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06.10.2021

11:50

Kommentar

Gorillas wirft reihenweise streikende Mitarbeiter raus – zu Recht

Von: Christoph Kapalschinski

Das Liefer-Start-up Gorillas greift nach wochenlangen, wilden Blockade-Aktionen richtigerweise durch. Die Aktivisten haben jedes Maß verloren.

Gorillas musste erfahren, dass das Unternehmen mit Zugeständnissen wenig erreicht. Getty Images

Streik bei Gorillas in Berlin am Montag

Gorillas musste erfahren, dass das Unternehmen mit Zugeständnissen wenig erreicht.

Hamburg Seit Wochen geht das schon so: Mitarbeiter des Liefer-Start-ups Gorillas blockieren in Berlin Lieferlager und rufen zu wilden Streiks auf. Immer wieder, trotz Zugeständnissen des ambitionierten Unternehmens. Jetzt greift Gorillas-Gründer Kagan Sümer zum letzten Mittel: Reihenweise fliegen Mitarbeiter raus. Sie erhalten eine fristlose Kündigung aus „wichtigem Grund“.

Für Gorillas bedeutet das zunächst einen weiteren Imageverlust. Die Streiks haben nicht nur Kunden verschreckt, sondern auch potenzielle Investoren. Doch besser ein Ende mit Schrecken als ein Schrecken ohne Ende. Den Streikenden geht es offensichtlich längst nicht mehr um nachvollziehbare Ziele, sondern um Krawall und Aufmerksamkeit. Daher sind die schmerzlichen arbeitsrechtlichen Konsequenzen richtig.

Denn trotz der Aktionen gilt: Lieferdienste sind längst kein Hort der Ausbeutung mehr. Die Politik hat der berüchtigten Gig-Ökonomie ein Ende gesetzt. Die Fahrradkuriere sind fest angestellt, ihr Stundenlohn liegt über dem Mindestlohn, dazu kommen Trinkgelder. Befristete Arbeitsverträge entsprechen den gesetzlichen Regeln. Nach den ersten Protesten hat Gorillas das Gewicht der einzelnen Lieferungen reduziert und zusätzlich Lastenfahrräder angeschafft.

Einigen Fahrern in Berlin reicht das alles nicht. Sie schaden dem jungen Unternehmen massiv und konterkarieren dessen teure Imagewerbung. Es geht den Streikenden erkennbar nicht darum, Gorillas gemeinsam florieren zu lassen. Hier streiken nicht langjährige loyale Mitarbeiter, sondern Menschen, die sich erst kürzlich auf den Job eingelassen haben.

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Standort erkennen

    Für die meisten von ihnen ist Kurier ein Job, keine Berufung. In der Hauptstadt lockt Gorillas viele Expats an, da die Tätigkeit zeitlich flexibel mit anderen Projekten vereinbar ist und kaum deutsche Sprachkenntnisse verlangt. Sie sind teils mit Work-and-Travel-Visum im Einsatz – und bringen Streikformen aus ihrer Heimat mit, die in Deutschland unangemessen sind.

    In Lateinamerika beispielswiese legten wilde Fahrerstreiks schon vor einigen Jahren die Lieferflotten vieler Lieferdienste lahm. Dieser Streikwille trifft in Berlin auf eine linke Szene, die die Streiks um ihrer selbst willen unterstützt. Zudem bekommen die Aktivisten in der Hauptstadt große mediale Unterstützung.

    Betriebsräte können helfen

    Gorillas musste erfahren, dass das Unternehmen mit Zugeständnissen wenig erreicht. Gründer Sümer versuchte es mit der etwas hilflosen Ankündigung, eine Radtour zu den Standorten seines Unternehmens zu machen, um mit den Fahrern stärker ins Gespräch zu kommen. Seine Manager kündigten bessere Schichtplanungen und andere Verbesserungen im Alltag an. Doch die wilden Streiks gingen weiter, immer wieder mussten in Berlin ganze Lagerstandorte für Stunden schließen. Das ist maßlos.

    Das deutsche Recht lenkt Streiks nicht ohne Grund in ordentliche Bahnen. Diese Regelungen schaffen Betriebsfrieden. Bei Gorillas ist dieser Grundkonsens zwischen Management und Belegschaft zumindest in Berlin gefährdet. Daher ist es richtig, dass Gorillas nun Härte zeigt. Es geht um die Existenz des Start-ups, das auf Investorengeld und Neukunden angewiesen ist.

    Die Entlassungen sind nicht nur für die betroffenen Fahrer, sondern auch für das junge Unternehmen kurzfristig schmerzhaft. In den sozialen Medien posten Nutzer derzeit demonstrativ, wie sie die App löschen. Doch das ist nur eine Momentaufnahme, die wohl bald vergessen ist.

    Mit weiteren wochenlangen imageschädigenden Aktionen kann das Unternehmen dagegen nicht leben. Allerdings wird das Management in den kommenden Tagen genau analysieren müssen, wieso die Situation ausgerechnet bei Gorillas so eskaliert ist, während es bei den Konkurrenten wie Flink ruhig geblieben ist.

    Bei der Wiederherstellung von Vertrauen können reguläre Betriebsräte und die Einbeziehung der Gewerkschaft Verdi helfen – die bewährte deutsche Mitbestimmung eben.

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