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21.06.2022

16:45

Kommentar

Reitzle muss Vorstände kontrollieren, nicht ihnen vertrauen

Von: Roman Tyborski

Der Aufsichtsratschef von Continental gibt in der Aufklärung der Dieselaffäre kein gutes Bild ab. Er achtet vor allem auf seinen eigenen Ruf.

Der Aufsichtsratsvorsitzende von Continental hat dem ehemaligen Vorstandsvorsitzenden Elmar Degenhart vertraut. dpa

Wolfgang Reitzle und Elmar Degenhart

Der Aufsichtsratsvorsitzende von Continental hat dem ehemaligen Vorstandsvorsitzenden Elmar Degenhart vertraut.

Wolfgang Reitzle betont gern, was für eine präzise und korrekt arbeitende Person er sei. Das sei auch der Hauptgrund für seinen Erfolg. Nun steht zwischen dieser Selbsteinschätzung und der Wirklichkeit ein großer Widerspruch. Denn in der Aufklärung der VW-Dieselaffäre, in die offenbar auch Continental-Mitarbeiter verwickelt sein sollen, hat es Reitzle nicht ganz so genau genommen.

Er gibt offen zu, dass er als Aufsichtsratsvorsitzender den internen von ihm initiierten Untersuchungsbericht, der 2016 fertiggestellt wurde, gar nicht gelesen hat. Seine Vorstände hätten ihm berichtet und versichert, dass alles in Ordnung sei. Einem langjährigen Multiaufsichtsrat wie ihm, hätte das nicht passieren dürfen.

Reitzle, das zeigte sich auch während der Ermittlungen der Staatsanwaltschaft, hat wohl ein zweifelhaftes Verständnis von der Aufsicht eines Dax-Konzerns. Er muss Vorstände kontrollieren statt nur ihrem schlichten Wort vertrauen. In den wenig glorreichen Zeiten der Deutschland-AG, die durch Intransparenz und Kumpanei gekennzeichnet waren, mag das üblich gewesen sein. In der Welt des Corporate-Governance-Kodex wirkt es wie aus der Zeit gefallen.

Würde Reitzle stattdessen den Vorständen mit einer ähnlich kritischen und distanzierten Haltung begegnen, wie er es bei Arbeitnehmern zu tun pflegt, dann hätte er vermutlich früher erkennen können, welche Rolle Conti in der Dieselaffäre gespielt haben soll.

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    Gesteuert von Ruf und Selbsterhaltung

    Offensichtlich sieht Reitzle in seiner Aufgabe als Aufsichtsratschef nicht das Ziel, die Interessen beider Seiten – der Arbeitnehmer und der Kapitalseite – auszugleichen. Ihn scheint der Selbsterhaltungstrieb und die Sorge um den eigenen Ruf zu motivieren. Dafür reicht es, wenn er sich mit den Vorständen gut hält, die im Sinne der Anteilseigner erfolgreich arbeiten. Auf diese Weise kann er seine Macht im Unternehmen festigen. Grobe Verfehlungen der Vorstände kann er so aber nicht vorzeitig erkennen.

    Reitzle wird juristisch bislang nicht belangt. Aber auch ohne formal-juristische Verfehlungen stellt sich angesichts seines Verhaltens in der Dieselaffäre, seiner Zorneslust gegenüber den Anwälten von Vitesco und seines permanenten Argwohns gegenüber der Arbeitnehmerseite die Frage, ob der 73-Jährige noch der Richtige an der Spitze des Continental-Aufsichtsrats ist. Um diese Frage wird auch der Conti-Großaktionär Schaeffler nicht herum kommen.

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