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12.08.2019

18:07

Kommentar

In Afghanistan kommt das Vietnam-Trauma der USA wieder hoch

Von: Moritz Koch

Die USA betreiben Diplomatie im Zeitraffer und wiederholen damit die Fehler des Vietnamkriegs. Auch für Deutschland steht viel auf dem Spiel.

Ende vergangenen Jahres kündeten die USA ihren baldigen Abzug aus Afghanistan an. Reuters

US-Soldaten in Afghanistan

Ende vergangenen Jahres kündeten die USA ihren baldigen Abzug aus Afghanistan an.

Auf dem Dach der Hubschrauber, darunter auf einer schmalen Treppe die Schlange der Verzweifelten: Die Flucht aus Saigon, festgehalten auf einem körnigen Schwarz-Weiß-Foto, hat sich tief in die amerikanische Psyche eingegraben – als schmachvoller Schlussakt des Scheiterns der USA in Vietnam.

Jetzt kriecht das alte Trauma wieder hoch. Washington verhandelt mit den Taliban über einen Rückzug aus Afghanistan, die Sehnsucht nach Frieden ist groß. Aber auch die Sorge, dass die Amerikaner die Fehler wiederholen, die sie einst beim Abzug aus Vietnam machten. Gerade für Deutschland steht viel auf dem Spiel: Kein anderes Land in Europa hat so viel in den Aufbau Afghanistans investiert.

Alle sind sich einig, dass ein „Weiter-so“ keine Option ist. Eine ganze Generation von Afghanen ist mit der Präsenz westlicher Truppen aufgewachsen – und der blutigen Rebellion der Taliban, die Amerika zwar zurückschlagen, aber nie besiegen konnte.

18 Jahre dauert der Kampfeinsatz schon, länger als beide Weltkriege zusammen. Der „Forever War“, der Ewigkeitskrieg im afghanischen Hochland, hat die Supermacht Amerika zermürbt – wie einst das Sterben im vietnamesischen Dschungel. Die Amerikaner haben Kampfhubschrauber, Drohnen und Lenkraketen, aber die Taliban haben, was noch wichtiger ist: Zeit.

US-Präsident Donald Trump hat die Geduld mit Generälen verloren, die zur Besonnenheit mahnen. „Nichts wie weg“, sagt ihm sein Instinkt, und wie lange er sich noch davon abbringen lässt, kann niemand sagen. Trump will den längsten Kriegseinsatz der US-Geschichte beenden und sich dafür feiern lassen – bevor es andere tun.

Seine demokratischen Herausforderer überbieten sich mit Zeitplänen, das Echo der Vietnam-Ära wird immer lauter. „Bring them home“: Der Wahlkampf entwickelt sich zum Wettlauf der Abzugspolitiker. Die Mehrheit der Wähler will es so. Sie sieht keinen Sinn mehr darin, das Leben von Soldaten und Milliardensummen für eine vergebliche Militärmission zu opfern.

Ein Helikopter evakuiert in den letzten Stunden vor dem Fall der Stadt Amerikaner aus Saigon. imago/UPI Photo

Saigon

Ein Helikopter evakuiert in den letzten Stunden vor dem Fall der Stadt Amerikaner aus Saigon.

Washington erwartet nun, dass deutsche Diplomaten dabei helfen, einen innerafghanischen Verständigungsprozess in Gang zu setzen. Taliban und Regierungsvertreter, so der Plan, sollen sich auf eine Machtteilung verständigen und damit eine Friedensordnung schaffen, die den Truppenabzug überdauert. Doch die Taliban haben wenig Anreize, Kompromisse einzugehen. Sie sind in der Offensive.

Für Amerika ist der Krieg vorbei, wenn die letzten Marines das Land verlassen haben. Für Deutschland auch. „Gemeinsam rein, gemeinsam raus“, nach diesem Grundsatz handelt Berlin. Nur für die Afghanen wird das Sterben weitergehen. Wenn die westlichen Truppen abziehen, ohne dass es eine Verständigung zwischen Taliban und der afghanischen Regierung gibt, droht Kabul zu fallen – wie Saigon vor 45 Jahren.

Fast eine Billion Dollar hat der Afghanistankrieg die USA gekostet. 150.000 Afghanen und 3500 westliche Soldaten haben ihr Leben verloren, auch 58 deutsche. Ja, der Krieg ist fürchterlich. Aber der Frieden könnte noch schlimmer werden.

Trotz Korruption und Gewalt: Die afghanische Gesellschaft hat seit dem Einmarsch der Amerikaner große Fortschritte gemacht. Frauen können wählen, Mädchen zur Schule gehen. Mit deutscher Hilfe wurden Straßen gebaut und Brunnen gebohrt, das Gesundheitssystem ist besser, die Lebenserwartung gestiegen. Doch die Regierung, die diese Errungenschaften garantieren soll, ist schwach.

Überhasteter Abzug wäre fatal für die afghanische Regierung

Ihre Truppen erleiden in den Gefechten mit den Taliban hohe Verluste. Die Moral ist am Boden, und die Fundamentalisten rücken immer weiter vor. Auf dem Papier regiert Afghanistans Präsident Ashraf Ghani das Land, de facto ist er nur noch Kabuls Bürgermeister – und das auch nur dank des westlichen Feuerschutzes.

Ein überhasteter Rückzug würde der Regierung den Rest geben. Alles, was der Westen am Hindukusch aufgebaut hat, wäre umsonst gewesen. Doch vom hehren Ideal des „Nation Building“ ist wenig übrig geblieben. Hektik ist das Hauptmerkmal der westlichen Afghanistanpolitik geworden.

Was in 18 Jahren nicht gelang, soll in wenigen Monaten nachgeholt werden: Frieden soll her, egal wie. Amerikas Diplomatie läuft wie im Zeitraffer ab. Der US-Sonderbeauftragte für Afghanistan, Zalmay Khalilzad, verhandelt mit den Taliban über ein Abzugsabkommen.

Dass die Amerikaner überhaupt mit den Islamisten sprechen, ist ein Zugeständnis. Ihrerseits aber halten sich die Taliban mit Zugeständnissen zurück. Die Eile, zu der die innenpolitische Dynamik in den USA Khalilzad zwingt, stellt das militärische Kräfteverhältnis auf den Kopf. Die Amerikaner befinden sich in einer Position der Schwäche, die Taliban in einer Position der Stärke.

Die Geschichte Vietnams hält eine wichtige Lektion bereit, auf die sich Amerika besinnen sollte. 1973 schlossen der kommunistische Norden und der von den Amerikanern unterstützte Süden Frieden. Die US-Truppen zogen ab, doch die Kämpfe flammten bald wieder auf. Bis zum 30. April 1975, dem Tag, an dem Saigon fiel.

Mehr: Die USA drängen auf einen baldigen Frieden zwischen den Taliban und der afghanischen Regierung. Bei den Friedensgesprächen könnte Deutschland eine entscheidende Rolle spielen.

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