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11.07.2018

18:13 Uhr

In China sind die Börsenkurse seit dem Jahreshoch Ende Januar um rund 22 Prozent abgestürzt. AP

Broker in Peking

In China sind die Börsenkurse seit dem Jahreshoch Ende Januar um rund 22 Prozent abgestürzt.

Kommentar

Schon wieder spielen die Banken ein doppeltes Spiel mit Anlegern

VonDaniel Schäfer

Nach außen hin propagieren große Geldhäuser weiterhin steigende Aktienkurse. Doch intern rüsten sich die Profis bereits für einen Abschwung.

„Solange die Musik spielt, muss man aufstehen und tanzen“ – der berühmte Satz des einstigen Citigroup-Chefs Chuck Prince kurz vor Ausbruch der Finanzkrise 2007 ist zu einem Symbol der damaligen Hybris geworden. Heute, elf Jahre später, scheinen viele Geldhäuser einer anderen Devise zu folgen: Sie fordern ihre Kunden weiter zum Tanz auf – wollen aber selbst nicht mehr mitfeiern. Konkreter ausgedrückt: Während die Banken noch steigende Aktienkurse propagieren, rüsten sie und viele ihrer Profikunden sich längst für den Abschwung.

Sie haben dafür gute Gründe. In den vergangenen neun Jahren wurden nahezu sämtliche Finanzwerte auf Rekordhöhen getrieben. Dank der einzigartigen Manipulation durch die Notenbanken haben die Vermögenswerte schwindelerregend hohe Gipfel erklommen, von denen aus die reale Wirtschaftsentwicklung kaum mehr zu erblicken ist. Dazu drei (erschreckende) Fakten:

Erstens: Der Wert der globalen Aktien- und Kreditmärkte ist mit 180 Billionen Dollar auf 226 Prozent der weltweiten Wirtschaftsleistung geklettert – ein nie da gewesener Wert.

Zweitens: Die Aktienmärkte haben ihren Wert zwischen März 2009 und Anfang dieses Jahres auf rund 90 Billionen Dollar verdreifacht – vollkommen losgelöst von der volkswirtschaftlichen Entwicklung.

Drittens: Das Nettovermögen – sprich die realen und finanziellen Vermögenswerte abzüglich der Schulden – aller globalen Haushalte ist gut 40 Prozent höher als die Wirtschaftsleistung. Das ist ebenfalls ein Rekordwert. Dazu muss man wissen, dass Wirtschaftsleistung und Nettovermögen laut Daten der US-Notenbank Fed für Jahrzehnte stets parallel liefen und sich erst seit 1995 entkoppelt haben.

So weit die Fundamentaldaten. Doch warum sollte es ausgerechnet jetzt zum Abschwung kommen? Weil die roten Flaggen überall erkennbar sind: China ist jetzt schon in einem Bärenmarkt. Dort sind die Börsenkurse seit dem Jahreshoch Ende Januar um rund 22 Prozent abgestürzt. Der durch den US-Präsidenten Donald Trump entfachte Handelskrieg drückt die Kurse nach unten.

Die Geschichte lehrt, dass eine solche Abschottungspolitik zu einer wirtschaftlichen Krise und damit zu einem Einbruch an den Finanzmärkten führt. In Deutschland sind die ersten Ausläufer in Form erster Gewinnwarnungen aus der Industrie sowie einer deutlich gedämpfteren Stimmung in den Vorstandsetagen bereits sichtbar. In den USA rechnen die Experten dank der Trump’schen Steuerreform zwar immer noch mit einem Gewinnwachstum im zweiten Quartal.

Notenbanken drehen den Geldhahn zu

Doch auch dort dürfte die Spitze erreicht sein. Den Folgen des immer härter geführten Handelskriegs werden sich auch die US-Unternehmen nicht dauerhaft entziehen können. Hinzu kommt, dass Letztere ihre Kurse zuletzt durch überwiegend schuldenfinanzierte Aktienrückkäufe nach oben getrieben haben. Weder der Rekordschuldenstand dieser Unternehmen noch die solchermaßen aufgeblähten Aktienkurse sind dauerhaft tragbar.

Das gilt auch für die ultralockere Geldpolitik der Notenbanken. Sie haben ihre Bilanzsummen um viele Billionen aufgepumpt und dadurch den Spekulationsrausch der Anleger beflügelt. Wie in einer Badewanne ist die hohe Liquidität der Notenbanken zuletzt von der einen Ecke des Marktes in die andere geschwappt. Doch jetzt ziehen die Zentralbanken den Stöpsel.

