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28.10.2021

19:07

Wird die EZB entschlossen handeln können? Es gibt begründete Zweifel.  dpa

Frankfurt

Wird die EZB entschlossen handeln können? Es gibt begründete Zweifel. 

Kommentar

Die Inflation nährt die Inflation: Der Trend könnte noch lange anhalten

Von: Jens Münchrath

Die Preise steigen und steigen in Deutschland und Europa – und mit ihnen die schlechten Erwartungen. Die Europäische Zentralbank muss jetzt gegensteuern.

Deutsche Preisstatistik und EZB-Ratsbeschluss am selben Tag, dann noch die europäischen Daten keine 24 Stunden später – symbolträchtiger geht es in diesen inflationsbewegten Zeiten nicht. Im Oktober stiegen die deutschen Verbraucherpreise um 4,5 Prozent gegenüber dem Vorjahresmonat, nach 4,1 Prozent im September. In der Eurozone springt die Inflation gleich von 3,4 auf 4,1 Prozent. Der Trend zeigt nicht nur in Deutschland, sondern überraschender noch in der Eurozone stabil und steil nach oben.

Doch EZB-Chefin Christine Lagarde zuckt einmal mehr etwas orientierungslos mit den Schultern. Alles „vorrübergehend", sagt sie. Mit jedem Monat steigender Preise fehlt vielen inzwischen allerdings der Glaube daran. Der Oktober gibt insbesondere den deutschen Inflationswarnern einmal mehr einen guten Anlass, um zu hyperventilieren. 

Ja, Deutschland ist besonders inflationssensibel, und manchmal trägt die Sorge hysterische Züge. Aber inzwischen können selbst die Tauben im EZB-Rat kaum noch leugnen, dass sich das Inflationspanorama in den westlichen Industriestaaten grundlegend geändert hat — Basiseffekte hin, pandemiebedingte Nachholeffekte her. 

Den Frankfurter Notenbankern fällt es zunehmend schwer, ihre bislang beschwichtigende Haltung beizubehalten. Zur Beruhigung der Lage trägt nicht unbedingt bei, dass renommierte Ökonomen jetzt gegen die deutsche Stabilitätskultur zu Felde ziehen.

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    Der amerikanische Nobelpreisträger Joseph Stiglitz ist sich nicht zu schade, in der Debatte um deutsche Ministerämter mitzumischen und eine etwas unappetitliche Kampagne gegen FDP-Chef Christian Lindner zu starten. Das polarisiert und verhindert den klaren und nüchternen Blick auf die Inflationsentwicklung, der gerade in diesen Zeiten so notwendig ist. 

    Weidmanns Rücktritt sorgt für Misstrauen

    Auch dass ausgerechnet jetzt, wo jeder spürt, dass spätestens mit der Pandemie ordnungspolitische Grundsätze ins Wanken geraten, Bundesbank-Chef Jens Weidmann seinen Rückzug ankündigt, sorgt für Misstrauen. Denn Weidmann gehörte zu jenen Notenbankern, denen über all die Jahres die Balance zwischen Einsicht zur notwendigen Rettung des Euros und kritischer Distanz zur EZB am besten gelungen ist.

    Am Ende war er nur noch zermürbt – angesichts der unzähligen vergeblichen Warnungen, die EZB nicht zu überfordern. Die Notenbank nicht als Retter von Banken, Staatsetats, ganzer Volkswirtschaften oder am Ende sogar des Klimas zu instrumentalisieren.

    Der Bundesbankpräsident hinterlässt im Kampf um Stabilitätsorientierung, im Kampf darum, Maß zu halten, eine große Lücke, die man sich größer kaum vorstellen kann.

    Finanzkrise, Eurokrise und vor allem die Pandemie haben die EZB-Bilanzsumme auf weit über acht Billionen Euro getrieben. Bei ihrer Gründung vor mehr als zwei Dekaden betrug sie gerade einmal 700 Millionen Euro. Lagardes Vorgänger Mario Draghi, konnte den zweifelnden Deutschen immer entgegenhalten: Was wollt ihr eigentlich, die Inflationsraten sind doch niedrig, die Preise in Europa sind doch stabiler als zu D-Mark-Zeiten. Draghi hatte recht.

