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10.08.2018

19:35 Uhr

Kommentar

Ideologie kann die Märkte nicht aushebeln

VonFrank Wiebe

An der Türkei zeigt sich, wie ein Autokrat versucht, die Märkte mit Beschwörungen auszuhebeln. Doch auch Populisten können der Realität nicht entfliehen.

Recep Tayyip Erdogan: Ideologie kann die Märkte nicht aushebeln AFP

Recep Tayyip Erdogan

Der türkische Präsident hat das Vertrauen der Investoren verloren.

Recep Tayyip Erdogan vertraut auf Gott. Deswegen beunruhigt es den türkischen Präsidenten nicht, dass die Währung seines Landes ins Bodenlose stürzt. So erzählt er es seinen Anhängern. Dabei hat Gott auch nach der Lehre des Islams dem Menschen Verstand gegeben, damit er ihn benutzt.

Auch ausländische und inländische Investoren, von deren Finanzierung die Türkei abhängig ist, mögen auf Gott Vertrauen. Das Vertrauen in Erdogan und seine Regierung haben sie jedenfalls verloren.

Die Türkei bietet ein besonders trauriges Schauspiel dafür, wie ein Autokrat versucht, die Märkte mit Ideologie und Beschwörungen auszuhebeln. Doch am Ende wird sich zeigen, dass an der Realität kein Weg vorbeiführt. Dann ist der Schaden groß, und Schuldzuweisungen und Verschwörungstheorien müssen immer mehr aufgebauscht werden, um das eigene Versagen zu kaschieren.

Innerhalb der Euro-Zone bereitet Italien zurzeit die größten Sorgen. Die neue Regierung dort hat bisher einen Schleuderkurs zwischen Populismus und Realismus hingelegt, wenn auch überhaupt nicht vergleichbar mit dem in Ankara. Gerade hat Luigi di Maio, der stellvertretende Regierungschef, vorgeschlagen, das Ziel eines ausgeglichenes Haushalts aus der Verfassung zu streichen.

Die Investoren sind in Habt-Acht-Stellung und warten ab, ob sich die Ideologen oder die Realisten in Rom durchsetzen. Italien hat beides: politische Clowns und brillante Ökonomen. Hoffentlich können Letztere ihre Stimme hörbar machen. Die Quittung wird in Form von mehr oder minder hohen Finanzierungskosten kommen. Und daran sind nicht die Deutschen schuld, sondern die Kapitalmärkte halten jedem Land einen Spiegel vor.

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In der gesamten Euro-Krise, hat bis in die Kreise angelsächsischer Ökonomen und Kritiker hinein, eine Art von Verschwörungstheorie eine verhängnisvolle Rolle gespielt. „Austerity“, zu Deutsch Haushaltsdisziplin, wird bis heute mitunter als eine vor allem von Deutschland propagierte Ideologie dargestellt, die die Regierung in Berlin anderen Staaten aufgezwungen habe.

Das ist doch ein sehr schiefes Bild. Denn der Zwang zu „Austerity“ ist ja zunächst einmal durch die Märkte gekommen. Danach wurden Hilfsprogramme eingeleitet, um den Druck der Märkte abzufedern. Ob die Auflagen, vor allem für Griechenland, immer das richtige Maß haben, darüber lässt sich sicherlich streiten.

Aber klar ist doch: Wenn die Märkte bereit wären, allen Staaten unabhängig von deren Finanzpolitik beliebig viel Geld zur Verfügung zu stellen, dann wäre Deutschland nie in die Position gekommen, anderen Ländern Vorschriften zu machen. Es ist schon enormer Selbstbetrug, das einfach auszublenden.

Nicht nur der Einfluss der Kapitalmärkte, auch die Macht wirtschaftlicher Strukturen wird oft übersehen. Dass China und Deutschland stark im Export sind und die USA aus aller Welt Importe aufsaugen, ist tief in den Strukturen der jeweiligen Länder verankert. Es mutet etwas naiv an, wenn manche Ökonomen glauben, das ließe sich mit etwas gutem Willen ändern.

„Wenn die Deutschen wollten, könnten sie für eine ausgeglichenere Handelsbilanz sorgen“ – diese Meinung ist bei angelsächsischen Experten weit verbreitet, wenn sie auch meist höflich verklausuliert geäußert wird. Sie wird dadurch bestärkt, dass Deutschland dazu neigt, den eigenen Einfluss auf andere Länder komplett zu ignorieren.

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Aber letztlich ist die Vorstellung ähnlich simpel, als würde man Ländern mit negativer Handelsbilanz sagen, sie sollten einfach ein bisschen mehr produzieren. Diese Vernebelung der ökonomischen Realität durch Ideologie oder Vorurteile hat ein Spiegelbild in Deutschland. Hier ist die Neigung weit verbreitet, juristische Forderungen oder moralische Appelle zur Lösung wirtschaftlicher Probleme vorzubringen.

Das geht so weit, ganze Länder oder ihre Einwohner insgesamt wie „Die Griechen“ oder „Die Italiener“ als moralische Instanzen anzusprechen, statt sich mit den politischen und wirtschaftlichen Strukturen auseinanderzusetzen. Das kann zu fatalen Fehleinschätzungen darüber führen, zu welchen Reformen ein Land in der Lage ist, und welche Reformen sinnvoll sind.

Ein Grundfehler, etwa in der Griechenlandkrise, war es, die Unterschiede zwischen einer exportorientieren Wirtschaft wie Deutschland und einer stark vom Binnenmarkt abhängigen Ökonomie wie Griechenland zu übersehen. Yanis Varoufakis, Ökonomie-Professor und zeitweilig griechischer Finanzminister, hat versucht, seinen Gesprächspartnern während der Krise ein tieferes Verständnis zu vermitteln.

Das ist schon daran gescheitert, dass er sie eher wie Studenten als wie Geldgeber behandelt hat. Aber auch am Unwillen vor allem der deutschen Seite, vom bequemen Ross des moralischen und juristischen Argumentierens abzusteigen.

Fazit also: Denken hilft, vor allem, wenn es sich an realistischen Details orientiert. Die Hoffnung, dass diese Binsenweisheit beachtet wird, ist überschaubar, aber man sollte sie nicht ganz aufgeben.

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