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01.08.2019

15:44

Kommentar

Siemens-Umbau: Kaeser muss seine strategischen Fähigkeiten jetzt beweisen

Von: Axel Höpner

Siemens steht vor einem Umbau und muss viele Hürden gleichzeitig nehmen. Im Abschwung könnten sich auch die Nachteile der neuen Struktur zeigen.

Die Börse begleitet den Umbau des Siemens-Chefs bislang eher skeptisch. dpa

Joe Kaeser

Die Börse begleitet den Umbau des Siemens-Chefs bislang eher skeptisch.

Man kann kaum überschätzen, wie massiv der Umbau ist, den Siemens-Chef Joe Kaeser dem Traditionskonzern verordnet hat. Aus dem traditionsreichen Mischkonzern mit all seinen Stärken und Schwächen wird eine operative Holding mit dem Digitalgeschäft als industriellem Kern.

Der nächste große Schritt ist die Abspaltung der Energiesparte im kommenden Jahr. Damit trennt sich Siemens nicht nur von 40 Prozent des Umsatzes, sondern nach der Telekommunikation zum zweiten Mal von historischen Wurzeln.

Mutlosigkeit also kann man Kaeser nicht bescheinigen. Der deutschen Autoindustrie zum Beispiel werfen viele ja aus gutem Grund vor, dass sie in den goldenen Zeiten nicht rechtzeitig umsteuerte in Richtung Elektromobilität.

Neu erfinden aber, ist der Ex-SAP-Chef und heutige Siemens-Aufsichtsratschef Jim Hagemann Snabe überzeugt, müssen sich Konzerne, wenn es ihnen gut geht. Wenn sie erst einmal in der Krise stecken, ist es zu spät, selbstbestimmt umzusteuern.

Die Bewährungsprobe für die neue Struktur kommt schneller, als Kaeser lieb sein dürfte. Siemens bekommt die Konjunkturabkühlung, noch während der Umbau in Gang ist, in voller Breite zu spüren. Das haben die Zahlen für das dritte Quartal gezeigt. Zwar ist der Auftragsbestand beruhigend, es besteht kein Grund zur Panik.

Anzeichen in der Bilanz

Im Gegensatz zu anderen kann Siemens auch die Prognose halten. Doch gerade in der Autoindustrie und im Maschinenbau gibt es eine Investitionszurückhaltung, die den Fabrikausrüster Siemens trifft.

In der Flaute sollten nun eigentlich die Stärken der neuen Siemens-Struktur zum Tragen kommen: Die verselbstständigten Einheiten können schneller und flexibler reagieren und wissen am besten, an welchen Kostenschrauben gedreht werden kann und welche Zukunftsinvestitionen trotzdem notwendig sind.

Ein bürokratischer Zentralen-Überbau kann in solchen Situationen hemmen. Doch die Quartalsbilanz deutet auch schon an, welche Nachteile die neue Struktur hat. Zum einen lassen die Probleme bei Siemens Gamesa erahnen, wie schwierig die indirekte Führung von Tochterunternehmen über den Aufsichtsrat ist.

Wenn Siemens-Finanzvorstand Ralf Thomas sagt, mit der Entwicklung bei dem Windkraftspezialisten sei man als Anteilseigner „nicht glücklich“, kann man das auch als eine gewisse Hilflosigkeit interpretieren. Vor allem aber dürfte Siemens schwankungsanfälliger werden. Das war ja früher bei Mischkonzernen Fluch und Segen zugleich: Ertragsstarke Sparten konnten schwächelnde Bereiche eine Zeit lang mit durchschleppen.

Ging es mit konjunktursensiblen Bereichen bergab, halfen langzyklische Geschäfte wie das lange ertragsstarke Kraftwerksgeschäft. Das hatte auch seine Nachteile: Schwächen wurden kaschiert und dadurch teilweise später angegangen. Doch insgesamt hatte die Konglomeratsstruktur auch eine stabilisierende Wirkung.

Dieser Effekt wird bei Siemens schwächer werden, je mehr Geschäfte abgespalten werden. Im abgelaufenen Quartal sanken die Gewinne in den beiden künftigen Kerngeschäften, den Digitalen Industrien und der Intelligenten Infrastruktur, spürbar. Dass die Marge des Gesamtkonzerns nicht noch weiter zurückging, lag an der guten Performance der verselbstständigten Healthineers und Mobility.

Börse blick kritisch auf Siemens

Zyklische Abschwünge im Automatisierungs- und Digitalgeschäft werden den kleineren, spezialisierteren Siemens-Konzern künftig stärker treffen. Zudem muss das Unternehmen aufpassen, dass es in diesen Feldern technologisch nicht eines Tages wichtige Entwicklungen verpasst. Sonst ist nicht mehr viel übrig vom großen Traditionskonzern Siemens.

Die Börse begleitet Kaesers Umbau bislang eher skeptisch. Eigentlich sollen durch die Ausgliederung von Einzelteilen, wie den Börsengang der Medizintechniksparte Healthineers, und durch die angekündigte Abspaltung der Energiesparte ja schlummernde Werte gehoben werden. Der Börsenkurs reagiert aber kaum. Aktuell liegt die Aktie bei 95 Euro. Vor drei Jahren lag sie auch dort.

Bislang also zahlt sich Kaesers Strategie noch nicht aus – weder an der Börse noch bei den operativen Margen, die im dritten Quartal unter die Zehnprozentmarke fielen. Daraus lässt sich noch kein abschließendes Urteil über die neue, noch nicht vollendete Struktur fällen.

Die einzelnen Unternehmen sind noch stark mit sich selbst beschäftigt, die Effizienzsteigerungen durch die Verschlankung werden erst in einigen Quartalen greifen. Doch klar ist, dass der Umbau Risiken birgt – und auch von einem Nachfolger kaum umkehrbar ist.

Siemens muss in den nächsten Monaten in einem widrigen Umfeld viel auf einmal gelingen. Das ist Herausforderung genug. Doch bei all dem sollte sich Kaeser auch nach sinnvollen, größeren Akquisitionen für das digitale Kerngeschäft umsehen, damit der Konzern nach Abspaltung des Energiegeschäfts zumindest etwas zu alter Größe zurückfindet.

Mehr: Trotz des niedrigeren Gewinns bestätigt der Konzern seine Prognose. Dabei wird Siemens wohl am unteren Rand seiner Vorhersage landen. Die Anleger sind skeptisch.

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