    Sparen ist keine Option: Die Inflation, die anderthalb Dekaden wie ein Wunder verschwunden war, ist 2021 in die industrialisierte Welt zurückgekehrt.

    Schwierige Situation

    Sparen ist keine Option: Die Inflation, die anderthalb Dekaden wie ein Wunder verschwunden war, ist 2021 in die industrialisierte Welt zurückgekehrt.

    Lagarde allerdings kann dieses Argument schon jetzt nicht mehr vorbringen. Und tatsächlich gibt es gute Gründe dafür, dass der derzeitige Trend langfristig anhält. Akuter Fachkräftemangel aufgrund der Alterung der Gesellschaft, wachsender Protektionismus, der den jahrzehntelangen Inflations-Hämmer Globalisierung ausschaltet, überhaupt die auch politisch intendierten Energiepreissprünge im Kampf gegen den Klimawandel – es gibt genügend strukturelle Inflationsrisiken. 

    Ja, die Notenbanken könnten immer noch rechtzeitig gegensteuern. Die Instrumente sind da: Das gilt für die überfällige Verringerung der monatlichen Anleiheankäufe und vor allem auch für das klassische geldpolitische Instrument, den Leitzins. Nur, wird die EZB entschlossen handeln können? Es gibt begründete Zweifel. 

    Inzwischen haben sich sogar zwei Fachbegriffe eingebürgert, die gut erklären, warum die Notenbanken möglicherweise nicht entschlossen genug handeln. Da ist einerseits die „Fiskaldominanz“. Der Begriff besagt, dass die Notenbanker unter Druck stehen, auf jene Finanzminister Rücksicht zu nehmen, die bei langfristig steigenden Kapitalmarktzinsen nicht mehr in der Lage sein könnten, ihre Schulden zu refinanzieren. Diesen Trend gab es mit Blick auf die südeuropäischen Staaten bereits während der Eurokrise.

    Die Pandemie hat das Problem bei staatlichen Schuldenquoten weit jenseits der 100 Prozent dramatisch verschärft. Bereits im vergangenen Jahr hatte die EZB mit ihren Anleihekäufen schon die gesamten Haushaltsdefizite der Euroländer finanziert. In der Folge stieg die Geldmenge M3 zeitweise mit zweistelligen Raten.

    Für die Preisentwicklung haben Menschen ein feines Gespür

    Nicht zu vernachlässigen ist auch die „Finanzdominanz“. Die Märkte haben sich an das Geld zum Nulltarif derart gewöhnt, dass eine schnelle Entwöhnung unweigerlich zum Crash und einem volkswirtschaftlich großen Schaden in der Folge führen würde.

    Ergo: Da die EZB ihre extrem expansive Geldpolitik allenfalls langsam zurückfahren kann, um die unerwünschten Nebenwirkungen zumindest im Zaum zu halten, sollte sie möglichst früh damit beginnen.

    Die Wirtschaftsgeschichte hat gezeigt, dass die Menschen ein feines Gespür dafür haben, wie sich die Preise entwickeln. Gewerkschaften verhandeln auf Basis solcher Erwartungen Löhne, Banken kalkulieren damit ihre Kreditverträge. Wenn Menschen weiter steigende Preisen erwarten, steigen sie am Ende auch. Die Inflation nährt die Inflation.

    Deshalb ist es so wichtig, dass die Notenbanker die Inflationserwartungen unter Kontrolle halten. Derzeit sieht es nicht so aus, als ob ihnen das gelänge – und so manches spricht dafür, dass 2021 als das Jahr in die Finanzgeschichte eingehen wird, in dem die Inflation, die anderthalb Dekaden wie durch ein Wunder verschwunden war, in die industrialisierte Welt zurückkehrte.

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