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22.05.2019

18:11

Kommentar

Es ist höchste Zeit, dass Konzerne für Europa Stellung beziehen

Von: Dieter Fockenbrock

Manager, Unternehmer und Verbände mischen sich intensiv wie nie in eine Wahl ein. Es ist zu hoffen, dass ihr Engagement für Europa den Sonntag überdauert.

Noch nie haben sich Manager, Unternehmer und Verbände so intensiv in eine Wahl eingemischt wie heute. Deutsche Bahn

Bahnchef Richard Lutz vor Europa-ICE

Noch nie haben sich Manager, Unternehmer und Verbände so intensiv in eine Wahl eingemischt wie heute.

Krasser könnte der Gegensatz nicht sein. Wer auf die Homepage des Verbands der Automobilindustrie klickt, findet unter dem Stichwort Europa die Meldung, dass „der Pkw-Markt in Westeuropa seine Erholung im vergangenen Jahr mit noch höherem Tempo fortsetzte“.

Wer zum Branchenverband der Chemischen Industrie wechselt, landet bei einer Art Wahl-O-Mat, bei der „VCI-Analyse für die Wahl zum Europäischen Parlament“. Ein klares „Ja zu Europa!“ ist der Bewertung von Parteiprogrammen durch den Verband vorangestellt.

Die Chemiker positionieren sich. Und das in einer bis heute nicht gekannten Klarheit. Henkel-Chef Hans Van Bylen, sonst eher mit politischen Statements zurückhaltend, liefert in nüchterner Analyse den Grund dafür: „Die Erfolgsgeschichte Europas ist kein Selbstläufer mehr.“

Und genau das ist der Punkt. Natürlich hatten Unternehmer, Manager und Wirtschaftsfunktionäre schon immer eine Meinung zu Parteien, Regierungen und Wahlentscheidungen. Doch das betrachteten sie bislang weitgehend als Privatsache. Allenfalls Familienunternehmer trauten sich öffentliche Einmischung zu. Die anderen blieben meist stumm.

Mit dem Rechtsruck in Europa, dem Erstarken nationalistischer Tendenzen und der Gefahr, dass nun sogar Wirtschaft und Wohlstand gefährdet sein könnten, ist Europa jetzt aber Chefsache. Manche hängen Europafahnen vor ihren Betrieben auf, andere rufen aktiv zur Wahlbeteiligung ihrer Beschäftigten auf, machen mit Aktionen Werbung für Europa und die Gemeinschaft.

Dass die Deutsche Bahn am Mittwoch in Brüssel mit großem Tamtam einen neuen ICE auf „Europa“ taufte, gerät da schon zur Petitesse. Aber es ist ebenfalls ein klares Statement.

Noch nie haben sich Manager, Unternehmer und Verbände so intensiv in eine Wahl eingemischt wie heute. Nicht alle, aber viele haben die akute Gefahr erkannt, dass die europäische Idee zu stranden droht – und sie reagieren darauf. Endlich, muss man sagen. Denn die generelle politische Abstinenz der meisten Unternehmer und Unternehmen war schon immer vor allem eines: falsch.

Wer sich lediglich zu Fragen der Unternehmensbesteuerung äußert, sich über Bürokratielasten beschwert oder die vermeintliche Regulierungswut des Staates beklagt, der darf sich über eine Frage nicht wundern: ob die Wirtschaft wirklich noch in der Mitte der Gesellschaft steht.

Wenn sich Manager und Macher nur für Themen interessieren, die in ihrem ureigensten ökonomischen Interesse liegen, bleiben hübsch formulierte Statements zur gesellschaftlichen Verantwortung der Wirtschaft hohle Phrasen, die niemand ernst nimmt.

Bitte keine Klagen über wirtschaftliches Verständnis

Auch das Verschanzen hinter Geschäftsrisiken zieht nicht mehr, wenn es denn überhaupt jemals ein gutes Argument war. Inzwischen müssten doch alle Manager verstanden haben, dass Schweigen zu unfairen Handelspraktiken Chinas oder zum Protektionismus der US-Amerikaner niemanden schützt, sondern allenfalls politische Entscheidungsträger viel zu lange in trügerischer Gewissheit wiegt, alles sei doch in bester Ordnung.

Und: Wer wollte dann noch breite gesellschaftliche Unterstützung erwarten, wenn ebenjene Gesellschaft gar nicht weiß, wo (und wofür) die Unternehmer eigentlich stehen?

Und noch etwas: bitte keine Klagen mehr über Unverständnis breiter Bevölkerungsschichten für wirtschaftliche Zusammenhänge. Wenn Unternehmen nie als Kern unseres Lebensstandards wahrgenommen werden: Wie sollen einfache Bürger dann verstehen, dass ihre und die Interessen der Wirtschaft durchaus gleichgerichtet sind? Stattdessen baut sich mangels Wissen und Nähe ein Feindbild auf: die da oben und wir hier unten.

Natürlich ließe sich der Vorwurf erheben, die Industrie mische sich in den Wahlkampf ein. Zumal ein Unternehmen ja auch wirtschaftliche Interessen hat. Stimmt. Aber es geht ja nicht darum, im Europa- oder Bundestagswahlkampf T-Shirts mit aufgedruckter Europaflagge oder Deutschlandfähnchen zu verkaufen.

Die Firmenzentrale mit dem blau-gelben Banner zu beflaggen, das signalisiert immerhin tagtäglich: Wir sind ein Teil dieses Europas. Noch wichtiger aber ist es, Flagge im sprichwörtlichen Sinne zu zeigen. Mitarbeiter zum Urnengang aufzufordern, das Projekt Europa mit Worten und Aktionen zu verteidigen und zu unterstützen.

Wenn Unternehmen Diskussionsrunden in Werkshallen und Kantinen mit Parlamentskandidaten veranstalten, die naturgemäß nicht unbedingt die Firmenpolitik unterstützen, dann gibt es keine bessere Werbung für die Demokratie. Keine Parteikundgebung könnte so überzeugend sein.

Und nach der Wahl am 26. Mai? Da wünscht man sich, dass erstens die Europabegeisterung der Wirtschaft unverändert anhält. Und zweitens, dass die Macher in den Führungsetagen sich auch künftig einmischen in politische und gesellschaftliche Debatten. Und zwar nicht erst dann, wenn der „Selbstläufer“ ins Straucheln gerät, sondern weit vorher, damit Erfolgsgeschichten gar nicht erst abbrechen.

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