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10.05.2022

17:09

Kommentar

In der Ukraine-Krise stehlen sich deutsche Konzerne aus ihrer Verantwortung

Von: Hans-Jürgen Jakobs

Viele Politiker gestehen ihre Fehler bereits ein. Doch Eon und BASF haben die Politik zum missratenen Umgang mit Gazprom ermuntert. Wo bleibt ihr „Mea culpa“?

Kostas Koufogiorgos

Karikatur

Es sagt sich sehr leicht, vor allem in Fensterreden über Marktwirtschaft, dass zur unternehmerischen Freiheit auch Verantwortung und Haftung gehören. Direkte Anschlussfrage: Wer von den Großkonzernen Eon und BASF haftet für eine völlig missratene, viel zu groß geratene Energieversorgung aus Russland, die sie an vorderster Stelle befördert haben? Diese Frage wird merkwürdigerweise öffentlich kaum gestellt.

Unter Druck sind vielmehr Politiker, die all das eilig und gewissenhaft umgesetzt haben, wozu ihnen die Chefs von Dax-Konzernen geraten haben. Das trifft vor allem Sozialdemokraten, die permanent ihren Irrtum einräumen müssen, sich von einem Monopolisten wie Gazprom abhängig und erpressbar gemacht zu haben – und sogar, wie in Mecklenburg-Vorpommern, kräftig mit der russischen Ressourcenmacht gemauschelt zu haben.

Im Fokus steht auch Ex-Bundeskanzlerin Angela Merkel, die sich in dieser Causa für eisernes Schweigen wie im Trappistenkloster entschieden hat. Ein „Mea culpa“ hört man weder von ihr noch aus den verwickelten Konzernen.

Dabei sind Eon als Aktionär der Gazprom-Veranstaltung Nord Stream 1 und BASF – über die Tochter Wintershall Dea – als Financier von Nord Stream 2 direkte Unterstützer der Strategie von Wladimir Putin gewesen.

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    Der russische Präsident hatte schon immer mit der Waffe Rohstoff Geopolitik betrieben und etwa seinen Staatskonzern Gazprom in Mittel- und Osteuropa viel höhere Preise als in Deutschland abkassieren lassen, was 2011 sogar zu einer Razzia der EU-Kommission in den Büros der drei Konzerne Eon, RWE und Gazprom geführt hatte.

    Die Verantwortlichen überboten sich stattdessen mit Pro-Putin-Botschaften. obs

    BASF

    Die Verantwortlichen überboten sich stattdessen mit Pro-Putin-Botschaften.

    Die Liebe zum billigen Russengas war ganz oben in der deutschen Wirtschaft so groß, dass man oberste Grundsätze einer soliden Einkaufspolitik vergaß und – wegen möglichst günstiger Konditionen – nicht mehr auf Versorgungssicherheit achtete und übergroße Abhängigkeiten nicht vermied.

    BASF und Eon haben Russland lange verteidigt

    Die Verantwortlichen überboten sich stattdessen mit Pro-Putin-Botschaften. So zeigte sich 2010 der verdiente damalige BASF-Chef Jürgen Hambrecht genervt, dass den Russen immer unanständige Motive unterstellt würden: „Wenn man die Chance hat, Zukunft gemeinsam zu gestalten, dann sollte man nicht sagen: mit dem aber nicht!“ Und Eon hob ein Jahr später hervor, dass Nord Stream „maßgeblich zur Stärkung der europäischen Versorgungssicherheit“ beitrage.

    Solche Lobeshymnen endeten selbst nach 2014 nicht, als Russland die ukrainische Halbinsel Krim annektiert und die Sanktionspolitik des Westens eingesetzt hatte. Es wurden sogar weiter munter strategische Deals eingestielt: So verkaufte BASF-Ableger Wintershall noch 2015 die Vertriebsfirma Wingas und den Großgasspeicher in Rehden vollständig an den Joint-Venture-Partner Gazprom, der die Deutschen im Gegenzug an zwei sibirischen Erdgasfeldern beteiligte.

    Deutsche Konzerne mit hohem Energiebedarf haben russische Interessen jahrelang geteilt. imago images / Schöning

    Eon-Zentrale in Essen

    Deutsche Konzerne mit hohem Energiebedarf haben russische Interessen jahrelang geteilt.

    Eine kritische Selbstreflexion über all die Fauxpas hat man bisher nicht vernommen. Es ist überfällig, sich auch in diesem Punkt einmal ehrlich zu machen. Stattdessen machen die gleichen Unternehmen, die ihren Anteil am Gazprom-GAU haben, beinharte Lobbyarbeit gegen Forderungen vieler Ökonomen, sofort auf Gas und Öl aus Russland zu verzichten, um den Kriegsstaat nicht länger finanziell auszustatten.

    Gazprom gilt als „too big to fail“

    Die Antwort von BASF? „Wollen wir sehenden Auges unsere gesamte Volkswirtschaft zerstören? Das, was wir über Jahrzehnte hinweg aufgebaut haben?“, sagt CEO Martin Brudermüller. Von Demut keine Spur. Eon wiederum lobt ein wenig dezenter die Bundesregierung, dass sie all den Rufen standhalte, Gasimporte aus Russland kurzfristig zu stoppen.

    Es sieht ganz so aus, als wirke im Umgang mit dem Monopolisten Gazprom weiter ein enger Pakt weniger deutscher Großkonzerne mit dem Staat. Das aus der Finanzwirtschaft bekannte Theorem vom „Too big to fail“ gilt in der hochkonzentrierten Energiewirtschaft erst recht. Die politischen Entscheider machten den Fehler, selbst keinen anderen Rahmen gesetzt zu haben, etwa den Bau von LNG-Terminals zur Lieferung von Flüssigerdgas zu befördern.

    Von konstruktiven Elementen hörte man bisher aus diesen Industriekreisen etwas weniger: von Vorschlägen zu mehr Energieeffizienz, zum Energiesparen, zur Substitution. Dafür viel mehr vom Verlangen, bei eventueller Gasknappheit die Industrieunternehmen bevorzugt zu bedienen und nicht, wie bisher geregelt, die privaten Haushalte.

    Wenn Deutschland im Winter 2022/23 frieren sollte, dann hat das auch mit unternehmerischen Fehlern der Konzerne Eon und BASF zu tun. Sie richteten sich nach vorgeblich (billigen) marktwirtschaftlichen Preisen, die in Wahrheit (viel teurere) politische Preise waren. In ihrer Einzelbilanz drückte sich das als Shareholder-Value aus. Die Stakeholder aber, wir alle, sitzen bis auf Weiteres in der Falle.

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