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08.08.2022

18:24

Kommentar

Es gibt bessere Lösungen als eine 42-Stunden Woche

Von: Lazar Backovic

Unternehmen haben mit wenig Personal zu kämpfen, obwohl das Potenzial an Vollzeitkräften beachtlich ist. An zwei Stellenschrauben ließe sich schnell und effektiv drehen.

Volle Tische, aber wenig Personal: Mit dem Fachkräftemangel haben viele Unternehmen in Deutschland zu kämpfen. Doch es gibt Möglichkeiten das Problem zu überwinden. dpa

Kellner in einem Restaurant

Volle Tische, aber wenig Personal: Mit dem Fachkräftemangel haben viele Unternehmen in Deutschland zu kämpfen. Doch es gibt Möglichkeiten das Problem zu überwinden.

Flughäfen, Schwimmbäder, Restaurants: Dass der Mangel an Arbeitskräften in Deutschland zum volkswirtschaftlichen Großrisiko geworden ist, lässt sich derzeit – mit etwas Frusttoleranz – in der Ferienzeit besonders gut beobachten. Und das ist nur der auffälligste Teil.

Die Lage ist auch in Zahlen greifbar: So muss sich laut Ifo-Institut aktuell jede zweite Firma einschränken, weil ihr die Leute fehlen. Ein neuer Höchststand und bestimmt nicht der letzte dieser Art.

Doch was sind Lösungen? Mehr arbeiten, logisch. Vor einigen Wochen forderte Arbeitgeberpräsident Siegfried Russwurm deshalb eine 42-Stunden-Woche.

Kürzlich legte dann sein Kollege, Gesamtmetallchef Stefan Wolf, nach. Er sprach sich für die Rente mit 70 aus.

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    Nun ist es leicht, solche Vorschläge als unrealistisch abzutun. Und zumindest scheinen die Forderungen aus der Industrie vor allem die Belastungsgrenze der Beschäftigten zu ignorieren, die bei vielen schon heute bis zum Limit ausgereizt ist.

    So fallen laut DAK immer mehr Menschen wegen psychischer Probleme und Arbeitsdruck aus. Auf diese Weise lässt sich das Fachkräfteproblem nicht in lösen. Erst recht nicht kurzfristig.

    Vier-Tage Woche ist utopisch

    Aber auch Gegenvorschläge wie die Vier-Tage-Woche sind utopisch, weil sie die volkswirtschaftliche Realität ausblenden, die da heißt: Wir werden in den nächsten Jahren die gleiche Arbeit mit weniger Leuten verrichten müssen.

    Deutlich effektiver als die Einführung einer 42-Stunden-Woche wäre zunächst einmal, so viele Menschen wie möglich in Vollzeit zu holen – und zwar für 38 oder 40 Stunden die Woche. Hier ließe sich enormes Potenzial heben – und damit sind nicht in erster Linie die Menschen aus der Arbeitslosenstatistik gemeint, sondern zwei andere Beschäftigtengruppen.

    Die erste: Eltern. Deutschland hat eine der höchsten Teilzeitquoten Europas. Und noch immer sind es hauptsächlich Frauen (und unter ihnen hauptsächlich Mütter), die in Teilzeit arbeiten.

    Nicht immer freiwillig. So brachte das Institut der deutschen Wirtschaft schon im vergangenen Coronasommer eine Studie heraus, die zeigte, dass es vor allem Mütter kleiner Kinder schwer haben, ihrem Wunsch nach mehr Arbeit nachzugehen.

    Dass keine Missverständnisse aufkommen: Es ist absolut nichts verwerflich daran, dass Mütter und Väter ihre Kinder großziehen wollen. Die Frage ist nur, in welchem Umfang das geschieht und ob man Eltern nicht mit besserer Betreuung mehr Arbeitsstunden ermöglichen sollte, wenn sie das wünschen. Wer auf dem Land wohnt und de facto nur bis zur Mittagspause auf Kita oder Grundschule zählen kann, weiß, um welches Potenzial es hier geht.

    Grafik

    Die andere Stellschraube sind die rund sieben Millionen Minijobber in Deutschland. Auch unter ihnen gibt es laut Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung einen beträchtlichen Anteil an Menschen, die gerne mehr arbeiten würden.

    Diese Wünsche müssen Unternehmen und Politik unbedingt hören und fördern – mit Wertschätzung, Aufstiegschancen und mehr Arbeitsstunden. Und nicht unbedingt mit mehr Geld, wie jetzt im Oktober parallel zum Mindestlohn geplant. Das führt dazu, dass geringfügige Beschäftigung, die oft auch mit einem geringen Stundenumfang einhergeht, attraktiver als bisher wird und noch mehr Unternehmen auf dieses Mittel setzen.

    Leute, die gerne mehr arbeiten würden, aber nicht können, wurden bislang oft vergessen in der Fachkräftemangel-Debatte. Eins darf man bei alledem aber dennoch beachten: Auch mit mehr Vollzeitbeschäftigten wird sich das Fachkräfteproblem allein nicht lösen lassen. Aber es ist ein Anfang – und vor allem einer, der sich mit deutlich weniger Reibung umsetzen ließe, als kollektive Mehrarbeit über ein höheres Rentenalter oder eine 42-Stunden-Woche anzuordnen.

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