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18.09.2019

14:30

Kommentar

Europa sollte den Google-Huawei-Zwist für sich nutzen

Von: Stephan Scheuer

Die Google-Blockade gegen Huawei entzweit momentan die bestehende Technologiewelt. Für Europas Wirtschaft könnte sich so eine Chance auftun.

Google-Dienste werden aufgrund einer US-Blockade bei neuen Huawei-Geräten nicht mehr vorinstalliert sein. Bloomberg

Google App auf einem Huawei-Handy

Google-Dienste werden aufgrund einer US-Blockade bei neuen Huawei-Geräten nicht mehr vorinstalliert sein.

Nichts fasst die globale Arbeitsteilung in der digitalen Weltwirtschaft so gut zusammen wie der kleine Schriftzug auf den Rückseiten der iPhones: „Designed by Apple in California. Assembled in China.“

Die USA bringen ihre Entwicklungsqualitäten ein, Firmen aus der Volksrepublik liefern ihr Fachwissen in der Hightech-Fertigung. Diese Kooperation prägte viele Jahre die Digitalwirtschaft und forcierte Innovation. Nun arbeiten die USA wie auch die Volksrepublik am Ende dieses Modells.

Am Donnerstag wird dafür ein deutliches Zeichen gesetzt: Der chinesische Technologiekonzern Huawei präsentiert sein neues Spitzensmartphone Mate 30. Das leistungsstarke Gerät kommt mit einem großen Manko auf den Markt: Google-Dienste werden aufgrund einer US-Blockade nicht vorinstalliert sein.

Dadurch dürften beliebte Anwendungen wie Youtube oder Maps fehlen. Zudem dürfte das Gerät weitere Einschränkungen haben, da normalerweise Google-Dienstleistungen tief in den Android-Betriebssystemen der Huawei-Smartphones verbaut sind. Ohne sie könnten weitere Schwierigkeiten auftreten.

Huawei steuert deshalb um. Der Konzern will sich unabhängig machen. Bei Komponenten ist er nach eigenen Angaben bereits nicht mehr auf Zulieferer aus den USA angewiesen. Auch was die Software angeht, arbeitet Huawei an einer eigenen Lösung.

Mit Harmony OS hat der Konzern schon ein eigenes Betriebssystem für seine Geräte vorgestellt. In China sind Google-Dienste durch die „Große Firewall“ der Regierung ohnehin gesperrt.

Peking schließt etliche US-Konzerne wie auch Facebook oder Twitter vom weltgrößten Onlinemarkt mit mehr als 800 Millionen Nutzern aus. Dort hat Huawei bereits einen eigenen Ökokosmos von Betriebssystem und weiteren Diensten etabliert.

In Europa dürfte die Idee eines Huawei-Betriebssystems aber auf deutlich mehr Schwierigkeiten stoßen. Selbst wenn Harmony OS technisch funktionieren sollte, müsste es weiter ohne Google-Dienste auskommen.

Der Bann, den US-Präsident Donald Trump gegen den Konzern verhängt hat, bezieht sich auf alle Huawei-Endgeräte, also auch die mit eigenem Betriebssystem. Huawei wirbt deshalb für die Idee, dass Europa doch ein eigenes Smartphone-Ökosystem aufbauen sollte.

Also quasi als ein neutraler Zwischenspieler gegenüber den Systemen aus den USA oder aus China. Das klingt zwar zunächst nach einer guten Idee. In der Praxis dürfte es jedoch sehr schwer umzusetzen sein.

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In der Enflechtung liegen Chancen

Selbst große Konzerne wie Microsoft oder Samsung, die Millionen von Endgeräten kontrollieren, sind an dem Konzept gescheitert, ein eigenes mobiles Betriebssystem in einem Massenmarkt zu etablieren. Am Ende haben sich nur zwei durchgesetzt: Android von Google und iOS von Apple.

Bislang gibt es auch keinen europäischen Spieler, der in der Lage scheint, eine Alternative aufzubauen. Ein neuer Versuch einer europäischen Antwort auf die großen Plattformen kommt von den Netzbetreibern Deutsche Telekom und Orange, dem französischen Partner.

Sie haben gemeinsam einen smarten Lautsprecher entwickelt. Nach längerer Verzögerung hat die Telekom das Gerät auf der Technologiemesse Ifa in Berlin vorgestellt. Es hört auf den Zuruf „Hallo Magenta“.

In Sachen Spracherkennung und Funktionsumfang wird es zwar kaum mit den Konkurrenzprodukten der US-Konzerne mithalten können. Deren Vorsprung ist einfach zu groß. Aber der Fokus auf europäischen Datenschutz bietet zumindest die Chance, einen eigenen Markt zu besetzen.

Es ist der Versuch, eine europäische Antwort auf die Lösungen aus den USA und China zu geben. Der smarte Lautsprecher ist ein erster Schritt in die richtige Richtung. Über Jahre hinweg war die enge Verflechtung zwischen den Technologiekonzernen aus den USA und aus China Treiber für globale Innovation.

Seit sich die beiden Giganten voneinander abwenden, verändern sich die Gewichte. Das ist sicher ein Risiko für Europa und Deutschland. Schließlich hat gerade Europa von globalem Handel und besseren Lieferketten profitiert.

In der Entflechtung der USA und China liegen jedoch auch Chancen, und deswegen sollte sich Europa auf seine Stärken besinnen. Das globale Wettrennen um digitale Lösungen ist noch nicht entschieden. Besonders mit einem Fokus auf europäischen Datenschutz gibt es noch Raum für eigene Produkte.

Das sollten Europas Konzerne nutzen, anstatt melancholisch den Schlagabtausch zwischen Washington und Peking zu betrauern. Gerade die europäische Industrie ist stark.
Die Einführung des künftigen Mobilfunkstandards 5G bietet dank der Möglichkeiten der Echtzeitübertragung völlig neue Wege einer vernetzten Produktion. Die können europäische Firmen nutzen und gestalten.

Ergreift Europa heute die Chance, kann der Kontinent zur Gestaltungsmacht für den nächsten Digitalisierungsschub auf Basis von 5G werden. Dazu müssen die Firmen jetzt jedoch alles auf die Chancen der neuen Technik setzen.

Mehr: Huawei-Chairman Eric Xu fordert Europa auf, sich von US-Firmen unabhängig zu machen. Er sieht sich zu Unrecht unter Spionageverdacht – und spricht über die Chancen von 5G.

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