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13.08.2021

15:21

Kommentar

Die Illusion der stabilen Wertanlage: Warum der Goldpreis derzeit so schwankt

Von: Jakob Blume

Bei vielen deutschen Anlegern gilt das Edelmetall als erste Wahl zur Inflationsabsicherung. Diese Strategie kann auch schiefgehen.

Ein Bundesbank-Mitarbeiter nimmt eine Ultraschallprüfung an einem Goldbarren vor, um sicher zu stellen, dass auch der Kern des Barrens aus Gold besteht. dpa

Gold

Ein Bundesbank-Mitarbeiter nimmt eine Ultraschallprüfung an einem Goldbarren vor, um sicher zu stellen, dass auch der Kern des Barrens aus Gold besteht.

Auf dem Goldmarkt gab es zuletzt erstaunliche Bewegungen, die eindeutig dem Ruf des Edelmetalls als sicherer Hafen widersprechen. Ein plötzlich anschwellendes Handelsvolumen außerhalb der Börsenöffnungszeiten in den USA und Europa hat einen Flashcrash ausgelöst. Innerhalb eines Wochenendes fiel der Goldpreis zwischenzeitlich um sieben Prozent. Keine guten Nachrichten für einen Vermögenswert, von dem Anleger hoffen, dass er vor plötzlichen Kursstürzen schützt.

Bis jetzt hat sich der Goldpreis nicht gänzlich von dem Preisverfall erholt. Der Flashcrash hat einmal mehr offenbart, dass Gold-Investments durchaus anfällig für Schwankungen sein können. Zudem zeigt die aktuelle Schwächephase, dass Gold nicht zwingend Inflationsschutz bietet. Ausgerechnet in einer Marktphase, in der die Inflationssorgen zurückgekehrt sind, kommt der Goldpreis nicht in Fahrt.

Ein Blick auf vergangene Goldrallys zeigt: Es sind spezielle, seltene Konstellationen nötig, damit Gold seine volle Stärke im Portfolio ausspielen kann. Als risikostreuende Position in einem Aktiendepot hat Gold eine Berechtigung. Doch wer allein auf Edelmetalle setzt, um sein Vermögen vor Inflation zu schützen, wiegt sich in trügerischer Sicherheit.

Goldverkäufer, die mit dem Kaufkrafterhalt des Edelmetalls werben, bemühen gern historische Vergleiche. Ein Klassiker: Bereits im antiken Rom erhielt man für eine Unze Gold (rund 31,1 Gramm) eine Toga und passendes Schuhwerk. Auch heute gibt es für den aktuellen Gegenwert einer Unze, rund 1500 Euro, einen Maßanzug und ein Paar Schuhe. Das Beispiel ist hübsch – aber wenig hilfreich. Kein Anleger hat einen Investitionshorizont über 2000 Jahre.

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    Aufschlussreicher sind Vergleiche mit der jüngeren Historie. Einen spektakulären Ausbruch des Goldpreises erlebten Anleger beispielsweise während der Ölkrise zwischen 1976 und 1980. In dieser Zeit kletterte der Goldpreis von rund 110 auf knapp 700 Dollar – ein Preisanstieg von mehr als 500 Prozent. Die Goldpreisrally ging einher mit rasant steigenden Inflationsraten von zeitweise über 15 Prozent in den USA, bei gleichzeitig stagnierendem Wirtschaftswachstum – die Ära der Stagflation. Doch als der damalige Chef der US-Notenbank Fed, Paul Volcker, im Herbst 1980 die Leitzinsen deutlich anhob, setzte das der Goldrally ein jähes Ende. Es folgte eine über 20 Jahre währende Schwächephase bei Edelmetallen. 

    Steigende Zinsen sind Gift für Goldanlagen

    Ein ähnliches Muster zeigte sich beim Übergang der Finanz- in die Euro-Staatsschuldenkrise zwischen 2008 und 2012. Die Angst vor einem Kollaps von Banken und Staaten trieb den Goldpreis von 1000 auf über 1900 Dollar pro Unze. Doch nachdem die akute Krise gebannt war und die Fed die geldpolitische Normalisierung eingeleitet hatte, war es mit dem Höhenflug am Goldmarkt ebenfalls vorbei.

    Aus den beiden historischen Beispielen lassen sich zwei Lehren ziehen. Erstens: Steigende Zinsen sind Gift für Gold. Das überrascht kaum, denn Gold wirft anders als etwa Staatsanleihen keine Zinsen ab. Zwar sind Leitzinsanhebungen durch die Fed nicht in Sicht. Doch ein Zurückfahren der Anleihekäufe wirkt ähnlich. Die schwächere Nachfrage nach Zinspapieren dürfte die Renditen in den USA steigen lassen. Schon jetzt zeigt sich, dass US-Anleger kaum noch neues Geld in Gold-ETFs investieren.

    Zweitens: Eine lockere Geldpolitik per se ist kein Auslöser für eine Goldpreisrally. Es braucht ein Element der Unsicherheit, um die Anleger in Massen in Gold zu treiben: eine Ölpreiskrise, eine Schuldenkrise oder eine Pandemie. Anders als viele Crash-Propheten behaupten, sind diese Krisen jedoch – glücklicherweise – selten.

    Stagflation oder Inflation? Für Gold spricht wenig

    Hohe Inflationsraten können Auslöser für Unsicherheit sein. Doch aktuell werden die Preissteigerungen vor allem durch eine sich erholende Weltwirtschaft ausgelöst. Die Unternehmen legen erstaunlich gute Zahlen vor. Zudem zeigt die aufkommende Debatte um einen vorgezogenen, behutsamen Ausstieg aus der lockeren Geldpolitik in den USA, dass ein unkontrollierter Anstieg der Inflation auf Niveaus wie Ende der 1970er-Jahre unwahrscheinlich ist.

    Gleichzeitig dürfte sich die Fed bemühen, den Wirtschaftsaufschwung nicht zu schnell abzuwürgen. Auch laufen rund um die Welt billionenschwere Konjunkturpakete gerade erst an. Eine Inflation über dem Niveau, wie wir sie in den vergangenen zehn Jahren gewohnt waren, könnte sich einstellen. Doch für eine Stagflation spricht aktuell wenig. Das bedeutet: Auch für Gold spricht im aktuellen Umfeld wenig. Zyklische Rohstoffe wie Öl und Kupfer schützen besser vor einer durch den Aufschwung getragenen Inflation.

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