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21.08.2019

17:57

Kommentar

Die Sparpläne der Commerzbank zeigen: Im Finanzsektor stehen unpopuläre Entscheidungen an

Von: Andreas Kröner

Die Umbrüche bei der Commerzbank stehen exemplarisch für die gesamte Finanzbranche. Banken müssen mit Sparern klar kommunizieren und eigenständig handeln.

Die Bank erwägt, ihre Zweigstellen von 1000 auf 800 bis 900 zu reduzieren. Bloomberg/Getty Images

Commerzbank-Logo

Die Bank erwägt, ihre Zweigstellen von 1000 auf 800 bis 900 zu reduzieren.

Martin Zielke versucht, auch in schwierigen Situationen Zuversicht auszustrahlen. Als die Fusion mit der Deutschen Bank im April platzte, erweckte der Commerzbank-Chef den Eindruck, als sei das für sein Institut überhaupt kein Problem. „Wir haben eine funktionierende Strategie“, sagte er. Bei den anstehenden Beratungen über die künftige Ausrichtung werde das Management lediglich prüfen, „ob wir an der einen oder anderen Stelle noch einmal nachschärfen“.

Heute zeigt sich, dass diese Darstellung – freundlich formuliert – zu optimistisch war. Die Not bei der Commerzbank ist zwar nicht ganz so groß wie bei der Deutschen Bank, die nun radikale Einschnitte im Investmentbanking vornimmt und 18.000 Stellen streicht. Aber auch bei den Gelben ist die Lage prekär. Der Gewinn ist im ersten Halbjahr eingebrochen. Die Aktie fiel vergangene Woche auf ein Rekordtief. Und die Aussichten sind mau.

Es ist deshalb überfällig, dass Zielke und seine Kollegen nun auch Dinge auf den Prüfstand stellen, die bei der Commerzbank lange als unantastbar galten. Dazu zählte bisher auch das Filialnetz, das nun möglicherweise von 1000 auf 800 bis 900 Zweigstellen reduziert wird. Diese Maßnahme allein wird jedoch nicht ausreichen, um die Situation von Deutschlands zweitgrößter Privatbank nachhaltig zu verbessern.

Angesichts der Konjunktureintrübung und einer weiteren Lockerung der Geldpolitik, die EZB-Präsident Mario Draghi demnächst verkünden wird, darf es bei der Commerzbank und allen anderen Geldhäusern in Deutschland keine Denkverbote geben. Denn viele althergebrachte Grundsätze des Bankgeschäfts gelten heute nicht mehr. Für Einlagen, die Institute bei der EZB parken, bekommen sie keine Zinsen mehr gutgeschrieben, sondern müssen Strafzinsen bezahlen.

Wenn die Zentralbank die Einlagenzinsen bald noch weiter in den negativen Bereich drückt, werden Banken gezwungen sein, Gebühren anzuheben oder bei hohen Einlagen Strafzinsen von Privatkunden zu verlangen. Zudem sorgen die Vorgaben der Aufsichtsbehörden, die nach der Finanzkrise aus gutem Grund verschärft wurden, dafür, dass sich viele Geschäfte heute nicht mehr rechnen.

Viele Bankmanager müssen deshalb in den kommenden Monaten und Jahren unpopuläre Entscheidungen treffen. Sie müssen verärgerten Sparern erklären, warum diese immer schlechtere Konditionen bekommen. Sie müssen Geschäftsbereiche aufgeben, die Institute über viele Jahrzehnte erfolgreich betrieben haben.

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Sie müssen Mitarbeitern erklären, warum diese künftig nicht mehr gebraucht werden. Und sie müssen sich in Einzelfällen vielleicht eingestehen, dass ihre Bank allein nicht überlebensfähig ist – und dass ein Verkauf oder eine geordnete Abwicklung die beste Lösung ist.

Auch bei der Commerzbank ist die Frage, ob sie dauerhaft allein bestehen kann, noch nicht abschließend beantwortet. Vieles spricht dafür, dass das 1870 von Hamburger Kaufleuten gegründete Institut irgendwann von einer ausländischen Bank geschluckt wird. Doch in naher Zukunft ist dies aus mehreren Gründen unwahrscheinlich.

Commerzbank muss aus eigener Kraft erfolgreich werden

Grenzüberschreitende Fusionen sind nach wie vor schwierig, weil es in den EU-Staaten unterschiedliche Regeln gibt, die ein Zusammenlegen von Geschäften erschweren und positive Effekte einer Fusion abschwächen. Zudem werden potenzielle Käufer angesichts der bevorstehenden Zinssenkung und der Gefahr, dass es im Abschwung zu mehr Kreditausfällen kommt, aktuell die Füße stillhalten.

Die Commerzbank muss deshalb alles tun, um aus eigener Kraft erfolgreicher zu werden. Das Institut hat in den vergangenen Jahren zahlreiche neue Kunden gewonnen. Aber das Geldhaus hat es bisher nicht geschafft, dies in auskömmliche Gewinne umzumünzen. Künftig muss der Fokus deshalb stärker auf Profitabilität als auf Wachstum liegen. Und es muss weitere Kosteneinsparungen geben.

Letzteres gilt auch für die Deutsche Bank und viele andere Institute, die über ihre künftige Aufstellung nachdenken – zum Beispiel die BayernLB. Die Münchener Landesbank hat sich in den vergangenen beiden Jahren zu sehr auf dem eigenen Erfolg ausgeruht und es verpasst, früher Einschnitte vorzunehmen, beispielsweise im Kapitalmarktgeschäft.

Nun berät das Institut über eine neue Strategie, bei der es laut Vorstandschef Stephan Winkelmeier nicht um eine Revolution, sondern um eine Evolution der Bank gehen soll. Aber warum so zurückhaltend? Die erfolgreiche Direktbanktochter DKB könnte verkauft, das restliche BayernLB-Geschäft bei einem anderen Institut angedockt werden.

Dem Mehrheitseigner, dem Land Bayern, blieben dann immer noch zwei Förderbanken, um Wirtschaftsförderung zu betreiben. Und Ministerpräsident Markus Söder wäre das Risiko los, die Landesbank im Fall einer Schieflage erneut stützen zu müssen. Söder wäre gut beraten, über diese Option ernsthaft nachzudenken. Denn heilige Kühe sollte es nirgends geben – in Frankfurt genauso wenig wie in München.

Mehr: Fondsmanager Michael Hünseler rät der Commerzbank zu mehr Einsparungen. Auch er hält die Schließung von Filialen für wahrscheinlich, wie er im Interview verrät.

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