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20.08.2019

17:06

Kommentar

Profit für alle – Was Jeff Bezos von Deutschland lernen kann

Von: Dieter Fockenbrock

Gewinn habe keine Priorität mehr, sagen 200 amerikanische Firmenchefs. Europas Konzernlenker sind da glücklicherweise längst einen Schritt weiter.

Die Forderungen amerikanischer Manager nach mehr gesellschaftlicher Verantwortung von Unternehmen sind in Deutschland bereits Realität. TOM BRENNER/The New York Times/R

Amazon-Gründer Jeff Bezos

Die Forderungen amerikanischer Manager nach mehr gesellschaftlicher Verantwortung von Unternehmen sind in Deutschland bereits Realität.

Es kommt selten vor, dass wir Deutsche in Sachen Unternehmensführung die Richtung vorgeben. Meist hecheln wir amerikanischen Vordenkern hinterher, müssen uns angelsächsisch geprägten Regeln und Standards notgedrungen beugen.

So ist es auch kein Zufall, dass die deutsche Wirtschaftsterminologie ohne Not um den Begriff Corporate Governance erweitert wurde oder dass das International Accounting Standards Board selbstredend seinen Sitz in London hat. Ganz abgesehen vom jahrelangen Kampf um die Akzeptanz der dualen Unternehmensführung und der Arbeitnehmer-Mitbestimmung in der Welt. Zwei deutsche Besonderheiten, die viele amerikanische Investoren noch heute für ziemlichen Unfug halten.

Nun aber bahnt sich eine Wende an, die bemerkenswert ist. 200 Konzernchefs aus den USA haben einen Aufruf unterschrieben, der die Grundlagen amerikanisch geprägter Unternehmensführung auf den Kopf stellt. Und dessen Kern eigentlich das europäische, insbesondere deutsche Selbstverständnis widerspiegelt. Und der lautet: Unternehmen tragen auch Verantwortung für die und in der Gesellschaft.

In den Staaten soll nun die Profitmaximierung zugunsten der Aktionäre nicht mehr das wichtigste Ziel der Unternehmen sein. Stattdessen sollen alle sogenannten Stakeholder – von Mitarbeitern über Kunden und Zulieferer bis zu den Gemeinden – beachtet werden. Unter Führung des JP-Morgan-Chefs Jamie Dimon propagieren die US-Manager damit die Abkehr vom reinen Shareholder-Value.

Dimon treibt diese Neuausrichtung schon länger um. Die gesellschaftliche Dimension unternehmerischen Handelns im Blick zu haben, das rät der Banker seit Jahren in seinem Neujahrsgruß den Vorständen großer Firmen. Dass Dimon es nun geschafft hat, die Crème de la Crème der US-Wirtschaft auf diesen Kurs einzuschwenken, ist bemerkenswert.

Man kann durchaus zweifeln, wie entschlossen mancher CEO hinter der Forderung steht. Das Mantra Shareholder-Value steht eigentlich schon seit der Jahrtausendwende, spätestens seit der großen Finanz- und Wirtschaftskrise vor zehn Jahren in der Kritik. Warum erst jetzt die vermeintliche Einsicht?

Aber darauf kommt es nicht an. Die Richtung stimmt. Amerikas Konzernbosse und mindestens genauso wichtig ihre Investoren haben offenbar verstanden, dass der Unternehmenszweck nicht ausschließlich das Geldverdienen sein kann. Mag sein, dass auch die Weltverbesserer aus der Digitalwirtschaft darauf gedrängt haben, das unternehmerische Leitbild in den Vereinigten Staaten neu zu definieren. Sie können sich das angesichts zweistelliger Renditen und zum Teil monopolitischer Strukturen auf ihren Märkten auch locker leisten.

Shareholder-Value nicht um jeden Preis

Uns Deutsche trifft diese Wende überraschend, aber keineswegs unvorbereitet. Viele Unternehmen haben sich zwar nicht gleich die Rettung der Welt auf die Fahnen geschrieben. Aber nur die Wünsche der Aktionäre zu befriedigen, das ist dann doch zu mager. Der deutsche Corporate Governance Kodex beispielsweise verlangt ausdrücklich ein „ethisch fundiertes, eigenverantwortliches Verhalten“ des Managements in Anlehnung an das Leitbild des Ehrbaren Kaufmanns. Was nichts anderes heißt, als dass Shareholder-Value nicht um jeden Preis der Maßstab ist. Der ehrbare Kaufmann bewertet sein Handeln auch immer im Spiegel der Gesellschaft.

Wie aber lässt sich ein Unternehmen darauf ausrichten, wenn es anonymen Aktionären gehört, wenn nicht (mehr) Umsatz, Cashflow und Gewinn das Maß aller Dinge sind? Diese Fragen stellen sich deutsche und europäische Manager schon seit Jahren.

Und wie durch Zufall gründet sich just an dem Tag, an dem die US-Manager ihr Shareholder-Value-Mantra aufgeben, in Deutschland eine Werteallianz. Sieben europäische Konzerne – von BASF über die Deutsche Bank und SAP bis zu Novartis und LafargeHolcim – haben eine „value balancing alliance“ gegründet, deren Ziel es ist, bilanzfeste Kennziffern zur Messung von Wertbeiträgen der Unternehmen für Gesellschaft und Umwelt zu entwickeln.

Die Allianz steckt zwar in der Startphase, beweist aber, dass die Diskussion um unternehmerische Prinzipien in Europa den Amerikanern um Meilen voraus ist. Hierzulande wird nicht mehr im Grundsatz diskutiert, müssen keine spektakulären Statements mehr abgegeben werden. Die Konzerne suchen bereits nach Lösungen zur konkreten Umsetzung. Die, so viel steht fest, werden nicht einfach zu finden sein.

Wenn etwa Arbeitnehmer durch Qualifikation in ihren Betrieben vom Kostenfaktor (in der herkömmlichen Bilanzierung) zum Wertetreiber (in der neu verstandenen Bilanzierung) wechseln, was bedeutet das eigentlich für die Unternehmensführung? Wie werden gesellschaftliche Wertbeiträge verrechnet? Können Unternehmen dann weiterhin nach klassischen betriebswirtschaftlichen Kennziffern geführt werden? Ein Berg an Fragen. Aber mit der Beantwortung jeder einzelnen Frage wird ein Stück Wert für alle geschaffen.

Mehr: US-Manager wie Jamie Dimon wollen nicht länger nur ihren Aktionären, sondern auch der Gesellschaft verpflichtet sein. Doch in Deutschland sei das nichts Neues, sagen Firmenlenker.

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