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15.07.2022

09:36

Kommentar

Eine typisch deutsche Neiddebatte

Von: Thomas Sigmund

Die Geschichten über die Hochzeit des Finanzministers zeigen: Nicht einmal eine Feier mit Buletten und Kartoffelsalat hätte ihn vor Spott gerettet.

In Deutschland läuft jeder politische Streit über die Verteilung des Wohlstands nach dem gleichen Muster ab. dpa

Christian Lindner (FDP) und seine Frau Franca Lehfeldt auf Sylt

In Deutschland läuft jeder politische Streit über die Verteilung des Wohlstands nach dem gleichen Muster ab.

Wenn man mit Neid ein Kraftwerk betreiben könnte, müsste Deutschland nicht mehr in der ganzen Welt um Gas betteln. Wer die Geschichten über die Hochzeit von Christian Lindner und Franca Lehfeldt verfolgt, kann zu keinem anderen Schluss kommen.

Das Magazin „Stern“ macht sogar eine Cover-Story über das Celebrity-Event auf Sylt. Darauf sind der Bundesfinanzminister im Smoking und seine Frau im Hochzeitskleid zu sehen. Friedrich Merz fliegt im goldenen Jet ein, und der Bundeskanzler lacht aus dem Fenster des Fliegers. Natürlich geht es nicht darum, dem FDP-Chef die Hochzeit nicht zu gönnen. Sondern alles dreht sich um den richtigen Zeitpunkt der Hochzeit in Zeiten von Gaskrise und drohender Rezession.

Eine dürftige Erklärung. Ein paar Jahre hätten Lindner und Lehfeldt natürlich warten können, bis die Inflation wieder beim EZB-Ziel von zwei Prozent liegt und der Ukrainekrieg beendet ist. Oder die Feier wäre in eine Berliner Bierklause verlegt worden. Buletten und Kartoffelsalat. Schmeckt ab und zu auch nicht schlecht.

Es wäre allerdings kein einziges Problem in Deutschland gelöst worden. Wahrscheinlich hätten dann aber die Titelgeschichten gelautet: „Lindner pleite? Kann er sich seinen Porsche nicht mehr leisten?“

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    Doch am Ende geht es um eine klassische deutsche Debatte. Die Amerikaner lieben die Geschichten von den Tellerwäschern, die es bis zum Millionär gebracht haben. In den USA muss keiner verschweigen oder es kleinreden, wie er es zu seinem Haus, seinem Auto und seinem Boot gebracht hat.

    Gehälter sind in Deutschland nach wie vor ein Tabuthema. Wenn eine oder einer mehr verdient als die anderen und sich das herumspricht, stört das den Betriebsfrieden. Doch die große Gleichheit ist eine echte Wachstumsbremse. Ehrgeiz braucht Anreize. Leistung muss sich lohnen. Darf man das noch sagen in Zeiten, in denen alles und jedes mit der Herkunft und den fehlenden Chancen begründet wird?

    Nach Freibier für alle kommt der große Kater

    In Deutschland läuft jeder politische Streit über die Verteilung des Wohlstands nach dem gleichen Muster ab. Braucht der Staat Geld, ist der Ruf nach einem höheren Spitzensteuersatz, mehr Erbschaftsteuer und Einführung der Vermögensteuer nicht weit. Wer sich aber für ein Grundeinkommen oder gar ein Grunderbe einsetzt, gilt als kreativer Kopf, der Chancen für die Talente der Menschen schafft und damit die Wirtschaft ankurbelt.

    Doch nach Freibier für alle kommt meist der große Kater. Dann schon lieber am schönsten Tag des Lebens ein Gläschen Champagner auf Sylt.

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