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05.12.2022

16:19

Kommentar

Volkswagen braucht den neuen Realismus von Konzernchef Blume

Von: Stefan Menzel

Der frühere VW-Chef Herbert Diess wollte zu viel vom Wolfsburger Autobauer. Sein Nachfolger Oliver Blume muss die hehren Wünsche zusammenstreichen.

Volkswagen braucht statt kühner Träume eine ordentliche Portion an Realismus. dpa

VW-Logo

Volkswagen braucht statt kühner Träume eine ordentliche Portion an Realismus.

Herbert Diess hatte seine ganz eigene Vision: Der frühere Volkswagen-Chef wollte den Autohersteller am Vorbild von Tesla ausrichten. Die VW-Fertigung sollte dasselbe Produktivitätsniveau wie das des US-Konkurrenten erreichen, und bei der Software sollten die Wolfsburger in wenigen Jahren in der ersten Liga spielen.

Doch Oliver Blume hat andere Pläne. Unter dem neuen Konzernchef wird immer deutlicher, dass Diess das Unternehmen überfordert hat. Volkswagen ist eben nicht Tesla, sondern ein traditioneller Autohersteller, der viel Ballast aus der Vergangenheit mit sich schleppt.

Volkswagen braucht statt kühner Träume eine ordentliche Portion an Realismus – genau das, was Blume dem Autohersteller in seinen ersten 100 Tagen im Amt verordnet hat. Diess hat viele Projekte nur angeschoben und zu wenig auf deren tatsächliche Umsetzung geachtet. Das ist es, was Oliver Blume jetzt leisten muss.

VW muss die Software-Entwicklung strecken

Die ersten Entscheidungen von Blume machen Hoffnung, dass Volkswagen inzwischen mit der nötigen Portion Realismus unterwegs ist. Der Konzern braucht für seine künftigen Fahrzeuggenerationen eine Software, die tatsächlich einsatzfähig ist. Blume hat gesehen, dass die Konzerneinheit Cariad mit ihrem bisherigen Software-Programm überfordert war. Also wird das Entwicklungstempo verlangsamt und die Software-Projekte werden zeitlich gestreckt.

Mehr Realismus tut auch beim autonomen Fahren gut. Viele Autohersteller haben inzwischen erkannt, dass komplett eigenständig fahrende Autos mindestens für die kommenden zehn Jahre ein Zukunftstraum bleiben werden. Blume zieht daraus die Konsequenzen und speckt ab. Die Premiummarken Porsche und Audi müssen sich mit dem begnügen, was technisch möglich und bezahlbar ist – gute Assistenzsysteme, die das Fahren zeitweilig bequemer und einfacher machen.

Blume scheut auch vor unbequemen Entscheidungen nicht zurück. Ein allerletzter Beschluss ist zwar noch nicht gefasst. Doch inzwischen glaubt niemand mehr in Wolfsburg so recht, dass das neue Autowerk für das Trinity-Projekt überhaupt noch gebaut wird. Der neue Konzernchef hält die bislang geplante Fabrik für verzichtbar – und nimmt dafür auch möglichen Ärger mit der Stadt Wolfsburg und dem Großaktionär Niedersachsen in Kauf.

Der endgültige Verzicht auf die Trinity-Fabrik wird nicht die letzte unpopuläre Entscheidung sein, die Oliver Blume in den kommenden Jahren zu treffen hat. Warum nicht auch Lamborghini an die Börse bringen, um mehr Geld in die Konzernkassen zu holen? Blume könnte genauso die Software-Einheit Cariad auflösen und die Entwicklungshoheit zu den Marken zurückholen.

Volkswagen braucht diesen neuen Realismus. Träumereien sichern keine Zukunft.

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