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18.06.2019

19:26

Kommentar

In der Klimadebatte dürfen nicht nur die vermeintlich Tugendhaften mitreden

Von: Christian Rickens

Der Fall des Schraubenmilliardärs Würth zeigt: Nicht nur Öko-Vorbilder sollten beim Klimaschutz mitreden dürfen. Denn damit überließen wir die Debatte endgültig den Falschen.

Je höher die soziale Schicht, desto mehr CO2 versucht der Lebensstil. dpa

Demonstration

Je höher die soziale Schicht, desto mehr CO2 versucht der Lebensstil.

Ein schöner Satz aus dem Neuen Testament lässt sich übertragen auf die aktuelle Klimadebatte: Wer unter euch ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein. In sozialen Medien bricht derzeit viel Kritik über Politiker oder Unternehmer herein, die mehr Klimaschutz fordern, deren Lebensstil aber nicht dem ökologischen Idealbild entspricht.

Der Extremfall: Schraubenmilliardär Reinhold Würth wirft der Bundesregierung öffentlich Versagen in der Klimapolitik vor, vergnügt sich privat aber gerne auf seiner 85 Meter langen Motorjacht „Vibrant Curiosity“. Deren Durchschnittsverbrauch dürfte bei rund 100 Litern liegen – pro Kilometer. Im Kleinen traf ein ähnlicher Vorwurf zum Beispiel Grünen-Chef Robert Habeck, der auf einem klimaschädlichen Inlandsflug erwischt wurde.

Wollen wir wirklich, dass sich nur in die Klimadebatte einmischen darf, wer ohne Schuld ist? Bitte nicht, denn das hieße, diese Debatte endgültig den falschen Leuten zu überlassen. Den kleinsten ökologischen Fußabdruck dürften in Deutschland die Anhänger der AfD haben: Sie gehören überdurchschnittlich häufig zur unteren Mittel- oder Unterschicht, fliegen dementsprechend selten, wohnen in vergleichsweise kleinen Wohnungen und fahren ihren Diesel-Pkw im Zweifel, bis er auseinanderfällt.

Dass die AfD als einzige Partei im Bundestag keinen stärkeren Klimaschutz fordert, zeigt bereits: Der Umwelt ist nicht geholfen, wenn sich nur die vermeintlich Tugendhaften zu Wort melden dürfen.

Es ist nun einmal so: Je höher die soziale Schicht, der wir angehören, desto mehr CO2 verursacht im Schnitt unser Lebensstil. Die Immobilien werden größer, und mit ihnen wachsen Heizöl- oder Gasverbrauch. Man kann sich häufigere Urlaubsreisen leisten, und der Job erfordert es, immer wieder mal ins Flugzeug zu steigen.

Das Verhalten der Bürger über den Preis lenken

Zu diesen Verhaltensmustern verleiten uns oft Bequemlichkeit oder Gedankenlosigkeit, aber auch legitime Güterabwägungen. Den Kunden treffen und abends noch die Tochter ins Bett bringen? Geht nur mit dem Flugzeug. Wer will schon in einem Land leben, in dem solche individuellen Abwägungen zum Gegenstand eines öffentlichen Tribunals werden.

Liberale Gesellschaften sollten das Verhalten ihrer Bürger möglichst selten über Verbote lenken, sondern bevorzugt über den Preis. Wenn der Ausstoß einer Tonne CO2 endlich genauso viel kostet wie der Umweltschaden, den sie verursacht, wird sich auch unser Verhalten ändern – ganz ohne Zwang.

„Die Internalisierung der externen Kosten“, wie es Ökonomen nennen, bevorzugt über eine Steuer auf den CO2-Ausstoß, ist der bessere Weg zum Klimaschutz. Besser jedenfalls als Debatten darüber, wer überhaupt mitdebattieren darf.

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