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31.08.2021

16:00

Kommentar

Die steigende Inflation ist nicht nur eine Momentaufnahme

Von: Jens Münchrath

Ob USA, Europa oder Deutschland – die Preissteigerung entwickelt eine bedenkliche Dynamik. Es wäre aus Sicht der Notenbanken fahrlässig, eine dauerhafte Inflationswelle auszuschließen.

Die Europäische Zentralbank muss die steigenden Preise im Blick behalten, ohne die Konjunktur abzuwürgen. imago images/Hannelore Förster

EZB-Zentrale in Frankfurt

Die Europäische Zentralbank muss die steigenden Preise im Blick behalten, ohne die Konjunktur abzuwürgen.

Die Globalisierung stockt, die Lieferketten reißen, Arbeitskräftemangel, wohin man schaut – und nicht zuletzt gibt es da den epochalen Kampf gegen den Klimawandel, der die Energie langfristig verteuern wird, ja sogar muss.

Es gibt viele Gründe, die für einen anhaltenden Trend höherer Inflationsraten sprechen.

In der Eurozone lag die Preissteigerung im August bei drei Prozent – trotz der wachstumslahmen Volkswirtschaften im Süden. In Deutschland steigen die Preise sogar um 3,9 Prozent – solche Werte hat es zuletzt im Wiedervereinigungsboom Anfang der neunziger Jahre gegeben. Und es wird nicht lange dauern, bis eine Fünf vor dem Komma steht (Bundesbankprognose), was die ohnehin inflationssensiblen Deutschen weiter verunsichern dürfte.

In den USA zu guter Letzt ist die Lage noch kritischer: Gigantische staatliche Rettungs- und Investitionspakete, eine weitgehend ausgelastete Wirtschaft und eine jetzt schon überhitze Konjunktur – und das Ganze gepaart mit einer nach wie vor ultralockeren Geldpolitik: Da braut sich was zusammen.

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    Das globale Panorama hat sich verändert. Ja, niemand weiß mit Gewissheit, ob der jüngste Trend anhaltend ist. Aber es wäre vor allem aus Sicht der Notenbanken geradezu fahrlässig, sich nicht auf ein langfristigeres Szenario hoher Inflationsraten vorzubereiten. All jene jedenfalls, die glauben, die derzeitigen Inflationsraten beruhten vor allem auf Basis-, Einmal- oder Sondereffekten, geraten zunehmend in Erklärungsnot.

    Knapp umrissen sprechen vier Gründe dafür, dass 2021 als das Jahr in die Geschichte eingehen könnte, in dem nach fast 20 Jahren Debatte über säkulare Stagnation und Deflation die Inflation in die industrialisierten Volkswirtschaften zurückkehrt.

    Beispiel Globalisierung: Die Ära der entfesselten Globalisierung mag einige unerwünschte sozialpolitische Nebenfolgen mit sich gebracht haben, sie hat vor allem aber auch eine inflationsdämpfende Wirkung entfaltet. Schon die von Donald Trump initiierten Handelskriege bremsten den globalen Warenaustausch. Die Pandemie und die Debatte um „unsichere Lieferketten“ werden den Trend der De-Globalisierung verfestigen.

    Handelshemmnisse wie Zölle, nicht tarifäre Maßnahmen oder regulatorische Interventionen wie ein Lieferkettengesetz kann man zur Erreichung bestimmter Ziele wollen, sie haben aber preistreibende Effekte.

    Beispiel Klimawandel: Will man die globale Erderwärmung effizient bekämpfen, führt kein Weg daran vorbei, die Energie zu verteuern. Das gilt nicht nur für den direkten Konsum. Unternehmen müssen erstens sukzessive mehr für CO2-Emissionen zahlen. Zweitens wird der klimagerechte Umbau der Produktion Unsummen verschlingen, auch das wird den Preisdruck für den Endverbraucher erhöhen.

