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14.07.2022

17:20

Kommentar

Trotz aller Hysterie: Die Angst vor der sicheren Rezession ist übertrieben

Von: Julian Olk

Sorge um die wirtschaftliche Lage in Deutschland ist angebracht. Panik nicht. Die Störfaktoren sind enorm – vor allem wegen eines Risikos.

Selbst der derzeit größte Risikofaktor für die deutsche Volkswirtschaft würde wohl nicht zwangsläufig zu einer schweren Rezession führen. Imago Images

Die Sonne taucht hinter der Kuppel des Reichstags auf

Selbst der derzeit größte Risikofaktor für die deutsche Volkswirtschaft würde wohl nicht zwangsläufig zu einer schweren Rezession führen.

War der Crash-Prophet früher noch ein Exot, ist Hysterie inzwischen zum Volkssport geworden. Politiker, Ökonomen und auch Journalisten zeichnen in diesen Tagen ein Bild, in dem die Bundesrepublik unaufhaltsam auf den Abgrund zurast.

Die Angst vor dem Wort mit dem großen R ist zurück: der Rezession. Doch Panik ist nicht nur ein schlechter Ratgeber. Sie ist auch nicht angebracht.

Es stimmt: Mit hohen Energiepreisen, globaler Unsicherheit durch den Ukrainekrieg, Arbeitskräftemangel und der Ungewissheit über die Coronapandemie liegen auf der Volkswirtschaft mehrere schwere Lasten. Doch die Angst vor der großen Rezession ist unberechtigt. Dafür wirken in Deutschland fast vergessene Auftriebskräfte noch immer zu stark.

Der Auftragsbestand der Unternehmen ist so hoch wie noch nie. Sie haben zwar aufgrund fehlender Materiallieferungen Probleme, ihn abzuarbeiten. Aber die Produktion läuft immer besser. Und selbst der Rückschlag durch die globale Unsicherheit, die für weniger neue Bestellungen bei den deutschen Unternehmen sorgt, kann diesen kaum etwas anhaben. Der Puffer ist groß genug.

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    Außerdem sitzen die Haushalte auf massiven Ersparnissen, die sie während der Pandemie nicht im Restaurant oder Freizeitpark ausgeben konnten. Die hohe Inflation frisst davon einen Teil auf. Der Konsum zieht trotzdem an und stützt so die Wirtschaft.

    Die Störfaktoren sind zwar enorm, das Konjunkturschema zeigt aber weiterhin Aufschwung an. Der ist zwar arg gedämpft, seriöse Wirtschaftswissenschaftler rechnen für das laufende Jahr nur noch mit einem Wachstum von um die zwei Prozent. Und aktuell lässt sich auch sagen, dass Deutschland je nach Definition schon in einer kurzfristigen technischen Rezession steckt.

    Rund zwei Prozent Wachstum sind immer noch angezeigt

    Von der großen Rezession ist das aber weit entfernt. Es ist gut möglich, dass die Wirtschaft nicht einmal um zwei Prozent wächst. Aber selbst eine Stagnation könnte Deutschland verkraften. Vergleiche mit den 1970er-Jahren oder der Weltwirtschaftskrise sind deplatziert. 2008 etwa ging die Wirtschaftsleistung um fast sechs Prozent zurück.

    Vor allem die Inflation ist ein Risiko. Preissprünge werden uns nicht nur in den nächsten Monaten, sondern in den nächsten Jahren begleiten. Das aber ist nicht zu verwechseln mit Panikmache, wonach uns Inflation allesamt arm macht.

    Das würde erst passieren, wenn sie völlig aus dem Ruder liefe. Doch dafür gibt es bislang keine Anzeichen. Trotz höherer Lohnforderungen werden die Gehälter weniger steigen als die Preise.

    Grafik

    Der Europäischen Zentralbank kann man sicher ankreiden, die Zinswende zu spät eingeleitet zu haben. Und Länder wie Italien stehen vor einer harten Landung nach dem Freiflug des billigen Geldes. Doch Geld- und Fiskalpolitik haben dafür Kriseninstrumente. Inflation und Zinswende sind ein Niederschlag, kein Knock-out.

    Selbst der derzeit größte Risikofaktor für die deutsche Volkswirtschaft – ein anhaltender Lieferstopp von russischem Gas – würde wohl nicht zwangsläufig zu einer schweren Rezession führen. Berechnungen der größten deutschen Forschungsinstitute zeigen: Es ist unwahrscheinlich, dass ein Embargo überhaupt zu einer Gasmangellage führt.

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