegen. Aber im Gegenzug gleichen die niedrigeren Zinsen für Immobilienkredite sowie höhere Löhne die gestiegenen Preise fast aus. Nicht die Niedrigzinsen sperren Familien die Tür zu den eigenen vier Wänden zu, sondern die Nebenkosten, die mit den Wohnungspreisen steigen.

So haben einige Bundesländer die Grunderwerbsteuer auf 6,5 Prozent erhöht – doppelt so hoch wie international üblich. Inklusive Notar- und Maklerkosten kommen so etwa in Berlin bei einer 600.000 Euro teuren Wohnung fast 90.000 Euro an Nebenkosten zusammen.

Für viele junge Menschen ist Eigentum ein Stabilitätsanker in ihrem Leben. Wenn sie aber wegen Politikversagen keine Aussicht haben, je Eigentum zu besitzen, führt das zu purer Politikverdrossenheit. Und wenn man fälschlicherweise Draghi dafür verantwortlich macht, untergräbt man nebenbei auch noch das Vertrauen in den Euro.

Mehr: Besonders bei Einfamilienhäusern steigen die Preise derzeit enorm. Viele Ökonomen befürchten daher eine Immobilienblase.

Kommentare (2)

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Herr Johannes Romer

13.08.2019, 17:50 Uhr

Als Zahnarzt bin ich seit ca 40 Jahren Freiberufler. Der einzige Mensch, der mir wirtschaftlich immens geholfen hat, ist Mario Draghi. Ohne seine Niedrigzinspolitik hätten mich die ständig steigenden Kosten in Kombination mit der destruktiven Sparpllitik und Budgetierung im Gesundheitswesen finanziell schon längst zerstört. Draghi belohnt Menschen, die investieren, Arbeitsplätze schaffen, den Euro im Wirtschaftskreislauf halten und nicht auf einem Bankkonto versauern lassen und dann auch noch erwarten, dafür von wirtschaftlich aktiven Mitmenschen bequem Zinsen zu kassieren. Geld ist der Schmierstoff der Wirtschaft und so lange der entsprechende Gegenwert in Form von Waren , Rohstoffen und Dienstleistungen vorhanden ist, unterstützt es die Fleißigen, fördert die Wirtschaft ,steigert das Bruttosozialprodukt, macht die Menschen erfolgreich und damit auch zufrieden. Und zufriedene Bürger werden sich politisch immer loyal zu unserer freiheitlichen Grundordnung bekennen!

Herr Stephan Fischer

14.08.2019, 08:50 Uhr

@Romer:
Wenn es denn so wäre wie Sie die Lage beschreiben wäre dies gut. Tatsächlich ist das billige Geld unter Mario Draghi nicht investiert worden. Die Griechen haben ihre Beamten und Renter fürstlich bezahlt. Die Italiener haben sich satte Lohnerhöhungen genehmigt. In Spanien sind Immobilien finanziert worden, die von Ihren Eigentümern nicht bezahlt werden können. Unternehmen haben das billige Geld in riskante Zukäufe von anderen Unternehmen gesteckt. Das billige Geld der Notenbank liegt heute auf den Bankkonten reicher Griechen und Italienern u. a., welche überhaupt nicht daran denken dieses Geld im eigenen Land zu investieren. Dies alles erklärt auch die hohen Arbeitslosigkeit und geringe Wettbewerbsfähigkeit der Eurozone im Vergleich mit den EU-Ländern die den Euro nicht haben. Eine Abwertung der Währung ist langfristig auch schlecht für Schuldner. Versuchen Sie einmal in Argentinien einen Kredit in nationaler Währung zu bekommen.

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