    Gefürchtete Lohn-Preis-Spirale kommt in Gang

    Beispiel Arbeitsmarkt: Die Demographieprobleme der Industrieländer werden die Löhne tendenziell nach oben treiben – auch ganz ohne Klassenkampf. In den USA und teilweise auch in Deutschland finden Unternehmen schon jetzt in vielen Branchen schlichtweg keine Mitarbeiter mehr, wenn sie nicht beim Lohn kräftig obendrauf legen.

    Dieser Trend wird sich empfindlich verstärken, wenn die Babyboomer in Rente gehen. Die Bank für Internationalen Zahlungsausgleich warnt davor, dass das sinkende Arbeitskräfteangebot die Inflationsraten in den nächsten Jahrzehnten kräftig nach oben treiben wird. .

    Fakt ist: Die gefürchtete Lohn-Preis-Spirale kommt in Gang.

    Lohn in der Euro-Zone ist um 25 Prozent gewachsen, die Geldmenge um 200 Prozent

    Beispiel Verschuldung: Die jahrelange Nullzinspolitik hat die Illusion genährt, dass eine hohe Staatsverschuldung kein Finanzrisiko darstellt. Erst Finanzkrise, dann Eurokrise, jetzt die Pandemie – die ständige Krisenbekämpfung hat die Schuldenstände der meisten Industriestaaten weit über die Wirtschaftsleistung getrieben.

    Das alles ist tragbar, solange der Kapitalmarktzins nahe der Null liegt. Die Annahme, dass das so bleiben wird, ist allerdings eine ziemlich riskante Wette. An den Märkten machen schon die ersten Gerüchte die Runde, die Regierungen könnten der Versuchung erliegen, ihre reale Verschuldung durch die Inflation zu senken.

    Natürlich könnten die Notenbanken all diesen Trends entgegenwirken, ihre Ankäufe von Staatsanleihen einstellen oder sogar die Zinsen erhöhen. Nur – werden sie es tun? Die Zweifel wachsen – und sie sind berechtigt.

    Längst haben sich Märkte, Unternehmen und vor allem auch Staaten an das süße Gift des billigen Geldes gewöhnt. Die Balance, das Wachstum nicht zu gefährden, die Märkte nicht kollabieren zu lassen und andererseits die Inflation im Zaum zu halten, wird immer schwieriger.

    Die Fed hatte es 2013 schon einmal zaghaft versucht – und eine Panikattacke an den Märkten ausgelöst. Jetzt biegen sich die Notenbanken ihr Inflationsziel so zurecht („symmetrisch“ soll es jetzt sein), dass das Nichtstun mit ihrem Mandat, die Preise zu sichern, vereinbar bleibt.

    Vertrauensweckend ist das nicht. Vor allem die EZB ist in einer schwierigen Lage: Sie muss den Euro zusammenhalten, und jeglicher Anstieg der langfristigen Kapitalmarktzinsen untergräbt das Vertrauen in die Schuldentragfähigkeit südeuropäischer Staaten.

    In der Euro-Zone ist die Geldmenge M3 in den vergangenen 20 Jahren um mehr als 200 Prozent gewachsen, das reale Bruttoinlandsprodukt dagegen nur 25 Prozent. Auch wenn die Inflation nicht mehr zwingend „immer und überall als ein monetäres Phänomen angesehen werden muss“ (Milton Friedman). Doch der Zusammenhang – zu viel Nachfrage trifft auf wenig Angebot oder zu viel Geld auf zu wenig Produktion – bedeutet Inflation. Das lässt sich nicht mit ein paar Sondereffekten aus der Welt schaffen.

    Auch das gilt: Steigen die Inflationserwartungen, fordern die Arbeiter höheren Lohn, die Banken passen ihre Kreditkonditionen an. Soll heißen: die Inflation nährt die Inflation. Die Zentralbanken müssen sich also entscheiden, was ihnen der „Inflationsanker“ wert ist – besser früher als später.

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