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08.08.2019

03:59

Kommentar

Revolution in der Finanzwelt: Digitale Newcomer überflügeln die Großbanken

Von: Andreas Kröner

Traditionellen Banken fällt es schwer, sich an die neuen Realitäten der digitalen Zeit anzupassen. Der Rückstand auf agile Angreifer wächst.

Veränderungen bei Großbanken sind stets komplex und langwierig. dpa

Blick auf Frankfurt

Veränderungen bei Großbanken sind stets komplex und langwierig.

Vor knapp einem Jahr hat der Zahlungsdienstleister Wirecard die Commerzbank aus dem deutschen Leitindex Dax verdrängt. Und die Entwicklung beider Konzerne könnte kaum unterschiedlicher sein. Wirecard hat seinen Gewinn im ersten Halbjahr kräftig ausgebaut und seine Prognose für 2019 am Mittwoch angehoben. Bei der Commerzbank ging der Gewinn dagegen deutlich zurück. Aus Sicht des Instituts ist es nun deutlich schwerer, das für 2019 ausgegebene Gewinnziel zu erreichen.

Wirecard ist an der Börse inzwischen rund 18 Milliarden Euro wert. Die Commerzbank kommt aktuell nur noch auf knapp sieben Milliarden Euro. Und angesichts der Wachstumspläne von Wirecard und der trüben Aussichten für deutsche Geldhäuser ist klar: Die Schere zwischen dem Newcomer aus Aschheim bei München und der Traditionsbank aus dem Frankfurter Bankenviertel wird in den kommenden Monaten und Jahren weiter auseinandergehen.

Die Entwicklung beider Unternehmen zeigt dabei einen übergreifenden Trend in der Finanzbranche: Vergleichsweise junge Firmen wie Wirecard oder der Zahlungsanbieter Klarna konzentrieren sich auf stark wachsende und profitable Bereiche des Finanzmarkts und feiern dort große Erfolge. Sie sind digital unterwegs und können sehr schnell auf neue Trends und veränderte Kundenbedürfnisse reagieren.

Alteingesessene Banken tun sich dagegen schwer, ihre langjährigen Geschäftsmodelle umzukrempeln und sich in einer neuen Welt zurechtzufinden, in der viele althergebrachte Grundsätze nicht mehr gelten: Für Einlagen, die Institute bei der Europäischen Zentralbank (EZB) parken, bekommen diese heute keine Zinsen mehr gutgeschrieben, sondern müssen Strafzinsen bezahlen.

Das wird auf absehbare Zeit auch so bleiben. Zudem rentieren sich viele Bankgeschäfte wegen der härteren Auflagen der Regulierungsbehörden heute einfach nicht mehr.

Doch für das Siechtum der deutschen Banken sind nicht nur die Rahmenbedingungen verantwortlich, sondern auch strategische Fehlentscheidungen. Den Boom im Zahlungsverkehr haben die Banken lange verschlafen. Deshalb profitieren heute vor allem Wirecard, Ayden und Paypal davon, dass immer mehr Menschen online und bargeldlos bezahlen – und nicht Deutsche Bank und Commerzbank.

Zu spät, zu langsam

Der Zug ist inzwischen abgefahren. Der Versuch der deutschen Banken, mit dem Online-Bezahlsystem Paydirekt eine gemeinsame Lösung im E-Commerce zu etablieren, kam viel zu spät. Selbst bei den Banken glaubt kaum jemand daran, dass aus Paydirekt noch eine Erfolgsgeschichte wird.

Auch in anderen Bereichen haben deutsche Großbanken Fehler gemacht. Die Deutsche Bank setzte viel zu lange darauf, dass sich das Investmentbanking erholt und wie vor der Finanzkrise Milliardengewinne abwirft. Erst vor wenigen Wochen, also elf Jahre nach dem Höhepunkt der weltweiten Finanzkrise, hat sich der Vorstand zu deutlichen Einschnitten durchgerungen. Im Rahmen des Umbaus, von dem nicht nur das Investmentbanking betroffen ist, sollen rund 18.000 Stellen gestrichen werden.

Der kleinere Nachbar Commerzbank, der in der Finanzkrise vom Staat vor dem Aus gerettet wurde, hat bereits früher tiefe Einschnitte vorgenommen. Doch die Zahlen des ersten Halbjahres unterstreichen, dass es auch bei den Gelben kein „Weiter so“ geben darf. Mit der bisherigen Strategie hat das Institut zwar zahlreiche neue Kunden gewonnen. Aber es hat es bisher nicht geschafft, dies auch in deutlich steigende Gewinne umzumünzen.

Hinzu kommt, dass die Herausforderungen für die Commerzbank und andere deutsche Geldhäuser in den kommenden Jahren größer werden. Im Zuge des Konjunkturabschwungs wird es mehr Firmenpleiten und Kreditausfälle geben. Und die Hoffnung, dass die Europäische Zentralbank in naher Zukunft die Zinsen anhebt, müssen nach den jüngsten Ankündigungen von EZB-Chef Mario Draghi auch die optimistischsten Banker aufgeben.

Bei der Commerzbank darf es vor diesem Hintergrund keine Denkverbote geben. Das Netz mit rund 1000 Filialen muss genauso auf den Prüfstand gestellt werden wie das kostenlose Girokonto und unrentable Bereiche im Firmenkundengeschäft. Gegen Wachstum ist grundsätzlich nichts einzuwenden. Aber Vorstandschef Martin Zielke sollte bei der neuen Strategie, die im Herbst vorgestellt wird, einen stärkeren Fokus auf profitables Wachstum legen.

Zielke und viele andere Bankchefs haben erkannt, dass sich ihre Geldhäuser verändern müssen. Die Institute kooperieren mit Fintechs. Und sie versuchen, selbst schneller und digitaler zu werden. Doch Veränderungen sind bei Großbanken stets komplex und langwierig.

Und angesichts der mauen Ergebnisse fehlen vielen Instituten schlichtweg die Ressourcen, um so viel Geld in Digitalisierung und andere Zukunftsthemen zu investieren, wie eigentlich nötig wäre. Die Banken müssen sich also auf schwierige Zeiten einstellen. Jubelmeldungen wie von Wirecard sind von ihnen auf absehbare Zeit nicht zu erwarten.

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