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03.03.2021

16:33

Kommentar

Impfangebot bis Mai: Die USA werden beim Kampf gegen Corona zum Vorbild

Von: Torsten Riecke

Mit einer nationalen Kraftanstrengung schaffen es die USA unter Präsident Joe Biden schneller als Europa, die Pandemie in den Griff zu bekommen. Amerika ist zurück.

Der Staat muss sich vor allem in der Krise beweisen. dpa

Impfzentrum in den USA

Der Staat muss sich vor allem in der Krise beweisen.

Amerika gibt uns in diesen Tagen wieder einmal Rätsel auf: Eben noch mussten die USA vermelden, dass mehr als 500.000 Amerikaner seit Beginn der Pandemie an dem Coronavirus gestorben sind. So viel wie in keinem anderen Land der Welt.

Jetzt kündigt US-Präsident Joe Biden an, dass bis Ende Mai alle erwachsenen Amerikaner eine erste Impfung erhalten werden. Auch das dürfte ein Weltrekord sein. „America is back“, rief Biden kürzlich den Europäern zu – und er hat recht.

Ganz anders sieht es in Europa aus: Österreich und Dänemark wollen mit Israel eine Impfstoff-Allianz schmieden und wenden sich damit von den Anstrengungen der EU ab. Osteuropäische Länder wie Ungarn, Tschechien, die Slowakei und Polen wollen in ihrer Not Vakzine aus China und Russland ordern – obwohl deren Impfstoffe nicht von der Europäischen Arzneimittelbehörde Ema zugelassen sind. Und in Deutschland ist der Kampf gegen die Pandemie mangels Impfmasse im Streit über Lockdown und Öffnung stecken geblieben.

Kleinstaaterei hier, eine nationale Kraftanstrengung auf der anderen Seite des Atlantiks. Ausgerechnet Amerika, auf dessen trostlose Pandemie-Statistiken wir so lange mitleidig geblickt haben, zeigt Europa nun, wie man eine Jahrhundertkrise in den Griff bekommt. Der Vorsprung, den die Europäer am Anfang der Pandemie noch hatten, ist längst verspielt.

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    In keinem anderen Land der Welt wurden so schnell, so viele neue Impfstoffe gegen das Coronavirus entwickelt wie in den USA. Johnson & Johnson ist nach Biontech/Pfizer und Moderna der dritte große Pharmakonzern, der ein effektives Vakzin zur Marktreife gebracht hat. Und nicht nur das: Die Amerikaner impfen deutlich schneller als die Deutschen. Mehr als 15 Prozent haben in den USA bereits eine erste Spritze erhalten. Bei uns sind es nur rund fünf Prozent.

    Burkhard Mohr für Handelsblatt

    Möglich ist der Impfspurt in den USA nur durch eine von Washington koordinierte Kraftanstrengung, die man in Europa so schmerzlich vermisst. Das amerikanische Impfwunder lässt sich in drei großen Schritten unterteilen: Noch unter Trump leistete die US-Regierung mit der Operation „Warp Speed“ bereits im April 2020 eine wichtige Anschubhilfe für die Impfstoffentwicklung in der Pharmaindustrie. Washington nahm nicht nur mehr als zehn Milliarden Dollar in die Hand, sondern sicherte sich auch früh umfangreiche Lieferverträge mit den Herstellern.

    Die Arzneimittelaufsicht FDA sorgte danach mit zügigen Zulassungen dafür, dass die effektivsten Vakzine schnell verfügbar sind. Und die Katastrophenschutzagentur Fema nimmt nun die Verteilung in die Hand. Jetzt ist es der Biden-Administration auch noch gelungen, die beiden Pharmariesen Johnson & Johnson und Merck & Co. zu einer gemeinsamen Produktion der Impfstoffe zu bringen. Läuft es nach Plan, können die Amerikaner im Sommer wieder ein großes Stück ihrer Normalität zurückgewinnen. Schon jetzt zieht die US-Wirtschaft der schleppenden Konjunktur in Europa davon.

    Der Staat muss vor allem in der Krise seinen Wert für die Bürger beweisen. Das gilt auch und gerade für die EU, die oft zu Recht viele Kompetenzen an sich zieht, in der Not dann aber auch liefern muss. Es liegt nicht nur an der bürokratischen Schwerfälligkeit eines komplexen Staatenbundes mit 27 Mitgliedern, dass Europa der Pandemie hinterherläuft, sondern auch an mangelnder Weitsicht und Entschlossenheit der europäischen Führung – in Brüssel und in den nationalen Hauptstädten.

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    Joe Biden: „Die USA werden bis Ende Mai genügend Impfstoff haben“

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    In der EU wird viel über eine neue Industriepolitik und europäische Souveränität geredet. Die Nagelprobe dafür ist die entschlossene Bekämpfung der Pandemie. Viel zu zögerlich hat die EU anfangs die Zusammenarbeit mit der Pharmaindustrie bei der riskanten Impfstoffentwicklung gesucht. Die Amerikaner, aber auch die Briten waren hier deutlich mutiger. Dieser Mut zahlt sich aus. Dass die Vakzine jetzt vor allem dort verfügbar sind, wo die Regierungen früh ins Risiko gingen, ist kein Zufall.

    Die USA haben dank ihrer staatlichen Agenturen wie Darpa und Barda einen Startvorteil, wenn es darum geht, die Kräfte für große Forschungsvorhaben zu bündeln. EU-Kommissionschefin Ursula von der Leyen will sich das jetzt endlich zum Vorbild nehmen.

    Zuvor muss Europa allerdings zeigen, dass nach der erzwungenen Mangelverwaltung wenigstens die Massenimpfung im Frühjahr gelingt. Dazu gehört auch, die Verunsicherung über das Vakzin von Astra-Zeneca schnell zu beenden. Nach den bisherigen Erkenntnissen bietet auch dieser Impfstoff einen guten Schutz gegen eine schwere Corona-Erkrankung.

    Amerika wird uns wohl auch zukünftig ein Rätsel bleiben: Zeigt das Land der Widersprüche doch nicht nur bei der Bekämpfung der Pandemie seine zwei Gesichter: Die amerikanische Weltraumbehörde Nasa erkundet gerade erstmals mit einem neu entwickelten Helikopter den Mars. Auf der Erde führte ein unterdessen extremer Kälteeinbruch in Texas dazu, dass sich dort Menschen ohne Strom und Heizung zu Tode froren.

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