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30.06.2022

14:53

Kommentar

Reisen muss teurer werden – sonst gibt es keinen Ausweg aus der Misere

Von: Jens Koenen

PremiumGestrandete Fluggäste, Chaos auf der Schiene – schuld daran ist vor allem unser Irrglaube, Mobilität sei ein günstiges Grundrecht.

Dass die Fluggäste nun endlos warten müssen, ist auch eine Folge des jahrelangen Preiskampfes in der Luftfahrt. IMAGO/Marc John

Check-in am Flughafen Köln Bonn

Dass die Fluggäste nun endlos warten müssen, ist auch eine Folge des jahrelangen Preiskampfes in der Luftfahrt.

Eltern, die mit weinenden Kindern vor Schaltern am Flughafen stehen, endlose Schlangen in den Terminals, genervte Geschäftsreisende, die ihren ganzen Frust über Flüge und Bahnfahrten auf Twitter oder LinkedIn ablassen – was sich Deutschland aktuell bei seinen wichtigsten Verkehrsmitteln leistet, ist einfach nur noch trist.

Europas größte Volkswirtschaft erlebt einen Verkehrsinfarkt. Lufthansa-Chef Carsten Spohr sieht sich dazu genötigt, persönlich bei den Kunden Abbitte zu leisten. Er leide wie ein Hund, so versucht Bahn-Chef Richard Lutz Mitgefühl mit seinen Kunden zu zeigen.

Denn auch auf der Schiene hakt es allerorten. Und könnten die Autofahrer einen Topmanager in die Pflicht nehmen, sie würden es wohl sofort tun. Denn marode Brücken und eine endlose Kette von Baustellen machen auch die Fahrt mit dem eigenen Vehikel zu einer einzigen Qual.

Keine Frage: Fluggesellschaften, Flughäfen und Bahn haben beim Neustart nach der schlimmsten Phase der Pandemie versagt. Die Luftfahrt hat mit Blick auf die rasant wachsenden Schuldenberge hektisch zu viel Personal abgebaut.

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    Die Bahn hat zwar in der Pandemie den Verkehr aufrechterhalten und sogar neue Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter eingestellt. Gott sei Dank, möchte man sagen. Sonst wäre das Chaos wohl noch größer. Denn das marode Bahnnetz reicht schon, um ordentlich Chaos auf der Schiene zu produzieren.

    Wer genauer hinschaut, stellt fest, dass neben dem unbestreitbaren Managementversagen alle Probleme in unserer Verkehrsinfrastruktur eines eint: Wir haben über Jahre nicht ausreichend investiert, wir haben über Jahre nicht den wahren Preis für unsere Mobilität gezahlt.

    Jetzt muss investiert werden, und das zu einer Zeit, in der die Materialpreise steigen, die Inflation und die Lohnforderungen auch. Die Folgen lassen sich nicht mehr schönreden. Wer künftig von A nach B reisen will, muss mehr dafür bezahlen, egal, welches Verkehrsmittel er wählt.

    Preisdumping hat die Luftfahrt kaputt gemacht

    Dass jetzt Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter aus dem Ausland für das Be- und Entladen der Flugzeuge angeheuert werden sollen, ist ein Offenbarungseid. In der Heimat findet sich niemand, der diesen Job übernehmen mag. Schlecht bezahlt, Schichtdienste, und das alles bei Wind und Wetter – wer will den Mitarbeitern verübeln, dass sie sich in der Pandemie anderen Arbeiten und Branchen zugewendet haben?

    Das Preisdumping hat die Luftfahrt über Jahre kaputt gemacht. Billigairlines und die sich wehrenden etablierten Anbieter leisteten sich einen ruinösen Wettbewerb. Die Demokratisierung des einstigen Luxusguts Fliegen musste als Begründung herhalten. Für 40 Euro nach Mallorca reisen, das konnten sich auch weniger Betuchte leisten. Aber funktioniert das auf Dauer? Nein.

    Bis Urlauber oder auch Geschäftsreisende an ihrem Ziel ankommen, sind viele einzelne Schritte notwendig. Flughafen, Sicherheitsdienste, Bodenmitarbeiter, die Lotsen in den Towern und natürlich das Personal der Airlines – sie alle wollen bezahlt werden. Da reichen 40 Euro nicht. Mehr Lohn und bessere Arbeitsbedingungen, wie es nun viele fordern, machen diese Arbeiten wieder attraktiver und würden helfen, die Not zu lindern. Aber sie werden das Fliegen auch teurer machen.

    Auch bei der Bahn sind es vor allem monetäre Gründe, die zu einer dauerhaften „Störung im Betriebsablauf“ führen – wenn auch indirekt. Vor vielen Jahren wollte die Politik das Staatsunternehmen an die Börse bringen, es wurde eine AG. Zwar sind diese Pläne längst aufgegeben, doch die AG werkelt weiter.

    Unklare Strategie bei der Bahn

    Eine per Definition gewinnorientierte Staatsbahn, die den Bürgern gleichzeitig eine mobile Grundversorgung sichern soll – das passt nicht zusammen. Eigentlich ist auch jedem klar, dass die Schiene kritische Infrastruktur ist. Das gilt umso mehr, wenn die Verkehrswende gelingen soll. Da ist das Ziel, einen möglichst hohen Gewinn zu erzielen, kontraproduktiv. Doch so recht mag die Politik das bisher nicht zugeben, an der Struktur der Bahn wird nicht wirklich gerüttelt.

    Und die Straße? Viel zu lange wurde von der Politik die schwarze Null wie eine Monstranz vor sich hergetragen. Wichtige und vor allem notwendige Infrastrukturinvestitionen blieben aus. Die Folgen kann jeder etwa auf der A45 erleben. Vom Gambacher Kreuz in Richtung Norden geht es von einer Baustelle in die nächste – bis kurz vor Lüdenscheid. Da ist Schluss, eine Brücke ist einsturzgefährdet – wie an so vielen anderen Stellen in der Republik. Mühsam müssen sich die Autos durchs Tal quälen.

    Mobilität hat ihren Preis. So schmerzhaft das sein wird, aber wir müssen akzeptieren, dass wir diesen künftig auch bezahlen müssen. Reisen zum Billigtarif ist eine Illusion.

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