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19.05.2019

16:29

Kommentar

Europa wird im Wettbewerb um wertvolle Start-ups abgehängt

Von: Alexander Demling

Die jüngsten Megainvestments in europäische Start-ups kamen zuletzt aus Asien und den USA. Das Nichtstun wird für europäische Unternehmen zum Risiko.

Das Geld für vielversprechende Start-ups kommt zumeist aus Amerika oder Asien. Mikael Buck / Deliveroo

Deliveroo

Das Geld für vielversprechende Start-ups kommt zumeist aus Amerika oder Asien.

Wer bislang Zweifel an der europäischen Start-up-Szene hatte, hat Ende vergangener Woche zwei schlagende Argumente für deren globale Wettbewerbsfähigkeit bekommen: Erst verkündete Getyourguide, eine Berliner Vermittlungsplattform für Reiseerlebnisse, ein Investment von 433 Millionen Euro. Dann legte Deliveroo nach: 515 Millionen Euro erhielt der Essenslieferdienst aus London.

Wer allerdings Zweifel an der europäischen Risikokapitalszene hatte, kann sich bestätigt fühlen: Die Megainvestments kamen fast ausschließlich aus Asien und den USA: Deliveroos Megainvestment stemmten vor allem Amazon und der US-Vermögensverwalter T. Rowe Price, bei Getyourguide waren es der Vision Fund von Softbank-Gründer Masayoshi Son und Singapurs Staatsfonds Temasek.

Die Zukunft der europäischen Wirtschaft bestimmen mehr und mehr Amerikaner und Asiaten. Ob die Firmen dauerhaft in Europa sitzen, ob sie an die Börse gehen oder verkauft werden, wird wohl irgendwann einmal weit weg von London oder Berlin entschieden. Und wenn das passiert, fließt ein Großteil der Erlöse auch dorthin.

Den Gründern kann man dafür keinen Vorwurf machen. Kapital ist global, ihre Märkte sind es auch, und mit übersteigerter Heimatliebe baut man keinen globalen Marktführer. Zudem sind die Hunderte von Millionen, die die Grown-ups für ihr Wachstum brauchen, von europäischen Investoren ohnehin kaum aufzutreiben – selbst wenn die Gründer es wollten. Die Fonds der europäischen Venture Capitalists werden zwar auch größer, doch im Wettbieten mit Staatsfonds, Pensionsfonds oder mit dem mit Milliarden aus Saudi-Arabien ausgestatteten, auf der Grenze zwischen Vision´nd Wahn tänzelnden Masayoshi Son können sie nicht mithalten.

Ohne staatliche Hilfe wird der Ausverkauf von Europas Tech-Unternehmen weitergehen. Die Lösung dafür sind nicht Subventionen oder gar Staatsintervention, sondern liegt in einem Vorschlag, der keinen Cent Steuergeld kosten würde: Die Eigenkapitalvorschriften für Risikokapitalinvestments müssen sinken. Die schreiben Versicherern vor, jeden Euro, den sie in Start-ups stecken, mit 49 Cent Eigenkapital zu unterlegen. Dass das letztlich ein politischer Wert ist, merkt man daran, dass Anleihen von EU-Staaten ohne zusätzliches Eigenkapital erworben werden dürfen – als wäre der Anteil an einem auf den Börsengang zusteuernden Technologieunternehmen unendlich viel riskanter als ein Schuldschein Italiens. Oft ist sogar das Gegenteil wahr: Calpers, die Rentenkasse der Staatsdiener Kaliforniens, will künftig 13 Milliarden Dollar pro Jahr in Private Equity investieren, weil es in den vergangenen 20 Jahren die lohnendste Anlageklasse für den Investor mit mehr als 360 Milliarden Dollar Anlagevermögen war.

Der deutsche Anleger hat es gerne heimelig

Klar, Risikokapital heißt nicht aus Versehen so. Start-ups können pleitegehen, selbst enttäuschende Börsengänge wie der von Uber kosten Investoren Geld, wenn sie relativ spät eingestiegen sind. Doch es geht bei dem Vorschlag auch nicht darum, dass ein großer Versicherer wie die Allianz mit dem Geld aus deutschen Lebensversicherungen loszieht und auf das nächste große Ding wettet. Er könnte sich aber stärker als sogenannter Limited Partner an mehreren Fonds erfahrener Start-up-Investoren beteiligen. Schon mit einem kleinen Anteil ihrer 650 Milliarden Euro Anlagesumme könnten die Münchener eine ordentliche Risikostreuung hinbekommen.

Die strenge Regulierung von Risikokapitalinvestitionen in Deutschland ist ein Spiegelbild der mangelhaften Aktienkultur. Der deutsche Anleger hat es gerne heimelig, schwankungsarm und fest verzinst. Doch in einer Welt, in der eine Branche nach der anderen technologisch revolutioniert wird, gibt es ohnehin keine risikolosen Investments mehr. Die Frage muss eher sein, wo ein heute angelegter Euro wohl mehr Wert kreiert: in einem globalen, expandierenden Plattformunternehmen wie Getyourguide oder im italienischen Staatskonsum?

Die Frage, wann und mit wie viel Kapital europäische Anleger mit Softbank, Temasek und Co. konkurrieren, wird in Zukunft noch virulenter. Technologiefirmen gehen immer später an die Börse und dann zu weit höheren Bewertungen, die Mega-IPOs von Lyft und Uber veranschaulichen den Trend. Das bedeutet aber auch: Die Wertentwicklung findet zum großen Teil schon vor ihren Börsengängen statt, wer am Markt Aktien gekauft hat, kriegt bisher nur Verluste ab. Wollen Anleger an der Revolution verdienen, die diese Firmen in etablierten Branchen auslösen, müssen sie früh dabei sein.

Die gewaltigen Schecks, die der Softbank Vision Fund Uber oder WeWork geschrieben hat, haben viele im Silicon Valley aufgeschreckt. Selbst etablierte Fonds können bei der Preistreiberei nicht mehr mithalten und suchen nach preiswerten Investments verstärkt in Europa, wo die Start-up-Bewertungen nicht so stark gestiegen sind. Noch nicht. Europas Politik sollte sich endlich darauf einstellen.

Mehr: 575 Millionen Dollar haben die Londoner eingesammelt. Sie wollen in die Fläche zurückkehren – und die Politik überzeugen, die Branche weniger zu regulieren.

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