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16.04.2018

16:14 Uhr

Kommentar

Die Türkei will im Syrien-Krieg zwischen den Stühlen sitzen

VonOzan Demircan

Die Türkei hat den Militärschlag des Westens gegen Syrien zwar begrüßt, sucht aber auch die Nähe zu Putin. Dahinter steckt Kalkül – und eine Gefahr.

Die beiden Präsidenten treffen sich regelmäßig. dpa

Wladimir Putin und Recep Tayyip Erdogan (v.l.)

Die beiden Präsidenten treffen sich regelmäßig.

IstanbulRecep Tayyip Erdogan mag es, viele Sachen gleichzeitig anzugehen. Verfassungsänderung, Militäreinsatz, Ausnahmezustand – der türkische Präsident kann seine Vorstellungen gar nicht schnell genug umsetzen. Was den Syrien-Krieg angeht, ist das kaum anders. Auch hier will sich Ankara an mehreren Fronten aufstellen.

Am Montagvormittag war die Rolle des neutralen Akteurs an der Reihe. Vize-Ministerpräsident Bekir Bozdag sagte auf einer Pressekonferenz, dass die Türkei im Syrien-Konflikt an der Seite keines anderen Staates stehe. „Die türkische Politik unterscheidet sich von der Irans, Russlands und den USA.“

Das Statement kam, nachdem Staatschef Erdogan die Luftangriffe auf syrische Regimestellungen am vergangenen Wochenende ausdrücklich begrüßt hatte.

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Dabei kann von Neutralität keine Rede sein. Denn Erdogan telefoniert nicht nur regelmäßig mit Kremlchef Wladimir Putin, der offen Assad unterstützt. Die Türkei ist noch dazu eine der drei Garantiemächte in dem sieben Jahre andauernden Konflikt und hat zahlreiche eigene Soldaten in dem Land stationiert. Gleichzeitig arbeitet die Türkei im Syrien-Konflikt sehr wohl auch mit Europa zusammen: beim Flüchtlingspakt.

Dahinter steckt Kalkül. Die türkische Führung will mit Russland zusammenarbeiten, weil sie sich davon wirtschaftlich und außenpolitisch viel verspricht. Gleichzeitig hat die Führungsriege um Staatschef Erdogan bemerkt, dass das nicht ganz auf Kosten der Beziehungen zum Westen geschehen kann.

Die Aussagen von Vizepremier Bozdag zeigen allerdings, dass die Türkei derzeit selbst nicht so genau weiß, auf wessen Seite sie steht. Das überrascht umso mehr, wenn man sich vorstellt, dass Staatschef Erdogan grundsätzlich offensiv sein Engagement in dem Bürgerkriegsland bewirbt.

Mit der Aussage könnte Bozdag den Einfluss des eigenen Landes auf das Geschehen im Syrien-Konflikt erheblich geschmälert haben. Doch die Strategie birgt auch Chancen: Die Türkei könnte zum Makler der geopolitischen Interessen aufsteigen. Ein Ziel, das viele politische Akteure in dem Land vor Erdogan nicht erreicht haben. Ein Balanceakt, der sich bezahlt machen könnte – oder die Türkei im globalen Machtgefüge in die Bedeutungslosigkeit befördert.

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