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08.09.2022

04:06

Die Fehleinschätzung ist zum großen Teil hausgemacht. imago images/imagebroker

EZB in Frankfurt am Main

Die Fehleinschätzung ist zum großen Teil hausgemacht.

Kommentar

Die EZB sollte strategische Konsequenzen aus ihrer Fehleinschätzung der Inflation ziehen

Von: Leonidas Exuzidis

Die Geldpolitiker haben die Folgen von Pandemie und Krieg lange unterschätzt. Sie müssen deutlich machen, dass sie aus ihren Fehlern lernen.

An diesem Donnerstag wird die Europäische Zentralbank, so die Erwartungen der Märkte, ihre Zinsen deutlich um 0,75 Prozentpunkte anheben, um die Inflation wieder unter Kontrolle zu bekommen. Aber das reicht nicht, um ihre Glaubwürdigkeit wieder herzustellen.

Die rekordhohe und von den Währungshütern lange unterschätzte Inflation muss Folgen für das weitere strategische Vorgehen haben. Denn ein „Weiter-so“ würde implizieren, am Ende sei alles gar nicht so schlimm. Aber wie schlimm es ist, zeigen die wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Folgen der hohen Preise.

In der öffentlichen Debatte sind schon einige mögliche Probleme der Geldpolitik von EZB und Fed genannt worden. So haben die Notenbanken viel zu lange den Ansatz der Forward Guidance verfolgt: Sie wollten also mit umfassender Kommunikation die Erwartungen der Akteure steuern. Diese Strategie allerdings ist ihnen in den vergangenen Monaten gründlich misslungen. Sie hat sie wahrscheinlich daran gehindert, rechtzeitig auf neue Entwicklungen zu reagieren.

Ein anderer Punkt sind die Schwächen der gängigen Modelle, die die Ökonomen zugrunde legen. Notenbanken nutzen Zeitreihendaten, stützen sich also vor allem auf Erfahrungen aus der Vergangenheit. Die Erkenntnisse, die sich aus diesen Daten gewinnen lassen, sind jedoch wenig valide, wenn die vielzitierte „Zeitenwende“ die Konjunktur trifft, wenn sich also Rahmenbedingungen grundlegend ändern.

Hinzu kommt, dass die Modelle starke Schwankungen meist als Ausnahmen einstufen und damit den Rückgang auf mittlere Werte vorhersagen. Strukturbrüche, die die Daten abbilden, werden in den Modellen unzureichend verarbeitet.

Geldpolitik: Probleme auf der Angebotsseite

Ein besonderes Problem sind die anhaltenden Lieferengpässe als zentraler Preistreiber, zusätzlich zur Energiekrise nach der Attacke Russlands auf die Ukraine. Hier zeigt sich eine weitere Schwäche der Modelle: Sie bilden drastische Veränderungen auf der Angebotsseite oft unzureichend ab. So gelten etwa stark steigende Rohstoffpreise in vielen Modellen als externer Schock, dessen Einfluss sukzessive abnimmt.

Das wird der Realität nicht gerecht. Vielmehr verändert sich mit höheren Rohstoffpreisen das gesamte wirtschaftliche Umfeld.

Es gilt daher, beim Urteil über die Geldpolitik zu differenzieren: Eine Zentralbank kann Nachfrageimpulse setzen – das hat sie in der Coronapandemie eindrucksvoll bewiesen –, angebotsseitig mit ihrer Politik aber wenig verändern. Gleichwohl muss die Modellwelt an die neuen Erfahrungen angepasst werden. Die geldpolitische Strategie vor Covid war auch schon umstritten, aber sie mag im Ergebnis richtig gewesen sein. Nun sind jedoch neue Ansätze gefragt.

Die EZB hat bereits eingestanden, die Modelle müssten überarbeitet werden. Auch haben die Notenbanken die Forward Guidance schon weitgehend aufgegeben – zu Recht. Sie sollten jetzt klarmachen, dass sie künftig in Umbruchsituationen weniger auf Modelle vertrauen, die die neuen Rahmenbedingungen ohnehin nicht abbilden können, und schneller auf akute Daten reagieren.

Denn sie müssen sich den Vorwurf gefallen lassen, zu lange an Begriffen wie „vorübergehend“ oder „statistischer Basiseffekt“ festgehalten zu haben. Sinnvoller wäre es gewesen, mit der begrenzten Aussagekraft der Modelle in diesem Umfeld offener umzugehen. Der kommunikative Umschwung kam zu spät, sodass die Inflationswarner nun mit dem Finger auf die Notenbanken zeigen.

Genauso schlimm wie die unmittelbaren Konsequenzen der geldpolitischen Fehler ist die längerfristige Folgewirkung. Gefährdet ist ein zentrales Gut der modernen Geldpolitik: ihre Glaubwürdigkeit. Es wird Zeit, dass die EZB und andere Notenbanken in diesem Punkt wieder Kapital aufbauen.

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