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26.07.2021

14:28

Kommentar

Eine Käsesemmel und 50 Euro für Impfwillige, bitte!

Von: Thomas Sigmund

PremiumWir brauchen mehr Freiheiten für Geimpfte. Dafür muss die Politik mit Zuckerbrot und Peitsche arbeiten. Andernfalls bekommen wir die Pandemie nicht in den Griff. 

Durch Impfangebote bei Veranstaltungen, wie hier beim Open-Air-Festival „Kulturinsel Wöhrmühle“, sollen die Impfstoffe zu den Menschen gebracht werden. dpa

Impfangebot bei Open-Air-Festival

Durch Impfangebote bei Veranstaltungen, wie hier beim Open-Air-Festival „Kulturinsel Wöhrmühle“, sollen die Impfstoffe zu den Menschen gebracht werden.

Es scheint ein Naturgesetz zu sein, dass in der westlichen Welt zwischen 50 und 60 Prozent der Bevölkerung bereit sind, sich impfen zu lassen. Dann aber gehen die Probleme los. Man kann davon ausgehen, dass für die Herdenimmunität eine deutlich höhere Impfquote nötig ist, selbst wenn man die Genesenen miteinberechnet. Bei denen sind sich die Wissenschaftler allerdings nicht sicher, ob sie an anderen Varianten noch erkranken. 

Fakt ist: Die Impfkampagnen stocken ab diesem Sättigungspunkt. Appelle und einige Werbespots helfen da auch nicht mehr weiter. Wir brauchen Zuckerbrot und Peitsche. In den USA gibt es Gouverneure, die Lotteriegewinne in Aussicht stellen oder ganz simpel ein Hamburger-Menü mit Pommes.

Als FDP-Chef Christian Lindner den pragmatischen und kreativen Vorschlag machte, in Supermärkten zu impfen, wurde er in typisch deutscher Bedenkenträgermanier erst mal kritisiert. Jetzt fordert das sogar der politische Corona-Papst Karl Lauterbach. Und die ersten Impfungen bei Ikea oder vor Fußballstadien zeigen: Die Menschen nehmen das an. 

Damit kommen wir zur Peitsche. Die schwingt der französische Präsident Emmanuel Macron, indem er die Zutrittsregeln für Ungeimpfte zu Fitnessstudios, Kinos und Stadien einschränkt. Ungeimpfte bekommen dort keine kostenlosen PCR-Tests mehr, und es gibt eine Impfpflicht im Gesundheitswesen. Schon nach Ankündigung dieser Maßnahmen stiegen die Anmeldungen zur Impfung in Frankreich sprunghaft.

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    Manches davon würde man sich auch in Deutschland wünschen. Die Mischung aber macht’s. Warum sollte man nicht jedem, der sich impfen lässt, 50 Euro Impfprämie zahlen. Das wäre insofern angemessen, weil die früh Geimpften auch ein Privileg hatten, nämlich die Impfreihenfolge der Stiko. Für eine Blutspende gibt es 20 Euro und eine Käsesemmel. Beim Impfen gegen Corona schützt sich jeder auch noch selbst. Der Fünfziger wäre schnell verdient. 

    Verzögerung in den Herbst hinein 

    Doch vor der Bundestagswahl will Unions-Kanzlerkandidat Armin Laschet die Wähler nicht verschrecken. Im TV-Sommerinterview kündigte er an, erst im Herbst eine Entscheidung treffen zu wollen. Das ist weder Taktik noch Strategie.

    Nach dem vergangenen lockeren Corona-Sommer müsste die Politik nun gewarnt sein. Laschet denkt offenbar, er kommt damit über die Bundestagswahl am 26. September hinweg. Für eine solche Taktiererei haben die Wähler aber ein gutes Gespür. 

    Die Trittbrettfahrerei der Verweigerer setzt nämlich Eltern unter Druck, ihren Nachwuchs impfen zu lassen, obwohl Impfrisiko und -nutzen bei Minderjährigen noch nicht austariert sind. Für die unter Zwölfjährigen gibt es noch nicht einmal einen Impfstoff. Wenn sich neue Varianten durch die Impfverweigerung bilden, setzt man die Jüngsten einer Gefahr aus, die es bei einer hohen Impfquote der Erwachsenen nicht gäbe. Das ist pure Statistik. Je mehr auch leichte Covid-Fälle es gibt, desto öfter hat das Virus die Möglichkeit, neue Varianten hervorzubringen. 

    Impfpflicht mit einer Opt-out-Regel 

    Eine Möglichkeit wäre, eine Impfpflicht mit einer Opt-out-Regel einzuführen: Der Staat führt eine allgemeine Impfpflicht für Erwachsene ein. Aber jeder kann ohne großen Aufwand auf eine Impfung verzichten. Damit ließe sich die Quote um zehn Prozentpunkte steigern, weil man so noch einen Teil der Bevölkerung erreicht, den man mit allen anderen Mitteln nicht erreicht.

    Wer sich aber verweigert, muss dann mit den Konsequenzen leben. Das heißt weiter beschränkten Zugang zu Restaurants oder öffentlichen Einrichtungen. Das mögen einige als Übergriffigkeit des Staates empfinden, es kann aber nicht sein, dass die impfpolitischen Trittbrettfahrer den Großteil der Vernünftigen und vor allem die Familien einer Gefahr aussetzen, die sonst viel geringer wäre. 

    Egal, welche Lösung die Politik wählt, sie muss jetzt kommen – auch wenn die Bundestagswahl vor der Tür steht. Die Politiker dürfen aus Angst vor querdenkenden Wählergruppen vor unpopulären Maßnahmen nicht zurückschrecken. Das sind sie den Bürgern schuldig. 

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