Die US-Notenbank hat damit begonnen, die Bilanzsumme zu verringern, die Europäische Zentralbank will sie ab Anfang 2019 zumindest nicht weiter erhöhen. Gleichzeitig steigen die Zinsen – in den USA schneller, in Europa mit Verzögerung. Beides geschieht in der Hoffnung, das Wasser kontrolliert aus der Wanne laufen zu lassen. Dass dies nach der beispiellosen Geldschwemme unfallfrei gelingen sollte, ist aber eher unwahrscheinlich.

Kommentar: Schwächeres Wirtschaftswachstum ist ein doppelter Schlag für Deutschlands Banken

Kommentar

Schwächeres Wirtschaftswachstum ist ein doppelter Schlag für Deutschlands Banken

Die Konjunktur kühlt sich ab. Für die deutschen Banken ist das eine ausgesprochen schlechte Nachricht: Sie könnten nun vollends in die Krise taumeln.

Die smartesten Profiinvestoren sind daher längst dabei, sich für den Abschwung zu rüsten: Sie halten mehr Bargeld als im historischen Durchschnitt, und sie investieren in langfristige Anlagen wie etwa Beteiligungsfonds. Viele der großen Private-Equity-Firmen sammeln derzeit Geld für neue Fonds – mit dem informellen Marketing-Pitch, dass sie nach einem Absturz der Aktienkurse in ein bis zwei Jahren Unternehmen zu Schnäppchenpreisen kaufen wollen.

Und was machen die Banken? Ihre Analysten sagen laut einer Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) für den Deutschen Aktienindex im Schnitt zum Jahresende einen Anstieg auf 13.457 Punkte voraus – das sind fast acht Prozent. Woher sie diese Zuversicht nehmen, scheint schleierhaft. Oder werden diese Prognosen wider besseres Wissen erstellt, weil man das lukrative Geschäft mit den Privatanlegern nicht kaputt machen will?

Schon André Kostolany wusste: „Börsengurus empfehlen oft genau die Aktien, die sie selbst zu einem günstigen Kurs loswerden wollen.“ Die IW-Daten zeigen, dass die Experten der Banken zuletzt immer zu optimistisch waren, wenn die Kurse nach unten gingen. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt.

Kommentare (2)

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Frau Edelgard Kah

12.07.2018, 14:58 Uhr

Sehr geehrter Herr Schäfer,

selbstredend kann es jederzeit zu einer tiefgreifenden Korrektur aller Vermögenspreise kommen. Aber dann kommt auch private equity mit unter die Räder. Gegen einen crash der Vermögenspreise helfen nur cash und short Produkte.

Zum Thema Liquditätsentzug durch die Zentralbanken: In Europa sind wir davon noch weit entfernt. Und in den USA verringert zwar die FED ihre Bilanzsumme. Auf der anderen Seite wirken aber die Steuersenkungen wie ein gigantisches Konjunkturprogramm, das den Aufschwung der Wirtschaft um ein oder zwei Jahre verlängert. Und für die Gewinne von corporate America erwarten die Analysten dieses Jahr ein Plus von sagenhaften 20 %. Zusammen mit den gigantischen Aktienrückkaufprogrammen dürfte dies die Leitbörse dieser Welt noch ein oder zwei Jahre befeuern.

Zum Thema "Fortgang des Handelskrieges" kann auch ich nur spekulieren. Mir scheint, dass die Abschottungspolitik auch in den USA alles andere als populär ist und die Wahlchancen der Republikanischen Partei bei den Parlamentswahlen am 6. November mindert. Anscheinend weiß das auch Donald Trump. Vielleicht betrachten Sie einma seinen letzten Schlag gegen die verhaßten Chinesen. Danach sollen zusätzlich chinesische Einfuhren in die USA im Volumen von 200 Milliarden Dollar mit einem Einfuhrzoll von 10 % belegt werden. Das Reich der Mitte müßte somit zusätzlich 20 Milliarden Dollar an die amerikanische Staatskasse abführen. Dass sich die Börsen über diese Lappalie aufregen, verstehe ich nicht. Aus meiner Sicht deutet sie darauf hin, dass bei Trump der Hang zu protektionistischen Maßnahmen bereits sehr stark abklingt.

Herr Andre Peter

13.07.2018, 10:41 Uhr

"Schon wieder spielen die Banken ein doppeltes Spiel mit Anlegern"
Ist das nicht immer so, die Banken oder der Bäcker verkauft seine Produkte....
Beim Bäcker gibt es Brötchen, die kann man kaufen oder nicht - je nachdem, ob sie einen schmecken oder nicht - manchmal bekommt man Bauchschmerzen.
Ähnlich ist es bei Banken.
Das schöne ist, dass man in "Brötchen mit Bauchschmerzen" auch short gehen kann.
Das geht beim Bäcker leider nicht! Danke, liebe Banken!
Übrigens ist jedem gestattet eine eigene Meinung zu haben über alle möglichen Anlageklassen hinweg - den Banken wie auch den Investoren.

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