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24.06.2019

09:05

Kommentar

Japans Wasserstoffstrategie zeigt, wie Industriepolitik funktioniert

Von: Martin Kölling

Japan geht bei der Förderung von Wasserstoff strategisch vor – mit Erfolg. Das Vorgehen ist wegweisend, auch für die Industriepolitik in Deutschland.

Handelsblatt Live

Brennstoffzellen waren lange keine Konkurrenz zur Batterie – bis jetzt

Handelsblatt Live: Brennstoffzellen waren lange keine Konkurrenz zur Batterie – bis jetzt

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Beim Thema Wasserstoff als Energiespeicher läuft Japan derzeit industriepolitisch zur Höchstform auf. Ministerpräsident Shinzo Abe hat als Gastgeber des G20-Gipfeltreffens in dieser Woche die Gunst der Stunde genutzt, um seiner nationalen Wasserstoffstrategie globale Reichweite zu verleihen.

Bei der Internationalen Energieagentur gab Abe eine Studie zur Zukunft von Wasserstoff in Auftrag. Die Empfehlungen der Energieexperten an die G20 dürften nach Abes Geschmack sein: Wasserstoff stehe als sauberer Energiespeicher ebenso wie Brennstoffzellen der Durchbruch bevor.

Zudem loben die Experten implizit Japans Strategie, nicht zuerst auf die Massenherstellung von „grünem“ Wasserstoff zu warten, der mit erneuerbaren Energien durch Elektrolyse aus Wasser gewonnen wird, sondern möglichst schnell Nachfrage und eine globale Lieferkette aufzubauen.

Genau das hatte Japans Regierung 2017 in ihrer Wasserstoffstrategie vorgeschlagen. In dem Vorstoß band sie bestehende Wasserstoffinitiativen in einer großen konzertierten Aktion aus Politik, Wirtschaft und Wissenschaft zusammen. Bis 2030 soll die Nachfrage gesteigert werden auf 800.000 Brennstoffzellenautos im Transportwesen und 5,3 Millionen fest installierte Brennstoffzellen für die Heißwasser- und Stromgewinnung im Wohnsektor.

Mit dieser Vorgehensweise hat Japan gute Erfahrungen gemacht. Indem die Regierung hilft, zu Hause einen Massenmarkt zu schaffen, stimuliert sie private Investitionen in die gesamte Lieferkette und damit Innovationen in eine neue Technologie. Die Hoffnung ist, dass sich die Unternehmen und die Zulieferindustrie dann technologisch als Weltmarktführer etablieren können. Und in diesem Fall auch, dass so der Umstieg auf grünen Wasserstoff schneller gelingt.

So lief es etwa bei der Solarenergie. Bereits nach den Ölschocks der 1970er-Jahre begann Japans Regierung, Sonnenenergie im Wohnbereich zu fördern. Fast ein Dutzend Konzerne wie Sharp, Sanyo und Kyocera investierten in die Technik und sorgten dafür, dass Japan zwischen 2000 und 2005 fast 50 Prozent der globalen Solarzellenproduktion ausmachte.

Danach wurden die Japaner zwar durch den Ansturm chinesischer Hersteller zu Nischenproduzenten degradiert. Aber die breite industrielle Basis und der heimische Solarmarkt lassen einige japanische Unternehmen noch heute auskömmlich auf dem Markt agieren. Ähnliches passiert in anderen Schlüsselprodukten der Digitalzeit. Ob bei Chips, Flachbildschirmen, Handys oder Autoakkus, immer wieder war und ist Japan Pionier – dank des Staats.

In den 1990er-Jahren hatte ein Umdenken eingesetzt, und der Staat griff weniger stark ein, weil die Konzerne staatlicher Weisung, wohin sich die „Japan AG“ bewegen sollte, entwachsen waren. Doch in den vergangenen zehn Jahren belebte die Regierung Industriepolitik als Gegenmaßnahme gegen Konkurrenz aus China und Südkorea neu – diesmal nicht als Wegweiser, sondern zur Besitzstandswahrung der Japan AG und zur Eroberung neuer Geschäftsfelder.

Ein wichtiges Vehikel für Japans Industriepolitik ist der 2009 gegründete halbstaatliche Investmentfonds INCJ geworden. Er half etwa bei der Gründung des Displayherstellers Japan Display, an den mehrere Konzerne ihre notleidenden Displaysparten abgaben. So konnte eine wichtige Industrie samt Produktions-Know-how und Forschung so lange wie möglich in Japan gehalten werden.

Zum anderen springt der INCJ bei Übernahmen im Ausland, bei strategischen Start-ups oder bei Firmen als Co-Investor ein. So geschehen beim von Technikkonzernen, der Autoindustrie und Straßenkartenherstellern getragenen Joint Venture Dynamic Map Platform, das hochpräzise 3D-Karten für autonomes Fahren erstellt und nun global expandieren will.

Darüber hinaus versucht die Regierung, mit relativ offener Regulierung neuen Industrien wie Kryptobörsen und Drohnen ein Habitat zu geben. Und Regierungschef Abe wirft sich als Chefverkäufer der Japan AG ins Zeug. So drastisch wie beim Wasserstoff ist er jedoch bisher nie aufgetreten.

Der Grund: Die Wasserstoffwirtschaft ist nicht nur für die Auto- und Technikindustrie sowie klimapolitisch wichtig, sondern auch strategisch, um die geringe Energiesicherheit des ressourcenarmen Japans zu erhöhen. Die Regierung in Tokio weiß, dass nur durch einen globalen Boom genug Wasserstoff für das energiehungrige Land produziert werden kann.

Ob diese Industriepolitik der kreativen Bewahrung langfristig bessere Resultate erzielt als die kreative Zerstörung, in der neue Unternehmen etablierte Spieler verdrängen, ist allerdings eine offene Frage. Viele japanische Konzerne hinken in der Anpassung an globale Trends hinterher. Und die Regierung beweist klimapolitisch bei der Senkung von Treibhausgasemissionen keine Führungsstärke. Doch solange Abe an der Macht ist, wird dies das Maximum sein. Japans Konservative glauben nicht an die Selbstheilungskraft des Markts.

Kommentare (1)

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Herr Josef Müller

24.06.2019, 11:34 Uhr

Hat sich eigentlich schon jemand Gedanken gemacht, was passiert, wenn im Winter das Wasser aus der Brennstoffzelle auf gefrorene Straßen rinnt? Machen die Autos dann das Blitzeis selber?

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