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02.10.2019

18:26

Kommentar

Nachhaltiges Wirtschaften ist für ein Stiftungsunternehmen einfacher

Von: Martin-W. Buchenau

Wenn Unternehmen sich selbst gehören, haben sie mehr Freiheiten, ihrer gesellschaftlichen Verantwortung nachzukommen – aber Nachteile bei der Finanzierung.

Gesellschaftliche Verantwortung von Unternehmen ist en vogue. obs/Accor Hotellerie Deutschland GmbH

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Gesellschaftliche Verantwortung von Unternehmen ist en vogue.

Die Zeiten, da Unternehmen vorrangig dazu da waren, den Wohlstand ihrer Eigentümer zu mehren, sind vorbei. Klimawandel, Demografie oder soziale Herausforderungen führen vor Augen, dass künftig auf Unternehmen weit mehr Aufgaben in der Gesellschaft warten, als nur Produkte herzustellen, Menschen zu beschäftigen und Umsatz mit Gewinn zu erzielen. Die reine Orientierung am Shareholder-Value hat deshalb wohl ausgedient.

Natürlich muss und darf eine Aktiengesellschaft ihre Anteilseigner glücklich machen. Aber mit der absoluten Priorität auf den Aktienkurs und damit auf den Marktwert, bekommen Unternehmen Themen wie Nachhaltigkeit nicht in den Griff.

Börse oder Finanzinvestoren allerdings honorieren es nicht – zumindest noch nicht – wenn ein Unternehmen über Bedarf Lehrlinge ausbildet oder eine Milliarde investiert, um klimaneutral zu werden. Trotzdem ist gesellschaftliche Verantwortung von Unternehmen en vogue, wenn selbst der größte Kohleverstromer der Republik RWE erklärt, klimaneutral werden zu wollen. Auch ein Teil der Gründergeneration bevorzugt nicht mehr das schnelle Geld in kurzer Zeit durch Verkauf ihres Start-ups.

Eine neue Erfindung ist gesellschaftliche Verantwortung von Unternehmen freilich nicht. Robert Bosch, Ernst Abbe bei Zeiss oder die Gebrüder Mahle haben sie schon vor Jahrzehnten praktiziert. Es ist also gar nicht so schwer. Aber Werte sind eben eine Charakterfrage und damit eng mit der Unternehmerperson verbunden. Und was ist, wenn sich kein geeigneter Nachfolger in der Familie findet, der Werte und Mission teilt?

Eine Stiftungskonstruktion kann ein Ausweg sein. In einem solchen Fall gehört am Ende das Unternehmen sich selbst und ist vor Übernahmen geschützt. Ein reizvoller Gedanke für alle, die gern an das Morgen denken. Doch dafür müssen einige Bedingungen erfüllt sein. So muss die Eigentümerfamilie erst einmal bereit sein, Macht abzugeben.

Zudem ist unabdingbar, dass die gemeinnützigen Interessen der Stiftung strikt von der industriellen Führung getrennt sind. Sprich, der Stiftung zwar das Unternehmen gehört, aber sie die Stimmrechte nicht ausübt. Sie gibt sie an eine kompetent besetzte treuhänderische Führungsgesellschaft ab.

Eine Vermischung der Interessen führt sonst häufig zu schwierigen Situationen, wie gerade bei Thyssen-Krupp zu beobachten. Und nicht zuletzt: Für die industrielle Führung braucht es erfahrene Manager, die das Unternehmen lenken, als wäre es das eigene. Treuhänderische Verantwortungseigentümer nennt das Bosch-Aufsichtsrat Franz Fehrenbach.

Steuerrechtlich kompliziertes Konstrukt

Sind die Bedingungen erfüllt, kann ein Stiftungsunternehmen leichter einen gesellschaftlichen Beitrag leisten als eine börsennotierte AG. Sicherlich muss das Stiftungsunternehmen wirtschaftlich immer auch mit Kapitalmarkt orientierten Gesellschaften mithalten können. Aber langfristige Strategien lassen sich dann doch etwas leichter umsetzen, wenn nicht der Kapitalmarkt im Nacken sitzt.

Eine Stiftungskonstruktion ist allein steuerrechtlich ein kompliziertes Konstrukt. Und sie birgt verdeckte Risiken. Die Gewinnausschüttung an eine Stiftung ist zwar in der Regel vergleichsweise gering im Verhältnis zu einer Dividende an Aktionäre. Der Gewinn bleibt damit weitgehend im Unternehmen. Auch das ist schon immer ein reizvoller Gedanke.

Aber das Unternehmen muss sich auch aus sich selbst heraus finanzieren. Eine Kapitalerhöhung, wie bei einer Aktiengesellschaft, ist nicht möglich. Denn eine gemeinnützige Stiftung ist zum Verzehr ihrer geringer besteuerten Mittel aus dem Unternehmensgewinn verpflichtet. Im Ernstfall wird sie kaum in der Lage sein, eine höhere Kapitalmaßnahme mitzutragen.

Und wenn das im Bedarfsfall dazu führt, dass sich das Unternehmen über Anleihen notwendiges Kapital verschaffen muss, ist die Abhängigkeit von den Finanzmärkten durch die Hintertür wieder im Haus. Es bedarf demnach im Stiftungsunternehmen höchster Disziplin, um die finanzielle Unabhängigkeit zu wahren.

Ein Unternehmen, das sich selbst gehört, hat auch für junge Gründer, bei denen die Unternehmensidee und nicht das Eigentum im Vordergrund steht, ihren Charme. Schließlich verlieren Start-up-Unternehmer mit jeder Finanzierungsrunde einen immer größeren Teil ihres Unternehmens an Investoren. Sie hatten noch keine Gelegenheit, Kapital selbst anzusammeln. Und dann kann es schnell passieren, dass der Gründer im eigenen Unternehmen nichts mehr zu sagen hat, oder der Weg auf Börsengang oder Verkauf zusteuert.

Für Start-ups wäre eine neue Rechtsform, die die Vorteile einer Stiftung hat, aber einfacher zu handhaben ist, durchaus reizvoll. Gewinne und Kapital blieben dann im Unternehmen und die Gesellschafterfunktion könnte weder vererbt noch verkauft werden. Die Eigentumsfrage wäre gelöst. Aber nicht die der Finanzierung. Verantwortungseigentum ist ein schönes Ziel, jedoch nicht einfach zu erreichen.

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