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18.06.2019

11:55

Kommentar

Twittern Sie weiter, Herr Kaeser!

Von: Thomas Tuma

Siemens-Chef Joe Kaeser hat mit einem Tweet zum Fall Lübcke danebengelegen. Und sich umgehend für seinen Fauxpas entschuldigt. Damit sollte es gut sein.

Der Tweet von Joe Kaeser und seine Entschuldigung.

Siemens-Chef

Der Tweet von Joe Kaeser und seine Entschuldigung.

Joe Kaeser hat es wieder getan: Der Vorstandschef von Siemens hat getwittert. Diesmal ging es um den Fall des von einem offenbar Rechtsradikalen erschossenen CDU-Politikers Walter Lübcke.

Dazu fiel Kaeser ein, dass „die letzten politisch motivierten Morde in Deutschland“ von der RAF, also von „scharf links“ begangen worden seien und dass „alle Ränder am Abgrund liegen“. Die Blutspur des NSU hatte der Topmanager damit glatt unter den Tisch fallen lassen, was prompt einen Shitstorm provozierte.

Kaeser hat sofort danach die „Missverständnisse“ bedauert, die sein Tweet provoziert habe. Aber natürlich war es da schon zu spät. Die bundesdeutsche Empörungsmaschine hatte längst Fahrt aufgenommen.

Vergessen war, dass gerade Kaeser sich mehrfach klar gegen rechts positioniert hat: Mit „Lieber ‚Kopftuch-Mädel‘ als ‚Bund Deutscher Mädel‘“ hatte er vor fast auf den Tag genau einem Jahr die AfD attackiert – und ebenfalls einen Sturm der Empörung kassiert. Damals von der anderen Seite des politischen Spektrums.

Kaeser erzählte erst jüngst, dass seinerzeit natürlich nichts mit seinen Kommunikationsleuten abgesprochen gewesen sei, die sonst „tot umgefallen wären oder es mir verboten hätten“. Und genau das ist Vor- wie Nachteil an digitaler Kommunikation.

Das Problem von Social Media, also Twitter, Instagram oder Facebook: Sie verlangen ein gewisses Maß an Echtheit und Authentizität. Was sich PR-Stäbe für solche Plattformen ausdenken, wird völlig zu Recht eher abgebucht als Reklame.

Aber wenn Führungspersönlichkeiten wie Joe Kaeser dann bisweilen ungeschützt ihre persönliche Meinung zum Besten geben, kann das wiederum für ihre Konzerne fatale Kollateralschäden haben.

Das gilt sicher weniger für Siemens, das keine Turbine weniger verkauft, weil der Chef gerade mal wieder verhaltensauffällig wird. Aber Unternehmen mit einem starken Konsumentengeschäft von Adidas bis Zalando werden sich zweimal überlegen, was opportun ist. Für einen falschen Satz ihrer Chefs können sie schnell mal bestraft werden von streikenden Kunden.

Es gibt durchaus auch in der Wirtschaft wahre Social-Media-Helden wie etwa John Legere, Chef der Telekom USA, der Twitter und Instagram so raffiniert bespielt wie Anne-Sophie Mutter ihre Stradivari – und nebenher noch Werbung macht für T-Mobile USA. Und es gibt Leute wie Joe Kaeser, die noch üben, sich ausprobieren, Grenzen ausloten.

Was für Topmanager wollen wir eigentlich?

Die Grundsatzfrage ist deshalb schnell: Was für Topmanager wollen wir eigentlich? Die in den PR-Windkanälen ihrer Unternehmen Glattpolierten, die lieber schweigen oder sich hinter vorformulierten Phrasen ihrer Pressestellen verstecken? Oder echte Menschen mit Ecken und Kanten, mit klar formulierten Werten und Persönlichkeit, zu der eben auch mal eine Panne, eine Fehleinschätzung gehören?

Siemens hat weltweit fast 400.000 Beschäftigte. Joe Kaeser hat 20.000 Follower. Das ist viel zu wenig, um Twitter als Werbeplattform begreifen zu dürfen, aber genug, um massenwirksam mal klug, mal dumm aufzufallen.

Insofern hat Joe Kaeser mit dem, was er sagt, auch eine Verantwortung gegenüber dem Unternehmen, das er repräsentiert. Weit weniger mächtige Zeitgenossen versuchen, dieses Dilemma dadurch zu lösen, dass sie ihre Tweets als rein privat deklarieren. Das funktioniert bei einem Kaeser natürlich eh nicht. Aber für seinen Fauxpas zu Lübcke hat er sich entschuldigt. Damit sollte es gut sein. Schlimmer wäre es, wenn er sich von den neuen Bühnen des 21. Jahrhunderts zurückziehen würde.

Twittern Sie weiter, Herr Kaeser! Die Welt braucht Unternehmer und Manager, die sich auch gesellschaftlich und politisch einbringen.

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