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19.06.2019

09:02

Kommentar

Ohne Skrupel und Tabus: Trumps stärkste Waffe ist sein Charakter

Von: Annett Meiritz

Mehr Wut, mehr Schock, mehr Provokation – Trumps zweiter Wahlkampf wird enorm aggressiv. Auf konkrete Pläne und Visionen für die USA kann er einfach verzichten.

US-Wahlkampf

Trump startet in Florida offiziell seinen Wahlkampf für 2020

US-Wahlkampf: Trump startet in Florida offiziell seinen Wahlkampf für 2020

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Eine Kunst beherrscht Donald Trump perfekt: Er füllt Hallen, ohne eine Rocklegende zu sein. Regelmäßig hält er Kundgebungen ab, vor allem in republikanisch geprägten Bundesstaaten – dort, wo er kaum Widerstand zu erwarten hat. Diese Auftritte sind sein Format, das waren sie schon immer. Trump genießt das Bad in der Menge, und er dirigiert seine Anhänger mit Schlagworten wie „Mauer“, „Fake News“ und „Hillary Clinton“ wie einen wütenden Chor.

Seine sechzigste Kundgebung am Dienstagabend in Orlando sollte der offizielle Startschuss für den US-Präsidentschaftswahlkampf sein, denn Trump will im kommenden Jahr sein Amt verteidigen. Natürlich ist es Unsinn, dass Trump mit diesem Auftritt seinen Wahlkampf eröffnete, denn vielmehr war der Termin ein vorhersehbarer Zug der politischen PR.

Trump befindet sich praktisch seit seinem Einzug ins Weiße Haus im Wiederwahlkampf. Schon im vergangenen Jahr stellte er ein Kampagnen-Team zusammen, sein Wahlkampfchef Brad Parscale begleitet fast jede Kundgebung, um zu studieren, welche Botschaften im Publikum am besten ankommen.

Trump präsentiert sich noch immer als Außenseiter

Das Bühnenspektakel in Orlando machte deutlich: Viel Zeit ist vergangen, seit Trump im Sommer 2016 im Trump Tower auf einer Rolltreppe angefahren kam und seine Kandidatur für die Präsidentschaft verkündete. Damals galt er als belächelter Außenseiter, jetzt ist er der am meisten polarisierende moderne US-Präsident.

Und doch will Trump konservieren, was unter normalen Maßstäben der Politik unmöglich wäre. Es präsentiert sich noch immer als Außenseiter, als Gegner des politischen Establishments, obwohl er seit nunmehr zweieinhalb Jahren selbst Teil des Apparats ist – ja, gar die mächtigste Komponente.

Wieder einmal verrückt Trump diese Maßstäbe und verkauft weiter einen Großteil der Botschaften, die ihm damals zum Sieg verhalfen. Sogar die „Sperrt sie ein!“-Rufe gegen Clinton fehlen bei keiner Kundgebung, sie schallten auch in Orlando aus dem Publikum.

Seine radikalen Botschaften zu Einwanderung, Handel und nationaler Sicherheit gehören zum Standardrepertoire, dazu kommt der Triumph über das Ende der Russland-Affäre und die niedrigste Arbeitslosenquote seit 50 Jahren. Eine Vision, ein konkreter Plan für eine zweite Amtszeit, ist all das nicht. Aber womöglich ist Trump darauf auch gar nicht angewiesen: Denn Trumps stärkste Waffe ist noch immer er selbst.

Ein Kandidat ohne Schranken und Tabus

Wenn seine Anhänger zu einer seiner Kundgebungen pilgern, bekommen sie das, was sie wollen – den ungefilterten Trump. Sie bekommen jemanden, der noch immer als Kandidat ohne Tabus und Schranken auftritt, aber der dank seines Einzugs ins Weiße Haus jeden Tag die größte Bühne der Welt für sich nutzen kann.

Doch wird die Glut der Trump-Anhänger reichen, um ihn in eine zweite Amtszeit zu tragen? Erste Warnsignale für Trumps Kampagne sind da. Von seinen Kernthemen rückt er keinen Millimeter ab, was es unmöglich macht, neue und moderate Wählerschichten zu gewinnen.

In genau diese Lücke könnte ein demokratischer Kandidat wie Joe Biden stoßen, wenn er denn nominiert wird. In Staaten, in denen Trump 2016 messerscharf gegen Clinton gewonnen hat, liegt er derzeit in Umfragen hinten. In 17 Monaten ist Wahltag, und in diesen 17 Monaten kann vieles passieren: Die Wirtschaft kann abrauschen, die Demokraten könnten einen guten Wahlkampf hinlegen, weltpolitische Ereignisse können alles durcheinanderwirbeln.

Und doch ist das Szenario, dass der US-Präsident eine zweite Amtszeit dranhängen kann, nicht unwahrscheinlich. Denn auch wenn Trumps chronisch magere Umfragewerte etwas anderes vermuten lassen: Er hat lukrative Unterstützer im ganzen Land, allein im ersten Quartal sammelte seine Kampagne 30 Millionen Dollar, die zu großen Teilen in den digitalen Wahlkampf gepumpt werden.

Trump mag weiter mit dem Image des Außenseiters spielen, doch seine Kampagne ist deutlich schlagkräftiger und professioneller als beim letzten Mal. „Keep America Great“ lautet Trumps Wahlkampf-Slogan. Übersetzt für die kommenden Monate heißt das: mehr Wut, mehr Schock, mehr Provokation – und mehr Trump.  

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