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04.06.2019

10:58

Kommentar

In den Chefbüros grassiert die Klimapanik

Von: Dieter Fockenbrock

Unternehmen stecken in der Klemme: Neue Technologien lösen deren Geschäftsmodelle in Luft auf. Nun droht auch noch die politische Disruption.

Die laufende Klimaschutzdebatte macht eine neue Baustelle für Unternehmen auf. dpa

Fridays-for-Future-Proteste

Die laufende Klimaschutzdebatte macht eine neue Baustelle für Unternehmen auf.

Wenn sich der Chef des größten Vermögensverwalters der Welt zu Wort meldet, sollten Manager genau hinhören. Sonst könnten sie nämlich bald ihren Job los sein. Blackrock-CEO Larry Fink fordert die Unternehmen immer eindringlicher dazu auf, gesellschaftliches Engagement zu zeigen, nachhaltig zu wirtschaften und in Zeiten großer Umbrüche Antworten zu geben.

Das reicht, um geschäftige Aktivitäten in Vorstandsetagen auszulösen. Immerhin ist der US-Investor mit seinen Milliarden in beinahe jedem großen deutschen Konzern engagiert und Fink deshalb niemand, den man ignorieren sollte.

Neuerdings fällt allerdings immer häufiger ein anderer Name: Greta Thunberg. Die junge Klimaaktivistin aus Schweden hat beileibe nicht das Gewicht eines Larry Fink, ihre Wirkung ist aber vergleichbar. Erst recht seit den Wahlen zum EU-Parlament am vorletzten Wochenende.

Das Ergebnis löste ein mittelschweres Beben in der bundesdeutschen Hauptstadt aus, die Volksparteien – vor allem die Sozialdemokraten – befinden sich in einer Art Selbstauflösung, die Regierungskoalition könnte gar auf dem Spiel stehen.

Wegducken geht also nicht mehr. Die Wucht der Debatte erfasst auch die Wirtschaft. So vergeht kaum mehr ein Tag, an dem sich Führungskräfte nicht in einer gewichtigen gesellschaftlichen Frage zu Wort melden. Topthema natürlich derzeit: das Weltklima.

Jüngste Beispiele: SAP-Gründer Dietmar Hopp und Universalversender Michael Otto fordern die Berliner Politiker auf, ambitionierter gegen den Klimawandel vorzugehen. Und sie hoffen, dass andere prominente Vertreter der Wirtschaft es ihnen gleichtun. Andere aufzufordern, klingt immer gut.

Am Wochenende mischte sich dann auch Volkswagen-Chef Herbert Diess mit dem Vorschlag ein: „Wenn uns der Klimaschutz wichtig ist, sollten die Kernkraftwerke länger laufen.“ Provokanter geht es nicht, stellt Diess’ Forderung doch einen mühsam errungenen Ausstiegskompromiss infrage. Aber vielleicht ist es auch nur eine Replik auf die Anwürfe gegen VW und Co., den Verkauf der spritfressenden und umweltbelastenden SUVs einzustellen.

Doch mehr oder weniger Provokation, das ist hier nicht die Frage. Wer kontroverse Debattenbeiträge einfordert, muss halt auch damit rechnen, dass bei der Gelegenheit kräftig ausgeteilt wird. Das ist nur ein kleiner Teil des Problems. Der viel größere ist offensichtlich: Gestandene Politiker und Manager lassen sich von aktivistischen Schülern treiben.

Man muss sich das einmal vor Augen halten: Zwischen Großinvestor Fink und Thunberg liegt ein halbes Jahrhundert Lebenserfahrung. Auch die Motivation der beiden könnte unterschiedlicher nicht sein. Sie will die Welt retten, er das Überleben seines Investments.

Doch das Ergebnis ähnelt sich sehr, der Druck auf Führungskräfte der Wirtschaft wächst, sich auch in politische Debatten einzumischen – und darüber hinaus einen eigenen Beitrag für die Zivilgesellschaft zu leisten. Für den Klimaschutz, für Nachhaltigkeit, gegen Ausbeutung. Der Radius ist weit.

Das Problem dabei ist: Die Unternehmen kämpfen gerade auf einem anderen Feld, der Digitalisierung. Die birgt die Gefahr für Industrie, Händler und Dienstleister, von völlig neuen Geschäftsmodellen überrollt zu werden, weil Bewährtes und Eingeübtes infrage steht. Damit haben Manager eigentlich genug zu tun. Wer wüsste das besser als ein Mann wie Diess?

Unternehmen stecken in der Klemme

Gerade für die Autoindustrie ist Disruption eine ernsthafte Bedrohung. Mobilität definiert sich neu. Wenn jetzt Teilen statt Besitzen Konsumtrend ist, dann müssen sich Firmen wie Volkswagen von Grund auf neu erfinden.

Die Unternehmen stecken in der Klemme: Nach der digitalen trifft sie nun auch die politische Disruption. Sollten sie sich aus der öffentlichen Debatte also besser heraushalten? Klares Nein. Es ist gut, wenn sich Unternehmer und Manager zu gesellschaftlichen Fragen äußern. Ja, es ist sogar akzeptabel, dass sie sich dabei auch mal weit aus dem Fenster lehnen.

Besser allerdings wäre es, das Führungspersonal würde sich nicht immer nur treiben lassen, sondern bei offensichtlich strittigen Themen selbst die Initiative ergreifen. Zum Beispiel bei der Vergütung für Vorstände. Wir sind gerade wieder an einem Punkt, wo unausgesprochene Grenzen gesprengt werden. Muss das sein? Oder die Einhaltung von Lohn- und Sozialstandards in Liefer- und Leistungsketten: Wer, wenn nicht die Firmen selbst könnten Diskussionen um Ausbeutung ersticken?

Es ist gut zu wissen, dass auch die Chefs deutscher Konzerne den Schutz des Weltklimas als ernsthafte Herausforderung sehen. Es ist aber auch klar, dass die hitzige Klimadebatte eines Tages wieder abkühlen wird. Dann rücken Managergehälter oder Arbeitnehmerrechte wieder in den Vordergrund.

Darauf sollten Manager sich vorbereiten – mit Worten und vor allem mit Taten. Blackrock-Chef Fink sagt: „Die größten Krisen entstehen immer dann, wenn wir nicht darüber reden.“ Debatte ist deshalb ausdrücklich erwünscht – nicht nur beim Klimaschutz.

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