Handelsblatt App
Jetzt 4 Wochen für 1 € Alle Inhalte in einer App
Anzeigen Öffnen
MenüZurück
Wird geladen.

23.05.2019

16:14

Kommentar

Ein neuer Eiserner Vorhang droht die Technologiewelt zu trennen

Von: Torsten Riecke

In einem Tech-Krieg zwischen den USA und China wäre die Idee vom globalen Internet das erste Opfer. Dabei lebt Fortschritt vom internationalen Austausch.

Mit dem Bann des chinesischen Netzausstatters aus den USA wird die Idee des globalen Internets im Keim erstickt. Reuters

Huawei-Smartphones

Mit dem Bann des chinesischen Netzausstatters aus den USA wird die Idee des globalen Internets im Keim erstickt.

Erinnern Sie sich noch an den Namen Robotron? Die Computermarke der ehemaligen DDR war die Nummer eins für elektronische Rechentechnik im damaligen Rat für gegenseitige Wirtschaftshilfe des Ostblocks. Die ostdeutschen Tüftler im Dresdener Kombinat waren jedoch von der Computertechnik im Westen abgeschnitten: Technologieexporte, Wissenstransfers und Lizenzvergaben unterlagen einem strikten Embargo.

Der Eiserne Vorhang trennte zwei Welten: politisch, wirtschaftlich und technologisch.

Wer eine Vorstellung davon bekommen will, was der aktuelle Technologie-Krieg zwischen den USA und China bedeuten könnte, sollte sich an diese Zeit des Kalten Kriegs zurückerinnern. Mit dem Unterschied, dass sich der Westen heute nicht mehr sicher sein kann, dass er technologisch die Nase vorn behält und am Ende als Sieger vom Platz geht.

Der Technologie-Bann, den US-Präsident Donald Trump vor einer Woche über Hightech „made in China“ verhängt hat, könnte zum Spaltpilz für das globale Internet werden und damit auch die Globalisierung der Wirtschaft um Jahrzehnte zurückwerfen.

Amerikanische, aber auch europäische und japanische IT-Konzerne werden gezwungen, sich für eine Seite zu entscheiden. Google blockiert den Zugang von Huawei zu seinem mobilen Betriebssystem Android, nachdem Trump den chinesischen Technologiekonzern auf eine schwarze Liste gesetzt hat. Auch Hikvision, ein chinesischer Anbieter für Videoüberwachung, könnte auf die Gefahrenliste der Amerikaner geraten.

Westliche Tech-Zulieferer wie Infineon und die japanische Panasonic schränken ihre Lieferungen an Huawei ein. Die britischen Mobilfunkanbieter EE und Vodafone wollen zunächst keine Huawei-Handys mehr für die kommende 5G-Technologie anbieten. Die USA haben das chinesische Vorzeigeunternehmen vom Aufbau des 5G-Netzwerks ausgeschlossen und setzen ihre Verbündeten massiv unter Druck, dem Beispiel zu folgen.

Die Spaltung in zwei Technosphären betrifft nicht nur die Hightech-Produkte. Die US-Regierung versucht, auch den Transfer von Hightech-Wissen nach China zu unterbinden. Einreisevisa für chinesische Studenten und Wissenschaftler aus der IT-Branche werden eingeschränkt. US-Chiphersteller wie Intel und Qualcomm haben es deutlich schwerer, die nötigen Genehmigungen zu bekommen, um chinesische Spezialisten einzustellen.

Das berüchtigte „Committee on Foreign Investment into the United States“ (CFIUS) hat den Abwehrkampf gegen Chinas Einfluss verstärkt und ist zur politischen „Firewall“ der USA gegenüber Annäherungsversuchen von Unternehmen und Finanzinvestoren aus China geworden.

Handelsblatt Live

Müssen Huawei-Nutzer jetzt auf Android verzichten?

Handelsblatt Live: Müssen Huawei-Nutzer jetzt auf Android verzichten?

Ihr Browser unterstützt leider die Anzeige dieses Videos nicht.

Zwar war das Internet nie so global, wie es die Idee des World Wide Web glauben machen wollte. Die Techno-Kommunisten in Peking versuchen schon seit Langem mit ihrer „Great Firewall“, politisch unerwünschte Anbieter und Inhalte aus dem Westen zu zensieren oder ganz draußen zu halten. Das hat auch dazu geführt, dass chinesische Hightech-Größen wie Tencent (WeChat), Baidu und Alibaba hinter der digitalen Schutzmauer wachsen und gedeihen konnten.

Kräftige Staatshilfe in China

Chinas Präsident Xi Jinping, der mit seiner Initiative „Made in China 2025“ das Wettrennen um die globale Technologieführerschaft gestartet hat, wird nach dem Technologie-Bann der USA die Anstrengungen Chinas für den Aufbau einer eigenen Technosphäre verdoppeln. Xi spricht bereits von einem „neuen langen Marsch“, auf den sich die Chinesen jetzt begeben müssten. Konkret werden Chinas Firmen mit kräftiger Hilfe des Staates eigene Betriebssysteme, Apps, Chips und Standards entwickeln, um sich von der westlichen Tech-Welt unabhängiger zu machen.

Die von Peking gleichzeitig vorangetriebene „Neue Seidenstraße“ könnte dabei eine wichtige Teilstrecke dieses langen Marsches sein. Ermöglicht sie es den Chinesen doch, ihre Hightech-Produkte und Vorstellungen über Meinungsfreiheit und Datenschutz für die Cyberwelt in andere Länder entlang der digitalen Seidenstraße zu exportieren und so ihre Technosphäre auszuweiten. In Tansania oder Simbabwe geschieht das heute schon, aber auch Ungarn, Griechenland und sogar Italien haben sich dem Mammutprojekt der Chinesen angeschlossen.

Am Ende könnten zwei weitgehend getrennte Technologie-Welten stehen, so ähnlich wie beim VEB Robotron im Kalten Krieg. Europa kann sich in diesem Duell nur auf die Seite des Westens schlagen, nicht nur aus politischen, sondern auch aus wirtschaftlichen Gründen. Gerade erst hat eine Umfrage der EU-Handelskammer in China ergeben, dass ein Fünftel der fast 600 Mitgliedsfirmen immer noch beim Markteintritt zum Technologietransfer gezwungen wird. Das ist doppelt so viel wie vor zwei Jahren.

Das heißt im Umkehrschluss jetzt nicht, dass die Europäer sich für die „America first“-Politik einspannen lassen sollten. Dort jedoch, wo Trumps Kritik an Chinas Streben nach technologischer Vorherrschaft berechtigt ist, sollte auch Europa seine Position gegenüber Peking deutlicher machen.

Mehr: Der chinesische Hersteller Huawei muss wohl bald auf Google-Systeme verzichten. Viele Mobilfunkbetreiber setzen nun die Einführung neuer Smartphones aus.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×