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12.08.2019

17:47

Kommentar

Die Reaktion der Gewerkschaft auf Deliveroos Rückzug ist zynisch

Von: Christoph Kapalschinski

Die NGG reagiert auf den Rückzug von Deliveroo nach dem Motto: Besser gar keine Jobs als die falschen. Der nächste Feind der Gewerkschaftssekretäre ist dabei schon absehbar.

Die NGG reagiert auf den Rückzug von Deliveroo – und zwar mit unangebrachter Schadenfreude.  AFP

Deliveroo

Die NGG reagiert auf den Rückzug von Deliveroo – und zwar mit unangebrachter Schadenfreude. 

In Deutschland verschwinden über 1000 Jobs – und was sagt die zuständige Gewerkschaft? „Wir weinen dem Unternehmen und seinen Geschäftspraktiken, die komplett auf Scheinselbständigkeit basieren, keine Träne nach.“ Das erklärt der NGG-Vorsitzende Guido Zeitler lapidar zur Ankündigung des britischen Lieferdiensts Deliveroo, der sein Geschäft in Deutschland binnen Tagen einstellen wird.

Deliveroo ist schon länger einer von Zeitlers Lieblingsfeinden. Radelnde Kuriere bringen Essen von Restaurants zu Kunden nach Hause. Der Gewerkschaftsführer stört sich an der Gig-Economy: Anders als Konkurrent Lieferando stellt Deliveroo seine Fahrer nicht fest an, die Gewerkschaft kann bei beiden nicht über Tarife mitreden.

Das bringt die Gewerkschaften zu folgender Logik: Besser gar keine Jobs als die falschen. Doch was für viele Vollzeitstellen seine Berechtigung hat, greift in der Gig-Economy zu kurz. Deliveroo hat seinen Fahrern vor allem einen Nebenjob per App angeboten – etwa für Studenten, Schüler und andere Gelegenheitsarbeiter. In der derzeitigen Arbeitsmarktlage wird niemand gezwungen, einen solchen Job anzunehmen.

Im Gegenteil: Deliveroo und Lieferando erhöhten die Entgelte, um überhaupt genügend Fahrer zu finden.

Diese hohen Kosten sind ein Grund für den Rückzug von Deliveroo – und vielleicht auch der ständige Protest. Dabei dürften sich die meisten Fahrer bei Deliveroo bewusst für das flexible Modell ohne Arbeitsvertrag und Stundenbindung entschieden haben, das Freiheiten bietet, die einst nur Taxifahrer kannten. Für die meisten Deliveroo-Fahrer war es eben kein Beruf fürs Leben, sondern ein Zuverdienst für einen Lebensabschnitt.

Diesen 1000 Fahrern fehlt nun ein willkommener, flexibler Nebenjob. Ebenso bricht Gastronomen Zusatzumsatz weg, die dafür zusätzliche Küchenkräfte beschäftigen konnten. Dass die Gewerkschafter dem keine Träne nachweinen wollen, ist zynisch.

Offenbar ging es längst nicht mehr wirklich darum, eine anständige Unfallversicherung oder angemessene Bezahlung durchzusetzen. Die Arbeitnehmervertreter wollen sich vielmehr mit Aktionen wie der Anti-Deliveroo-Kampagne „Liefern am Limit“ in sozialen Medien und vor Ort als Kümmerer für die Belange neuer Job-Modelle inszenieren und junge Neumitglieder werben.

Doch das wird kontraproduktiv, wenn sie dabei den Wandel von Arbeitsverhältnissen durch die App-Ökonomie aus dem Blick verlieren. Nach dem Rückzug von Deliveroo ist der nächste Feind der Gewerkschaftssekretäre schon absehbar: Längst erklären sie, wieso es Menschen besonders schlecht geht, die über Nacht E-Roller aufladen.

Dabei wird auch dazu niemand gezwungen: Es ist ein Job, der sich für ein paar Euro leicht nebenher erledigen lässt – sonst würde ihn niemand annehmen. Oder eben nur für so viel Geld, dass sich das Geschäftsmodell wie bei Deliveroo nicht mehr rechnet. Für die Betroffenen ist das bedauerlich, kein Grund zur Schadenfreude.

Kommentare (1)

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Herr Arno Lauth

13.08.2019, 08:07 Uhr

Die Gewerkschaft hat schon Recht.
Geschäftsmodelle, die auf Ausbeutung aufbauen, passen nicht in eine gerechte Welt.

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