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25.05.2022

09:23

Die Frauenquote war und ist ein Mittel der Wahl und der Qual. Wer mag sich schon gerne (zum Glück oder Erfolg) zwingen lassen? dpa

Frauen in Führungspositionen

Die Frauenquote war und ist ein Mittel der Wahl und der Qual. Wer mag sich schon gerne (zum Glück oder Erfolg) zwingen lassen?

Kommentar

Ohne Frauenquote geht es nicht

Von: Tanja Kewes

Männlich, weiß, alt: Wie richtig und wirksam die Frauenquote ist, zeigt sich an den Familienunternehmen. Dax-Konzerne machen Fortschritte, doch bei Aldi, Bauhaus und Miele herrscht Stillstand.

 

Die Frauenquote war und ist ein Mittel der Wahl und der Qual. Wer mag sich schon gerne (zum Glück oder Erfolg) zwingen lassen? dpa

Frauen in Führungspositionen

Die Frauenquote war und ist ein Mittel der Wahl und der Qual. Wer mag sich schon gerne (zum Glück oder Erfolg) zwingen lassen?

„Ohne uns geht es nicht!“ Mit diesem Spruch werben die deutschen Familienunternehmer in ihrem gleichnamigen Verband für sich. Und recht haben sie. 180.000 Familienunternehmen gibt es in Deutschland. Sie sind das sogenannte Rückgrat der deutschen Wirtschaft. Sie stellen fast 60 Prozent aller sozialversicherungspflichtigen Arbeitsplätze und rund 80 Prozent der Ausbildungsplätze in Deutschland, sie besitzen die meisten Patente, sie tragen viele große Markennamen.

So weit, so richtig, so gut. Der traurige Teil der Botschaft: Mit 8,3 Prozent ist der Frauenanteil in den Geschäftsführungen der Familienunternehmen nur gut halb so hoch wie bei den Unternehmen in Dax, MDax und SDax, und er bewegt sich nicht.

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    Dieser Stillstand zeigt vor allem auch eins: wie richtig und wichtig die Frauenquote war und ist. Nachdem sich jahrelang mit Selbstverpflichtungen der deutschen Wirtschaft nichts geändert hatte, führte die Große Koalition 2015 das Erste Führungskräftepositionengesetz ein.

    Seitdem gilt für die Aufsichtsräte börsennotierter und paritätisch mitbestimmter Unternehmen in Deutschland eine Frauenquote in Höhe von 30 Prozent. Und siehe da, zum Ersten, es bewegte sich was: Der Frauenanteil stieg von 2015 bis 2021 in den Aufsichtsräten von 20 auf 33 Prozent.

    Seit August 2021 gilt zudem eine Frauenquote für die Vorstände ebendieser börsennotierten und paritätisch mitbestimmten Unternehmen. Es gilt das Mindestbeteiligungsgebot des Zweiten Führungskräftepositionengesetz.

    Konkret bedeutet das: Besteht der Vorstand aus mehr als drei Mitgliedern, so muss er mit mindestens einer Frau und mindestens einem Mann besetzt sein. Und siehe da, zum Zweiten, es tut sich was: In den vergangenen Monaten wurden so viele Frauen in die Dax-40-Vorstände berufen wie nie zuvor – ganze acht an der Zahl.

    Die neuen Dax-Vorständinnen sind zudem nicht mehr nur Personalerinnen und Rechtsexpertinnen. Sie vertreten alle Fachrichtungen und Professionen. So gibt es nun bei Continental und Zalando einen weiblichen CFO, bei Siemens Healthineers eine Technologie- und bei Volkswagen eine IT-Vorständin. Sie sind zudem nicht alle Deutsche. Eine neue Vorständin stammt aus Bulgarien, eine aus Österreich. Vielfalt bezieht sich schließlich nicht nur auf das Geschlecht.

    Doch so bunt die Führungsetagen der unter Quotendruck stehenden Unternehmen geworden sind, so eintönig sind die der Familienunternehmen geblieben. So waren bei den Dax-40-Unternehmen 38 Prozent der Neurekrutierungen in den vergangenen beiden Jahren weiblich, bei den 70 Familienunternehmen in vollständigem Familienbesitz waren es nur sechs Prozent.

    Nun kann man die Frage stellen: Warum braucht es unbedingt (mehr) Frauen in der Führung?

    Deutschlands Wirtschaft war doch jahrzehntelang international sehr erfolgreich mit einer überwiegend weißen und älteren FührungsMANNschaft – gerade und vor allem auch die deutschen Familienunternehmen. Wie geschrieben: Sie waren, sie sind das Rückgrat der deutschen Wirtschaft.

    Zeiten ändern sich

    Die einfache wie klare Antwort: weil sich die Zeiten gewandelt haben. Unsere Gesellschaft ist vielfältiger geworden. Zudem zeigen Studien wie die gerade von der Handelshochschule Leipzig (HHL) und der ESCP Business School in Berlin veröffentlichte, dass divers besetzte Führungsgremien wettbewerbsfähiger und resilienter sind.

    Und deshalb ist es umso frappierender, dass sogar Einzelhändler wie Aldi, Bauhaus und Fressnapf oder Konsumgüterhersteller wie Miele (Haushaltsgeräte), Intersnack (Knabberwaren) und Storck (Zuckerwaren) sich bis heute keine Frau in der obersten Führungsetage leisten.

    Frank Hoppmann

    Karikatur

    Die Frauenquote war und ist ein Mittel der Wahl und der Qual. Wer mag sich schon gern (zum Glück oder Erfolg) zwingen lassen? Unternehmer schon einmal gar nicht.

    Doch für manche gesellschaftliche Veränderung braucht es anscheinend gesetzliche Vorgaben und Quoten. Der Klimawandel ist dafür ein aktuelles Beispiel. Die allgemeine Kranken- und Rentenversicherungspflicht ebenfalls.

    Doch vielleicht wachen die Familienunternehmer noch auf. Spätestens wenn sie spüren, dass sie mit ihren (west-)deutschen FührungsMANNschaften bei ihren Stakeholdern in Misskredit geraten, also die (weibliche) Kundschaft ihre Einkaufsmärkte nicht mehr mag, sie im Fachkräftekrieg unterliegen oder internationale Investoren sie ignorieren.

    Ja, vielleicht werden die Familienunternehmer dann sogar denken: „Hätten wir doch auch nur frühzeitig eine Frauenquote gehabt. Dann hätten wir uns wie die börsennotierten Konzerne kurz aufgeregt, schnell umorientiert und wären langfristig auf der richtigen Seite gewesen. Und so? Können wir auf unsere Traditionen verweisen und sehen dennoch sehr alt aus.“


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