Handelsblatt App
Jetzt 4 Wochen für 1 € Alle Inhalte in einer App
Anzeigen Öffnen
MenüZurück
Wird geladen.

22.11.2022

12:32

Kommentar

Einsamer Genius: Musks Managementstil ist aus der Zeit gefallen

Von: Felix Holtermann

Der Tesla-Gründer und Milliardär muss sich nach dem Twitter-Fiasko schleunigst besinnen, will er nicht sein Lebensziel gefährden: den Flug zu den Sternen.

Auf wen hört er noch? dpa

Elon Musk

Auf wen hört er noch?

Stefan Zweig hätte Elon Musk bewundert. „Immer sind Millionen Menschen innerhalb eines Volkes nötig, damit ein Genius entsteht“, schrieb er in seinen „Sternstunden der Menschheit.“

Ein Genius, das ist nach Zweig ein Mensch, der zupackt, wenn der Mantel des Schicksals ihn streift, und dessen Ruhm die Zeiten überdauert. Elon Musk hat sich früh dazu entschieden zuzupacken.

Es ist die Aura des Genius, die Musk umweht, die seine Mitarbeiter zu übermenschlichen Anstrengungen anspornt und einen großen Teil seines Erfolgs erklärt. Musk denkt groß: mindestens die Rettung der Erde - das gab er als Ziel des Elektroautopioniers Tesla aus. Oder die Kolonisierung des Mars, wie sie seine Raumfahrtfirma SpaceX anstrebt.

Mit Twitter hat sich Musk einem weiteren Großziel verschrieben: dem Schutz der Meinungs- und Redefreiheit, wenn nicht gleich der Rettung der Demokratie. Doch zum ersten Mal hält sich die Begeisterung in Grenzen. Das Gegenteil ist der Fall.

Top-Jobs des Tages

Jetzt die besten Jobs finden und
per E-Mail benachrichtigt werden.

Standort erkennen

    Seit der Twitter-Übernahme ist klar: Musk versucht, ein Medienunternehmen des 21. Jahrhunderts mit Managementmethoden aus den 90er-Jahren zu führen. Das vertreibt Mitarbeiter wie Werbekunden, gefährdet die Existenz der Plattform – und kostet sehr viel Geld.

    Elon Musks Managementstil

    Musks Managementstil zeichnet sich durch drei Eigenarten aus: Obwohl er milliardenschwere Firmen führt, neigt er zu Mikromanagement. Entscheidungen trifft er am liebsten allein. Und für unersetzbar hält er sich sowieso. All das ist aus der Zeit gefallen.

    Beispiel Mikromanagement: Kurz nach dem Twitter-Kauf verschickte Musk die Anweisung an die Programmierer, jüngst geschriebene Code-Zeilen für eine „Code-Review“ einzuschicken. Softwarearchitekten schütteln darüber nur den Kopf.

    Code wird heutzutage von Teams geschrieben. Dass ein Externer langjährig entwickelten Code binnen Tagen beurteilen will, gilt als gefährliche Hybris.

    Beispiel einsame Entscheidungen: Ein Ex-Vorstand eines Musk-Unternehmens berichtet, der Milliardär agiere wie ein Start-up-Gründer: Er wolle möglichst viele Einzelentscheidungen selbst treffen und diese müssten am Folgetag zu korrigieren sein.

    Doch was bei Ingenieurfragen funktionieren mag, führt anderswo in den Abgrund: Heute gefeuerte Twitter-Angestellte kehren nicht morgen auf Zuruf wieder an den Arbeitsplatz zurück. Und einmal vergraulte Werbekunden besinnen sich nicht anderntags neu.

    Beispiel Unersetzbarkeit: Vor Gericht in Delaware kam heraus, dass der Verwaltungsrat Musk als „unersetzlich“ für Tesla betrachtet. Wiederholt habe man sich nach einem Nachfolger umgeschaut: „Wir haben keinen gefunden.“ Musk erklärte noch 2021, es gebe keinen Nachfolgeplan. Das ist absurd: Jeder muss ersetzbar sein – auch Musk.

    Musk siedelte eine seiner Gigafactories in Austin, Texas an. AP

    Tesla in Austin

    Musk siedelte eine seiner Gigafactories in Austin, Texas an.

    Höchste Zeit also für Selbstkritik. Bleibt Musk stur, dann verheißt das für seine Unternehmungen nichts Gutes: Tesla-Aktionäre müssen sich um ihr Investment sorgen, wenn Musk weitere Anteile am Autobauer verkaufen muss, um das Twitter-Abenteuer zu finanzieren. Und SpaceX-Fans müssen sich fragen, ob genug Geld für die Marsmission bleibt, sollte Tesla scheitern.

    Musk spricht plötzlich von einem möglichen Nachfolger

    Erstaunlicherweise scheint bei Musk ein Sinneswandel einzusetzen: Überraschend sagte er nun in Delaware aus, er habe einen möglichen Nachfolger bei Tesla ausgemacht - und wolle auch nicht ewig Twitter-Chef bleiben.

    Was kommt als Nächstes? Musk hat fast im Alleingang Elektroautos sexy gemacht und die Welt damit zum Besseren verändert. Diese Leistung bleibt, ganz egal, was aus Tesla oder Twitter wird.

    Du möchtest morgens aufwachen und daran glauben, dass die Zukunft großartig wird. Elon Musk, Unternehmer

    Der reichste Mann der Welt hat neun Kinder von drei Frauen und ein überragendes Ziel: das Weltall zu kolonisieren. „Du möchtest morgens aufwachen und daran glauben, dass die Zukunft großartig wird“, sagt Musk. „Ich kann mir nichts Aufregenderes vorstellen, als hinauszugehen zu den Sternen.“

    Das klingt fantastisch. Bevor die Marsrakete entschwebt, wäre es wohl für alle Seiten das Beste, wenn der Genius eine Auszeit nimmt, seinen Mitarbeitenden das Ruder überlässt und vielleicht einfach mal ein gutes Buch liest. Es muss ja nicht Zweig sein.

    Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

    Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

    Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

    ×