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26.08.2019

17:13

Kommentar

Für Europas Rolle in der Welt war der G7-Gipfel kein schlechtes Wochenende

Von: Thomas Hanke

Auf dem G7-Gipfel nähern sich die Industriestaaten an. Doch was zählt sind nicht die Äußerungen am Ende, sondern die Politik, die diesen folgt.

Durch seine Kombination aus Härte, Geschmeidigkeit, Bauchpinselei und Risikobereitschaft konnte Macron den US-Präsidenten bei Laune halten. AP

Donald Trump und Emmanuel Macron

Durch seine Kombination aus Härte, Geschmeidigkeit, Bauchpinselei und Risikobereitschaft konnte Macron den US-Präsidenten bei Laune halten.

Ein G7-Gipfel ist komprimierte Weltpolitik: In zwei oder drei Tagen versuchen die Führer der wichtigsten demokratischen Industriestaaten, sich über das zu verständigen, was ganz oben auf ihrer Agenda steht. Manchmal gelingt es, öfters nicht.

Emmanuel Macron scheint es zu schaffen, beim Konflikt um Irans Atomprogramm, beim Handel – einschließlich der umstrittenen Steuer auf digitale Geschäfte – und beim Schutz des Amazonas die Standpunkte anzunähern. Dabei weiß er besser als andere, dass US-Präsident Donald Trump in einer Laune alles wieder aufkündigen kann: Der Mann ist strukturell unkooperativ und liebt es, andere zu blamieren.

Verfestigt sich die politische Konvergenz, die sich am Montag im baskischen Badeort abzeichnete, wäre das ein erheblicher Erfolg. Was zählt, sind nicht die Äußerungen am Ende des Gipfels, sondern ist die Politik in den kommenden Wochen und Monaten. Gastgeber Macron hat auf drei Dinge gesetzt: Trumps Ego schmeicheln, völlig schmerzfrei sein gegenüber dessen Provokationen und gleichzeitig nicht in Demut erstarren, sondern auch mal volles Risiko fahren.

Mehrfach betonte Macron öffentlich, dass Trump der Führer des mächtigsten Landes der Welt sei und unbeirrbar, wenn es um seine Wahlversprechen gehe. Das hört der Egomane gern. Gleichzeitig blieb der Franzose in der Sache hart, etwa bei der französischen Digitalsteuer. Dann auch noch den iranischen Außenminister Dschawad Sarif nach Biarritz einzuladen und sich mit ihm in der Mairie zu treffen erschien vielen Beobachtern wie eine gefährliche Provokation.

Doch Macron hatte sich vorher mit Trump abgestimmt. Seine Kombination aus Härte, Geschmeidigkeit, Bauchpinselei und Risikobereitschaft ist möglicherweise das richtige Rezept für Außenpolitik in Zeiten eines begrenzt rational handelnden US-Präsidenten. Jedenfalls ist sie erfrischend anders als die deutsche Neigung, Washington gegenüber in Schockstarre zu verfallen oder als Erstes mit Zugeständnissen zu reagieren, wenn eigene Autolieferungen oder andere Interessen bedroht sind. Vielleicht beeindruckt es Trump sogar, dass Macron sich nicht mit Drohungen wie der mit neuen Zöllen ins Bockshorn jagen ließ.

Der Franzose hat in Biarritz einiges erreicht: Die G7 setzt einheitlich auf Dialog statt Drohungen im Verhältnis zum Iran, sie will eine Mindestbesteuerung großer Unternehmen und bemüht sich um den Schutz des Regenwalds. Von Chile über Afrika und Japan bis Australien gab sich die ganze Welt in Biarritz ein Stelldichein, suchte Gemeinsamkeiten. Für ein Europa, das angeblich im Niedergang ist, war das kein schlechtes Wochenende.

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