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26.07.2022

15:42

Kommentar

Lufthansa droht der Abstieg aus der Weltliga

Von: Jens Koenen

PremiumDas Bodenpersonal legt die Arbeit nieder, die Piloten drohen mit Streik. Die Lufthansa kann es sich nicht länger leisten, die Konflikte mit faulen Kompromissen nur notdürftig zu lösen.

Die Pilotenvertretung Vereinigung Cockpit lässt zurzeit die Flugzeugführer der Kernmarke Lufthansa über Streikmaßnahmen abstimmen. picture alliance/dpa

Piloten in einem Airbus A380 von Lufthansa

Die Pilotenvertretung Vereinigung Cockpit lässt zurzeit die Flugzeugführer der Kernmarke Lufthansa über Streikmaßnahmen abstimmen.

Frankfurt Kann es wirklich passieren, dass nach dem Warnstreik des Bodenpersonals an diesem Mittwoch auch die Piloten der Lufthansa-Kernmarke demnächst ihre Arbeit niederlegen – just in einer Zeit, in der die gesamte Branche mit dem Neustart nach der Pandemie kämpft? Just in der sommerlichen Urlaubshochsaison, wo die halbe Republik nach zwei Jahren Pandemiebeschränkungen die Ferne sucht? Es kann.

Die Urabstimmung läuft seit einigen Tagen. Stimmen bis Ende Juli mindestens 70 Prozent der Pilotinnen und Piloten zu, kann es ab August Arbeitskämpfe bei Lufthansa geben. Ein Streik wäre für den Konzern verheerend.

Schon ohne Arbeitskämpfe ist die Lage an vielen deutschen Flughäfen untragbar. Zwar ist es dem größten deutschen Drehkreuz in Frankfurt am vergangenen Wochenende gelungen, über Flugstreichungen und Sonderschichten die teils massiven Personalengpässe auszugleichen. Das befürchtete Chaos zum Ferienbeginn in Hessen, Rheinland-Pfalz und dem Saarland blieb aus.

Dafür brach am Flughafen Köln der Betrieb beinahe zusammen. Stundenlang mussten die Passagiere vor den Sicherheitskontrollen warten, viele verpassten ihren Flug. Nach zwei Jahren Pandemie gibt die Luftfahrtbranche aktuell ein desaströses Bild ab.

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    Arbeitskämpfe werden das Chaos noch vergrößern. Schon der eintägige Streik des Lufthansa-Bodenpersonals an diesem Mittwoch wird den Betrieb kräftig durcheinanderwirbeln.

    Kommt es auch auf der Seite des Cockpit-Personals zu Arbeitsniederlegungen, wird Fliegen für die arg gebeutelten Passagiere endgültig zu einem Vabanquespiel.

    Aktuell sieht es nicht so aus, als könne noch eine Lösung in dem Konflikt gelingen. Die Situation ist festgefahren. Management und Pilotenvertreter haben die Chance vertan, in der Pandemie ihre schwierige Beziehung auf eine neue Basis zu stellen.

    Nun brechen alte Konflikte wieder auf – vor allem die Frage, wie groß die Flotte und die Gruppe der sogenannten KTV-Piloten künftig sein wird. KTV steht für Konzerntarifvertrag, er ist der am besten ausgestattete in der Lufthansa-Gruppe.

    Weil Personal fehlt, kommt es an deutschen und vielen europäischen Flughäfen immer wieder zu endlos langen Wartezeiten. ddp/Panama Pictures

    Chaos am Flughafen Köln-Bonn

    Weil Personal fehlt, kommt es an deutschen und vielen europäischen Flughäfen immer wieder zu endlos langen Wartezeiten.

    Beide Seiten sind gefangen in ihren Denkmustern, die seit Jahrzehnten die Tarifkonflikte überlagern. Es ist Zeit für einen kompletten Neuanfang zwischen Management und fliegendem Personal.

    Lufthansa kann es sich nicht länger leisten, den immer wieder aufbrechenden Konflikt mit faulen Kompromissen notdürftig und vordergründig zu lösen. Das nimmt der Gruppe jegliche Flexibilität, frustriert die Mannschaft und gefährdet die Gesundung der mit Schulden vollgepumpten Bilanz. Ohne Neuanfang droht der Nummer vier der weltweiten Luftfahrt der Abstieg aus den Top Ten.

    Zu verhindern ist das nur, wenn sich beide Seiten komplett frei machen von bisherigen Paradigmen. Das Management ist getrieben vom Gefühl, von Gewerkschaften umzingelt zu sein, die mit ihrer äußerst scharfen Waffe Streik ihre Ziele – vor allem die der KTV-Piloten – durchsetzen. Das probat erscheinende Mittel der Gegenwehr ist für die Konzernführung die ständige Gründung neuer Airlines, die nicht dem Einfluss der mächtigen Vertretung der KTV-Piloten unterliegen.

    So geschehen mit Germanwings, Eurowings und Eurowings Discover, so geplant mit der neuen Plattform, die intern Cityline 2.0 genannt wird. Es ist die Übertragung der in der Industrie bekannten Logik auf die Luftfahrt: Wird die Produktion irgendwo zu teuer, verlagere sie dorthin, wo es billiger geht.

    Das Problem: Es dauert nicht lange, und die Gewerkschaft hat ihren Einflussbereich auf den neuen Flugbetrieb ausgeweitet. Zudem mussten die neuen Airlines den Gewerkschaften um des sozialen Friedens willen häufig mit Zugeständnissen abgetrotzt werden – zulasten der Wettbewerbsfähigkeit. Sowieso erhöht die Vielzahl an Flugbetrieben die eh schon große Komplexität im Lufthansa-Konzern.

    Die Gewerkschaft VC wiederum kämpft seit Jahrzehnten mit einem Konstruktionsfehler. Für jede Airline gibt es eine eigene Tarifkommission. Vor allem die der KTV-Piloten dominiert die Gewerkschaft. Die Interessen anderer Pilotengruppen gehen zuweilen unter.

    Das sorgt nicht nur für Zwist in der VC. Es erschwert auch die Tarifverhandlungen. Immer gibt es irgendwo eine Gruppe, die sofort sagt: „Nicht mit uns!“

    Lufthansa und Arbeitnehmervertreter müssen sich endlich aus dieser gefährlichen Spirale befreien. Es kann weder im Interesse der Piloten noch der Lufthansa-Führung sein, sich selbst aus dem internationalen Wettbewerb zu nehmen. Und im Interesse der Passagiere ist das schon gar nicht.

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